Es gibt Termine im Jahr, um die kommt man nicht herum. Fashion Week gehört dazu. Ich habe zwar nichts mit Fashion zu tun, aber ich weiß die dazugehörigen Buffets der zahlreichen Mitte-Veranstaltungen sowie die harte Arbeit vieler meiner Freunde im Business zu schätzen (aber eigentlich mehr das Essen). Leider bedeutet das auch: Ich muss mich zwischen Horsd’oeuvre und Dessert unterhalten. Und weil der gemeinsame Nenner die Arbeit ist, reden wir über meinen Blog. Darüber, ob man nicht kooperieren könnte oder wie viel Reichweite man hat oder wie groß denn die Redaktion sei, wie lange man das schon mache oder was für eine Art von Magazin ich publishen würde.

Magazin? Publishen? Mein Blog verhält sich zu einem Magazin so wie das nie fertig gestellte Baumhaus eines Scheidungskindes zu einem Traumhaus am Strand.

Mein Blog, FindingBerlin, fing als One-Girl-Show an und wurde stetig um „Redakteure“ (aka meine Freunde, die ich zum Schreiben und Fotografieren zwang) erweitert. Eigentlich wollte ich nur, getrieben von meiner eigenen Faszination, unseren Alltag in Berlin festhalten. Mit wachsender Reichweite wuchs aber zeitgleich auch das Interesse für Unternehmen und Agenturen, die Seite als Plattform für Werbung zu nutzen. Und natürlich war ich gleichzeitig geschmeichelt und eingeschüchtert von der Aufmerksamkeit.

An dieser Stelle haben sich viele selbstständig gemacht. Sie wachsen mit dem Blog und nutzen das wirtschaftliche Potenzial, das in ihm steckt. Für mich tat sich an der Schwelle zur Professionalisierung aber ein tiefer Krater auf, der in solchen Unterhaltungen mit Leuten aus dem Business auch zur kritischen Selbstreflexion zwingt. Mein Blog? Wirft nur genug ab, um sich selbst zu tragen. Meine Updates haben nichts mit Informationen zu tun und dienen meistens nur meinem eigenen Amüsement. Jegliche Reichweite bleibt ungenutzt. Und manchmal habe ich wirklich das Gefühl, meinen Lesern null Mehrwert zu bieten. Bin ich eigentlich völlig bescheuert?

Wozu dieses Lowkey-Bloggen, mit dem man nicht überleben kann, aber trotzdem viel Arbeit hat? Sicher, ich habe noch einen richtigen Job und studiere nebenbei. Ich kann da nicht viel mehr Arbeit reinstecken. Das ist jedenfalls die Ausrede, die ich den anderen immer auftische. Aber es ist nicht die Wahrheit.

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Blog vs. Blog

Die Wahrheit ist: Ich komme nicht klar, meinen Blog zu meinem finanziellen Lebensmittelpunkt zu machen. Ein Blog ist für mich etwas anderes als nur ein Blog. Das liegt vielleicht an meiner persönlichen Netzgeschichte (eine vollständige Genese meiner glorreichen Teenager-Phase, die sich vollständig im Internet nachverfolgen lässt, kommt bestimmt auch irgendwann).

Mit elf war ich maulig, dicklich und wollte nur über Pokémon reden. Das war bevor es WordPress gab, aber das Internet schon mehr als „Magic – The Gathering“-Sammelkarten kannte. Ein Blog war früher so was wie die einzige Möglichkeit, andere fette Kinder kennen zu lernen, die auch so taten, als wären sie nicht fett. Sie saßen bis zu 20 Stunden am Tag im Chatroom oder an ihren Blogs und erzählten von absurd abenteuerlichen Leben, die fantasievoll erlogen waren; schickten sich gegenseitig Bilder aus Otto-Katalogen mit hübschen Models und taten so, als wären sie das. In lyrischer Besessenheit ergossen wir unser adoleszentes Leid über das Internet. Während die anderen echte Erfahrungen machten – Schule, Liebe, Eltern, Freunde –, diskutierten wir auf gebrochenem Englisch gemeinsam im IRC über die letzte Dawsons-Creek-Folge und lebten die Dramen in unseren Köpfen aus. Ich kann bis heute behaupten, 9/11 mit einem Second Screen – dem Buffy-Chat – erlebt zu haben.

Erst später, als der Weg schon geebnet war, kamen auch die Coolen aus der Schule auf die Idee, sich Tagebuchblogs zu machen. Zu diesem Zeitpunkt musste man sich HTML nicht mehr selbst beibringen oder Englisch lernen. Es gab nämlich deutsche Blogs. Und man hatte da schon nicht mehr über sich selbst und seinen harten Alltag oder besonderen Obsessionen mit amerikanischen Serien geschrieben, sich nicht mehr zu emotionalen Internet-Cliquen zusammengetan; sondern man schrieb über das Internet selbst. Es gab nur noch Blogs über das Web 2.0 oder schicke Armbanduhren oder Autos oder halt Themen. Gedichte verschwanden. Stories verschwanden. Mein Zugehörigkeitsgefühl verschwand.

Alte Leute waren plötzlich überall. Leute aus der Schule – UNDICKE – waren ÜBERALL. Und auch hier übernahmen sie das Steuer. Irgendwann musste ich seufzend aufgeben und mich dem Ton anpassen. Während sich die Welt aber weiterdrehte und Blogs ökonomisiert wurden, hat sich für mich an diesem Ventil meiner Unsicherheiten bis heute nichts geändert. Mein Blog bleibt eine Möglichkeit, völlig bestandslos und jenseits der professionellen Realität eine Rolle zu spielen, die anders ist: eine, die schamlos im Vordergrund stehen darf, die von Gleichgesinnten gehört wird, die latent peinlich ist, die gedankenlos ihre Beobachtungen teilen möchte und überhaupt keinen Anspruch darauf hat, diese Freizeittratscherei zu einem Beruf zu machen.

Was nicht bedeutet, dass ich nicht gut darin bin oder sein möchte.  Aber man würde einem talentierten Poetry Slammer nicht den Erfolg absprechen, nur weil er nebenbei einen echten Job hat. Wenn es nämlich eines gibt, was noch verzweifelter ist als Amateur-Bloggen, dann ja wohl Poetry Slam. Denen gönnt man das Haupteinkommen ohne Beanstandung.

Business vs. Liebelei

Ist es okay, wenn ich nicht wirklich erfolgreich bin?

Ich musste bereits viele Kompromisse eingehen. Ab einer bestimmten Größe kann man sich nicht mehr der Verantwortung entziehen. Vor allem, wenn man Geld verdient oder auch mal Gastautoren und -kolumnisten betreut. Mir macht das durchaus Spaß. Aber es ist kein Weg, der zu finanziellem Erfolg führen soll, sondern Liebelei.  Dennoch: So sicher war das nicht immer, und auch heute schwanke ich noch. Manchmal will ich das, was die anderen haben, auch. Diese Kardashians der Bloggerwelt, die um die Welt jetten und in schönen Hotels hausieren und ständig Aufmerksamkeit bekommen und kleine Superstars geworden sind.

Aber je mehr ich mich professionalisiere, desto mehr vergeht mir der Spaß. Alleine der Gedanke an ein „Muss“ macht mich müde. Diese neoliberale Idee, Arbeit und Leidenschaft zu verbinden, ist kläglich an mir gescheitert. Der Gedanke daran, mich ständig in den Mittelpunkt zu stellen und meine Persönlichkeit zu verkaufen, ist auch nicht viel beruhigender. Es ist ja nicht so, als hätte ich das nicht alles gelernt – als langjähriger Blogger, Online Marketing Manager und Content Creator. Aber come on,  ich mache eine Webseite über Berlin. Es gibt unzählige Touristenführer, die das weitaus besser machen. Und selbstverständlich andere, viel umfangereichere und schönere Blogs. Hallo, Frank.

Aber: Sind das eigentlich noch Blogger? Ist das nicht ein bisschen so, wie „Hipster“ sagen, ein bedeutungsleerer Verlegenheitsbegriff?

Blogger vs. Autor

Bloggen ist für mich kein Beruf, der notwendigerweise zu einem erfolgreichen Magazin oder eine ausgebaute Selbstständigkeit mit Redaktionsplänen führt.  Und wenn wir schon dabei sind: Ich will auch nicht irgendwann ein Buch schreiben. Aus mir wird kein Kassenschlager mehr, nur weil ich Sätze aneinander reihen kann. Der Druck, den diese Erwartung aber mit sich bringt, weil viele andere diesen Weg eingeschlagen haben, zwingt mich immer wieder zur ständigen Profilierung entgegen aller möglichen Optionen. 

Und ich finde es geradezu lächerlich, wie mittlerweile so inkonsequent zwischen Online-Magazinen und „Blogs“ getrennt wird, wo eigentlich keine Trennung stattfinden sollte. Viele Blogs sind einfach nur Magazine, vermarkten sich aber über den Newcomer-Begriff „Blogger“, der dem ganzen eine jugendliche Krone aufsetzt. Einige von ihnen haben sich dahin entwickelt – da kann ich den Begriff nachvollziehen. Andere sind schon direkt als GmbH gestartet, mit fetten Investoren im Rücken, die locker auch ein Print-Format draus machen könnten. Mit echten Autoren und Journalisten, die ihr Werkzeug gelernt haben. Dabei war der Blogger ja eigentlich mal der Gegenspieler zum Gelernten: Er schrieb aus seiner persönlichen und finanziell unabhängigen Perspektive über alles mögliche. Das ist nicht immer gut, um sich eine objektive Meinung zu bilden, aber es ist spannend und vielseitig. So oder so: Gönnt es euch! Ich bleibe gerne in der Dazwischenwelt. 

Denn ein Magazin will ich nicht haben. Dem Begriff liegt so eine Ganzheitlichkeit inne, ein immanenter Anspruch an Vielfalt und ökonomische Ziele. Das einzige Ziel, das ich mit meinem Blog habe? Eine mich zufriedenstellende Schöpfung, in der ich mich entfalten und einbringen kann. Ergotherapie des 21. Jahrhunderts. Mein „Alleinstehende Mutter hat ihren Frieden mit sich selbst gefunden“-Wasseraquarell! Ohne Commitment: dem inneren, dicken und ängstlichem Teenager ein Zuhause geben. Meine Fähigkeiten ausprobieren, Gleichgesinnte finden, ausnahmsweise mal nichts zu ernst nehmen, experimentieren, ein bisschen Taschengeld dazu verdienen; mir davon schnelleren Webspace kaufen, meine Gast-Autoren bezahlen oder mal ein Logo machen lassen; potenziell erwachsen werden. Das alles selbst dann, wenn es schon lange nicht mehr um intime Tagebucheinträge geht.

Kroatien 2013-2395