Foto: Alexandra Reszczynski
Foto: Alexandra Reszczynski

Blättere ich durch Fashion- und Lifestyle-Magazine, ist der Prozentsatz von abgebildeten Menschen, die eine Behinderung haben, gleich Null. Zwar gibt es Frauen und Männer, die aufgrund von einer Behinderung auf einen Rollstuhl angewiesen sind und modeln, sich ihr Modeldasein jedoch nur durch spezielle Magazine, wie Hilfsmittelhefte, Reharatgeber oder andere Magazine, wo es um Behinderung geht, zu rechtfertigen scheint.

In Deutschland hat es bisher keins von den Models im Rollstuhl geschafft, sich aus dieser Nische in die weite Medienwelt zu etablieren. Und das hat weniger mit dem Model selbst zu tun, als mit den AuftraggeberInnen großer Modeketten, bei denen das Thema Vielfalt und Inklusion noch immer nicht angekommen zu sein scheint. Nur sehr langsam und noch immer viel zu selten entdecken Medienschaffende für sich, dass seltene Merkmale, wie eine Behinderung, nicht nur für Aufmerksamkeit sorgen können, sondern auch die Möglichkeit mitbringen, das gesellschaftlich noch sehr defizitorientierte Bild von Behinderung in ein aktives Bild umzuwandeln, das den behinderten Menschen Fashion und Lifestyle verkörpern lässt.

Die Behinderung als Merkmal

Jillian Mercado tut genau das. Sie ist ein gefragtes High-Fasion-Model, wurde 1987 in New York City geboren, ist Absolventin des Fashion Institute of Technology und gehört zu den schönsten und ausdrucksstärksten Menschen, die ich je gesehen habe. Sie ist einer dieser Typen, die man ständig angucken muss, wenn sie den Raum betreten.

Diesel Kampagne - Photo: Inez van Lamsweerde & Vinoodh Matadin
Diesel Kampagne – Photo: Inez van Lamsweerde & Vinoodh Matadin

Jillian startete mit ihrem eigenen Modeblog, wo sie ihre Lieblingskleidungsstücke präsentiert, erzählt, wie sie sich im Rollstuhl sitzend am besten tragen lassen und wie sie manche Klamotten umnäht, damit sie ihr perfekt passen. Schnell wurden Modelagenturen und Designer auf sie aufmerksam, buchten sie für Kampagnen. Bis sie 2013 durch eine Diesel-Kampagne auch international bekannt wurde. Jillian Mercado lebt und verkörpert Fahsion, ihre Behinderung ist ein Merkmal mit hohem Wiedererkennungswert, den sich AuftraggeberInnen gerne zunutze machen.

Ihr Beruf als Model habe viel mit ihrem Selbstbewusstsein gemacht, wie sie sagt.

 

Wenn die Behinderung hinter der Professionalität steht

Wenn man Ninia LaGrande begegnet, wird einem schnell klar, dass man es hier mit einer Frau zu tun hat, die weiß, was sie will, was sie kann, die sich mit ihren Träumen durchsetzt und der Welt offen und kritisch entgegentritt. Kurzum: Ich bin ein Fan! Und ich bin wenig überrascht, dass Ninia jetzt auch ihre eigene Modesendung auf RTL hat. Ninias Fashion Mag heißt die Sause, wo Folge um Folge interessante Leute vorgestellt werden, die etwas mit Mode zu tun haben: ModebloggerInnen, StudentInnen, DesignerInnen und/oder Menschen, die den Modedreh einfach raushaben.

Ich habe mir die ersten Folgen bereits angeschaut und etwas entdeckt, was mir ganz besonders gefiel: Ninia ist im Stehen genauso groß, wie ich im Sitzen und diese Gegebenheit wird bei Ninias Sendung weder aktiv thematisiert, noch wird dem Zuschauer auf subtil aufdringliche Art unter die Nase gerieben, dass Ninia mit ihren 140 cm kleiner ist als die meisten Erwachsenen. Ninia ist einfach Ninia und moderiert, weil sie es kann und zu einem Thema, wo ganz offensichtlich ihr Herzblut drinsteckt. Ihre Behinderung wird dabei nicht erwähnt, sondern nimmt lediglich einen Platz hinter ihrer Professionalität ein.

Foto: Alexandra Reszczynsk
Foto: Alexandra Reszczynsk

Das Thema Behinderung hat in den Medien großes Potential. Es liefert nicht nur einen Überraschungseffekt, sondern auch eine Marktlücke, der sich Medienmacher unbedingt bedienen sollten. Jede/r zehnte BürgerIn in Deutschland lebt mit einer Behinderung. Sie sind potentielle KundenInnen und repräsentieren Vielfalt. Die Präsenz von Menschen mit Behinderung in der Medien- und Modewelt sehe ich als logische Konsequenz und wichtigen Schritt in eine inklusive Gesellschaft.