Frank am Wasserfall
Frank am Wasserfall

„Wir alle Träumen davon frei zu sein. Aber am Ende müssen wir doch alle dran glauben und von neun bis fünf für irgendwen die Sklavenarbeit verrichten…“ Genau diese miesepetrige Weisheit wurde mir vor elf Jahren von einer menopausierenden Rucksacktouristin in einem Hippie-Cafe auf einer thailändischen Insel aufgetischt. Ich, damals 23, meilenweit von der Selbstfindung entfernt, war kurz vor Abschluss meines Studiums und auf meiner abenteuerlichen Reise an exotische Strände und überwältigende Wasserfälle verständlicherweise total ins Träumen geraten, was meine berufliche Zukunft angeht. Ich wollte irgendwie schöne Dinge machen und davon leben und berühmt werden. Natürlich alles andere als auch nur im Entferntesten den Beruf ausüben, den ich in den letzten fünf Jahren des Studiums erlernt hatte. Höchstwahrscheinlich war die Rucksacktouristin komplett genervt von meiner Naivität oder sogar empört von meinem Hochmut, ich sei für etwas Besseres bestimmt. Zumindest gab sie sich ziemlich unbeeindruckt von meinen Vorstellungen, dass ich ein Leben als Angestellter in irgendeiner tristen Firma nicht führen würde. Sie meinte es vielleicht auch gar nicht böse, mir meine Hoffnungen auszureden. Doch weder sie noch ich konnten ahnen, dass diese Unterhaltung mich für die nächsten Jahre ziemlich beschäftigen würde.

Ich hab ihr das damals komplett abgekauft. Dass jeder Dussel eigentlich davon träumt, nicht einen normalen, strunzlangweiligen Beruf zu haben und in einem grauen Büro zu schuften, während das spannende, bunte Leben draußen an einem vorbei zieht. Mit knallenden Korken und Konfetti. Wenn jeder das eigentlich nicht will, es aber doch tun muss, warum sollte ich denn da die große Ausnahme sein? Ausgestattet mit einem relativ bescheidenen Selbstbewusstsein, entschied ich mich damals dazu, mich meinem Schicksal als weiteres trauriges Zahnrad hinzugeben und ließ mich auf eine angebotene Festanstellung ein. Für die nächsten sechs Jahre. Seufz …

Frank am Wasserfall

Meine Familie stammt aus dem karrieremäßig ziemlich eingeschränkten Osten. Wenn für uns eines das oberste Gebot war, dann war es die Sicherheit. Einen festen Beruf zu haben, mit guten Einkommensmöglichkeiten, das war auf jeden Fall sehr empfehlenswert. Meine Eltern haben mich nie zu irgendwas gegängelt oder überredet. Zum Glück! Sie waren sehr liberal mit meiner Berufswahl und hätten mir wahrscheinlich auch was viel Ausgeflippteres finanziert. Dennoch war ich natürlich von meinem Umfeld und den Entscheidungen und Erfahrungen meiner Eltern nach der Wende beeinflusst. Die Tücken und Abgründe des Unternehmerdaseins wurden mir in den 90ern schön durch all die Nachwende-Pleiten vieler ostdeutscher Firmen vorgelebt. Darauf habe ich natürlich unterbewusst reagiert. Meine Risikobereitschaft, beruflich etwas zu wagen, war gleich null. So richtig schön Weichei-mäßig, wenn ich das jetzt so im Nachhinein betrachte.

Meine sechs Jahre als Angestellter waren überraschend angenehm. So ätzend, wie ich es befürchtet hatte, wurde es nicht. Die Arbeitszeiten waren flexibel, die Kollegen nett und sogar mein Glasbüro hatte einen freudebringenden Namen: die „Lilalaunebox“. Dennoch kam immer wieder ein Gefühl in mir hoch, dass etwas fehlt. Meine lila Box wurde mit den Jahren irgendwie immer kleiner. Etwas Eigenes, mehr Selbstbestimmung, mehr Freiheit und um Himmels Willen nicht immer wieder diese unsägliche Routine jeden Tag, nach all dem sehnte ich mich. Mich überkam das erdrückende Gefühl der Bequemlichkeit. Ich merkte: Fuck, wenn ich hier nicht selber mit dem Arsch hochkomme, dann bleib ich hier wie viele meiner Kollegen einfach bis zur Rente. Nach etwa zwei Jahren wusste ich, ok, so kann es nicht weitergehen. Es hat mich allerdings noch vier weitere Jahre gekostet, bis sich wirklich mal etwas geändert hatte.

Irgendwann hat sich für mich in meinem wirren Kopf so ein bisschen das Vorhaben verfestigt, dass ich noch vor 30 die Freiberuflichkeit angehen müsste. Wenn ich es bis dahin nicht schaffte, dann würde ich eh schon viel zu eingewöhnt in meinem Lebensstandard sein. Die Vorstellung, dass ich mit über 30 womöglich aufgrund von finanzieller Not von meiner schönen Zweiraumwohnung am Boxi in eine verlauste WG ziehen müsste, war für mich ein Graus. Aber so ein Fünkchen Ehrgeiz und Stolz eines Kreativen steckte dann doch in mir, wer hätte es gedacht?

Frank am Wasserfall

Was mich am Ende dann doch in die Eigenständigkeit gehievt hat, war mein Blog iHeartBerlin, den ich irgendwann planlos nebenbei angefangen hatte. Binnen weniger Jahre hatte es sich abgezeichnet, dass da ein gewisses Potenzial drin steckt, und so nährte und goss ich es stetig, mein kleines, heranwachsendes Pflänzchen. Ich wusste irgendwann, ich kann dieses Potenzial nicht freisetzen, wenn ich nicht endlich mal aus meiner „Lilalaunebox“ gekrochen komme.

Ich glaube, das ist wahrscheinlich so ein bisschen der Schlüssel für diesen Schritt vom Angestellten zum Freiberufler. Einfach einen Job zu kündigen und sich dann ohne jeglichen Kundenstamm, Connections oder finanzielle Rücklagen in die freie Welt zu stürzen, ist schon so ein bisschen irre. Zumindest würde das einem so viel Mut und blinde Zuversicht abverlangen, wie ich sie niemals gehabt hätte. Aber wenn sich da so ein mickriges Pflänzchen über die Jahre zu einem kleinen Baum mit langen Ästen entwickelt hat, über die man aus seinem kleinen Käfig des Angestelltendaseins klettern kann, dann ist der Schritt in die Freiheit doch viel einfacher. Mein ultimativer Tipp: Topfpflanze ins Büro! Und Gießen nicht vergessen!

Wenn ich heute an meine Unterhaltung auf der Insel zurückdenke, dann würde ich der Tante am liebsten rückwirkend die Meinung geigen. Offenbar hatte sie selber einen Traum, den sie nicht verwirklichen konnte und ihren Frust hat sie dann an mir ausgelassen, in dem sie souverän meine Träume zerstampft hat mit ihren durchgelatschten Wandersandalen. Bitch. Es stimmt schon, das Dasein als Freiberufler ist eine große Herausforderung und wahrscheinlich nicht jeder wird darauf klarkommen. In der Tat hab ich in diesen elf Jahren viele Menschen getroffen, die auf Biegen und Brechen keine Selbstständigen sein wollen und immer nach einer wenn auch noch so dürftigen Festanstellung lechzen. Aber jedem, der meint, er wolle sich nicht in dieses staatlich konstruierte System der festen Arbeit reinpressen lassen, wie es Familie, Freunde oder frustrierte Rucksacktouristen von ihm erwarten, dem rate ich: Go for it! Zumindest für mich war es das Beste, was ich bisher mit meinem Leben angestellt habe.