Die flächendeckende Ausbreitung des Internets hat vieles verändert und einen Datensammlungswahn losgetreten. Vor gerade einmal 15 Jahren musste man sich via Modem in das Internet einwählen, pro Minute bezahlen und, während man im Schneckentempoim Internet surfte, war das Telefonieren unmöglich. Das Einwahlgeräusch eines Modems können sicherlich viele immer noch summen. Doch was ist seitdem passiert? Internet. Überall. Immer. Sogar auf Mobiltelefonen. Ohne dieses Internet funktioniert nichts mehr. Im Jahr 2015 wird für viele jede Minute ohne (bzw. mit langsamer) Verbindung zum World Wide Web zur Qual.
Eine digitale Revolution. Eine zweite industrielle Revolution, über welche in wenigen Jahrzehnten vermutlich Schülerinnen und Schüler an jeder Schule unterrichtet werden. Und über die Zeit vor dem Internet, als die Menschheit noch nicht gläsern war.

Neben allen guten Dingen ist es bekannter Weise möglich, Nutzerprofile zu erstellen. Datensammlung wird immer wichtiger. Google Analytics, um herauszufinden wer zu welcher Uhrzeit von wo welche Internetseite besucht. Im Idealfall inklusive Alters-, Ausbildungs- und Berufsgruppenzuordnung. Veranstaltungsticketsysteme und Onlineshops, für die es wichtig ist, ihre Konsumenten genau zu analysieren. Alles nichts Neues. Nun der – zumindest hierzulande – neueste Trend: „cashless payment“ bei Veranstaltungen und Festivals. Kürzlich beim Berlin Festival zum Beispiel, aber auch beim diesjährigen Melt! Festival und vielen weiteren: Ein im Festivalbändchen integrierter Chip muss mit Geld aufgeladen werden. Der Vorteil: Man muss keine Geldbörse mit sich rumtragen. Das wars aber auch schon. Also wo ist der Vorteil? Auf Konsumentenseite gibt es einen ganz klaren Vorteil, nämlich keinen. Auf Veranstalterseite heißt der Gewinn „Datensammlung“. Mittels des Chips, welcher natürlich auch mit sämtlichen persönliche Daten aus dem Ticketsystem aufgeladen ist, kann genau nachvollzogen werden, wer wann wo was konsumiert hat. Welche Altersgruppe trinkt und isst zu welchem Zeitpunkt was am liebsten? Gibt es Konsumunterschiede abhängig von der Herkunft der Gäste? Trinken Engländer lieber Bier oder Jägermeister?

Berlin Festival 2015 - Freitag
© Stephan Flad

Warum ist diese Datensammlung wichtig für die Veranstalterseite? Ganz einfach: Daten besitzen heißt Macht haben. Detaillierte Nutzerprofile sind in jeder Sponsorenverhandlung wichtig. Während der Kunde glaubt, dass dieses System einfach nur nervt, sind sich viele nicht bewusst, dass andere mit diesem nervtötendem System Geld verdienen.

 

Datenschutzrechte müssen überdacht werden und der Datenhandel muss reguliert werden.

Das Internet und sein Datensammlungswahn ist ein pervertiertes Konstrukt. Während im „klassischen System“ Menschen Geld verdienen, indem sie Ressourcen von anderen käuflich erwerben, setzt man in der Neuzeit auf Ausbeutung. Rosa Luxemburg sprach von „innerer Landnahme“ – das ist so ungefähr das was hier passiert. Der immer hungrige Kapitalismus frisst uns von innen auf, ohne dass wir es merken (wollen).

Gleichzeitig sind Daten aber auch außerhalb dieses Zusammenhangs heiß begehrt. So scannte die Polizei beispielsweise die Gesichter jedes Besuchers des Download Festivals. Warum? Daten besitzen heißt Macht haben. Ein Mix aus George Orwells „1984“ und Michel Foucaults „Überwachen und Strafen“  – nur in einem Ausmaß, das weder Orwell noch Foucault sich hätten ausmalen können. Während auf der einen Seite Daten als Ressourcen genutzt werden, dienen sie auf der anderen Seite als Machtinstrument.

Wir glauben, wir sind frei wie nie. Faktisch aber sind es in keiner Sekunde mehr. Handyapps, deren AGBs im Kleingedruckten sagen, dass sie jederzeit Bilder, Audio-Dateien etc. aufzeichnen und versenden dürfen (Facebook Messanger App) nimmt nahezu jeder in Kauf. Die Diskussion um WhatsApp und Co. war groß, ist aber abgeflacht. Selbst in „Offline-Momenten“ wie auf Festivals fühlen wir uns frei, lediglich genervt vom neuen bargeldlosen System, versuchen aber zu ignorieren, was eigentlich passiert. Hier ist die Politik gefragt. Datenschutzrechte müssen überdacht und der Datenhandel muss reguliert werden. Eine Debatte, die geführt werden muss – und nicht ignoriert werden darf.

Foto Montage: Sarah Psalti