Wofür Neuheiten von Tim Cook und Co. jedoch immer sorgen, ist Gesprächsstoff. Egal ob MP3-Player (iPod), Handys mit Touchscreen (iPhone) oder jüngst die Smart Watch (Apple Watch) – keine dieser Gerätekategorien hat Apple erfunden, sie wurden aber oft erst durch Apples Interpretation massentauglich, auch weil die Ideen oft besser umgesetzt wurden als bei der Konkurrenz.

Auf der Entwicklerkonferenz WWDC in San Francisco Anfang Juni verkündete Apple mit der nächsten Iteration des mobilen Betriebssystem für Smart-Devices – iOS 9 – eine neue App mit dem Namen „Apple News“. Eine Fußnote, scheinbar von nicht allzu großer Bedeutung. Aber immer, wenn es um neuartige Aufbereitungen und Distributionsmodelle von medialen Inhalten ging – ob Musik, Filme, Apps oder E-Books –, hatte Apple ein Wörtchen mitzureden. Erfolgreichstes Modell: iTunes und der App Store. Apple verstand immer gut, wie User Inhalte konsumieren möchten. Und noch wichtiger: Man verstand es zudem, User auch noch dazu zu bringen, für Inhalte zu bezahlen, da diese wie im Falle der Musik oder Apps komfortabel (und legal) aufbereitet werden.

Dass es mit Flipboard und ähnlichen Apps schon seit Jahren Anwendungen gibt, die in etwa das können, was Apple verspricht – und ob dreist abgekupfert wurde oder nicht – ist in diesem Zusammenhang gar nicht so wichtig. Angeblich soll sogar in den Anfangstagen von Flipboard der frühere Apple-CEO Steve Jobs dem Start-up einen Besuch abgestattet und sich vom schlanken Design der News-App sehr angetan gezeigt haben. Übernahmegerüchte kursieren seither in regelmäßigen Abständen durch die Newsticker. Auch die Konkurrenz von Google und Twitter steht immer wieder im Zusammenhang mit einer vermeintlichen Akquisition.

Seit Apple vor zwölf Jahren mit dem iTunes Store begann, Alben und Songs als digitale Files zu verkaufen und etablierte und gelernte Vermarktungskonzepte der Musikindustrie damit auf den Kopf stellte, hat sich nicht nur die Monetarisierung und das Medienformat von Musik verändert, sondern auch der Konsum. Songs, die einzelnen integralen Bestandteile, wurden aus der Albumklammer herausgelöst. Musste man bei einem Album oder einer Compilation auf einer Schallplatte/CD/Tape immer auch Lieder mit kaufen, die man unter Umständen gar nicht so gut fand, fingen Musikhörer plötzlich an, sich ihre eigenen Playlists mit handverlesenen Sound-Rosinen zu bestücken. Heute bestimmt das Format Playlist die großen Streaming-Anbieter wie Spotify, Rdio, neuerdings aber auch Tidal und eben wieder Apple, die nach der milliardenschweren Übernahme von Beats Music ebenfalls auf der WWDC endlich auch einen eigenen Streaming- Service mit dem schlichten Namen „Apple Music“ präsentierten. Playlists gibt es heute für jeden Anlass: Slow Cooking, den Heimweg von der Arbeit, Lernen, Yoga, Computer spielen, Joggen oder für vor, während und nach dem Sex. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass in jeder dieser Listen ein Song der Band alt-j zu finden ist. Auch das gehört zur Logik des neuen Medienkonsums.

Auch Facebook zeigte kürzlich mit „Instant Articles“ ein Feature, das sich um die Aufbereitung von journalistischen Inhalten dreht. Wie bei Apple und Flipboard werden hier Texte verschiedenster Anbieter in ein eigenes Design und Layout überführt. Mit Hilfe von Algorithmen, dem Einstellen eigener Vorlieben, Leseverhalten und anderen Empfehlungsmechanismen soll sich jeder Leser ein ganz individuelles, perfekt abgestimmtes Angebot zusammenstellen können. Eine Art Meta-Magazin, eben wie eine Playlist mit den eigenen Lieblingsliedern. So soll das Lesen der Zukunft aussehen. Schon als 2010 das iPad auf den Markt kam, gab es einen ersten Hype um eine neue Ära des Digital Publishing. Damals versuchten Verlage, eigene Apps und native, digitale Version ihrer Publikationen zur Verfügung zu stellen. Viele stellten dabei zwei Dinge schmerzhaft fest: Zum einen, wie teuer und aufwändig es ist, ein gutes iPad-Magazin zu produzieren, was zur Folge hatte, dass die meisten eher aufgebrezelten PDFs glichen. Und zum anderen, dass gar nicht so viel Geld damit gemacht werden konnte, wie ursprünglich – der klassischen Goldgräber-Verblendung sei Dank – gedacht. Diese Arbeit und Umsetzung übernehmen von nun an (wie so oft) die disruptiven Digital-Imperien aus dem Silicon Valley und bestimmen zeitgleich den neujustierten Takt im Content-Business.

Zukunft von Content Bild 2 Daily Bread Das Filter

Denn von einem Ende der Magazine oder des Journalismus kann vorerst keine Rede sein: Content bleibt wichtig. Aber inwiefern wird dieser Trend das Publishing weiter beeinflussen? Vollkommen ungeklärte Fragen tun sich auf, auch wenn Apple mit der New York Times, Bloomberg, Condé Nast, CNN und Hearst starke Partner präsentieren konnte. Was passiert beispielsweise mit der halbseitigen Anzeige der Printversion oder dem Digitalmagazin, wenn Apple und Facebook Artikel aus Hochglanzmagazinen in ihr eigenes Layout überführen? Und welches Finanzierungsmodell wird sich durchsetzen? Start-ups wie das niederländische Blendle oder das in Deutschland ansässige Pocketstory setzen auf das „Lies nur das, was du wirklich willst“-Prinzip. Und zahl auch nur dafür. Hier lassen sich Artikel unterschiedlichster Publikationen und Verlage einzeln erwerben. Die Preise orientieren sich dabei an der Textlänge. Kompaktere Stücke kosten bei Pocketstory (Blendle ist hierzulande noch nicht gestartet) um die 40 Cent. Lange Reportagen auch schon mal 1,99 Euro. So, wie man es von einem digitalen Musik-Store kennt.

Allerdings dürfte, anders als bei einem Song, nach einmaligem Lesen der Spaß an einem Text vorbei sein. Und was passiert mit all den Bestandteilen eines Magazins, einer Tageszeitung oder Illustrierten, die keine gewichtigen Autorenstücke sind? Das Editorial, die Produktstrecken, die kleinen Glossen oder Ratgeberseiten? Wird man Leser finden, die bereit sind, Geld dafür separat zu bezahlen? Eher nicht. Man wird also abwarten müssen, wie sich diese Entwicklung auf die Arbeit der Redaktionen auswirken wird, aber auch aufs Konsumverhalten der Leser. Das Thema Flatrate à la Spotify oder Netflix wird hier genauso diskutiert wie die Möglichkeit, dass namhafte Autoren in Zukunft gänzlich auf Verlage verzichten und sich direkt selbst vermarkten könnten. Ganz nach dem Motto: „Cut out the middle man“. Und wird ein Empfehlungsalgorithmus je das können, wozu eine Redaktion in der Lage ist? Unbekannte Autoren entdecken und aufbauen, umfassende Dossiers zu einem Themenkomplex erstellen, die aus mehreren Beiträgen bestehen: Diese und andere Leistungen werden weiterhin eine wichtige Basis für guten Journalismus bleiben. Und bevor Pessimisten den Requiem-Schlussakkord auf das Printmagazin anstimmen – die Musik hat es mal wieder vorgemacht. Trotz überall verfügbarer Streaming-Angebote feiert nämlich die analoge und oft totgeglaubte Schallplatte ein großes Comeback. Obwohl teuer, schwer und unpraktisch, bleibt sie für viele das schönste, bestklingende und haptischste Musikmedium. Ob man dabei auch Geld für unwichtige Intros, Skits oder mittelmäßige Lückenfüller bezahlt, wird hierbei ziemlich schnell zur Nebensache.