Ein Wald aus Selfie-Sticks türmt sich vor den Touristenattraktionen Berlins. Man kann sich genau vorstellen, wie das entstandene Selbstportrait dann aussieht: genauso, wie alle anderen, mit einer Ecke vom Brandenburger Tor rechts oben. Früher – früher! – hat man noch andere gefragt, ob sie vielleicht ein Foto machen könnten. Das braucht man nun nicht mehr. Genauso wenig wie alle anderen direkten, sozialen Interaktionen im Alltag.

Auch sonst ein ähnliches Spiel: für Instagram mal ein Bild vom Dönerteller. Für Foursquare, wo man gerade ist. Parallel dazu sieben verschiedene Gespräche auf Whatsapp (Gruppennachrichten, ekelhaft), bei jedem Like eine Notification, tragbares Ladegerät angeschlossen, Kopfhörer auf, Spotify an, RT „baby cats farting“, Facebook-Events für die Abendplanung konsultieren, und zum Abschluss des Tages überprüfen, ob der Blutdruck auch ordentlich im Durchschnitt liegt. Da guckt keiner mehr zum anderen hoch. Kein Wunder, dass die Leute depressiv werden. Und überhaupt: Entfremdung, Arbeitslosigkeit, Lethargie, Scheidungsraten, Geburtenstagnation.

Das Internet – eine Dystopie?

Spätestens mit dem NSA-Skandal entpuppt sich das Internet als Digitaldystopie. Vielleicht überschlägt sich deshalb die Medienavantgarde darin, ihre Accounts so schnell wie möglich von Facebook abzumelden, die Payback-Karte zu verbrennen, auf ein altes Nokia 3310 umzusteigen und ein Haus auf dem Land zu bauen. Technische Entschleunigung (aber bitte nur bis zurück ins Jahre 1998): ein gesellschaftliches Ideal für all diejenigen, die es satt haben. Suchtopfer der Moderne? NICHT MIT MIR. Meine Kinder werden im Stall großgezogen und noch die wahren Werte (Liebe, Geduld, Demut) beigebracht bekommen. Genug Konsum! Genug Konzentrationslosigkeit! Jetzt wird der Spargel wieder selbst gestochen und nur noch persönlich kommuniziert.

Ein bisschen polemisch vielleicht. Das ändert nichts daran, dass in diesem dialektischen Diskurs aber nur selten ein Moment der Wertschätzung aufblitzt. Die einen sind völlig medieninkompetent und veräußern all ihre Grundrechte für ein bisschen Convenience (siehe #privacy und #self-surveillance), gepaart mit selbstgerechter Aufmerksamkeitsgeilheit. Die anderen haben mal wieder das Ende der menschlichen Geschichte herbei geschworen und versuchen etwas zu retten, was schon zu Zeiten des revolutionären Buchdrucks als gescheitert erklärt wurde (ich schaue da vor allem in Richtung BRD-Feuilleton): das Soziale, das Gemeinschaftliche, das Essentielle der Bildung. Ist ja auch eine polarisierende Diskussion mit genug Stammtischargumenten und von der Apokalypse visionierenden Anekdoten.

Zweifellos: dass die meisten ihr Smartphone „for the lolz“ benutzen und um ihren BFFs zu zeigen, welches neue von Kinderhänden genähte Teil in der Umkleidekabine am besten zu den Schuhen passt, muss kritisiert, muss besprochen und analysiert und eventuell bekämpft werden. Aber fast jedes Gespräch, dass man darüber führt, greift zu den Standardsituationen der Technologiekritik: Alles Schlechte kommt von diesen neuen Dingen, wir dürfen nicht mehr so weitermachen. Die Fortschrittsgesellschaft macht uns kaputt. Geht diese Unterhaltung eigentlich auch anders?

Man könnte man sich auch kurz von den #firstworldproblems seiner Umgebung distanzieren und dabei feststellen, dass dieser Fortschritt auch neue Tatsachen herbeiführt, die uns vielleicht nur am Rande wirklich auffallen. Dazu gehört auch, so widersprüchlich es erscheinen mag, eine sehr zwischenmenschliche, soziale Welt. Anders sozial. Und anders zwischenmenschlich. Aber dennoch: Es gibt sie.

Sind wir abhängig von der Virtualität?

Oder auch so: wer behauptet, neue Kommunikationsmittel und Technologien würden die Menschen auseinander bringen, dem geht’s vielleicht ein bisschen zu gut.
Connecting People – das ist nicht nur ein Werbeslogan, der in einer ausgiebigen Toilettensitzung Candy Crush mündet.

Die Notwendigkeit für eine kommunikative Verbindung durch das Internet und die entsprechenden Geräte ist mittlerweile als ökonomisches Grundkapital zu verstehen. Aber Kommunikation ist viel mehr als ein wirtschaftlicher Faktor, viel mehr als nur ein simples „Ich gehöre dazu“. Connecting People – das ist nicht nur ein Werbeslogan, der in einer ausgiebigen Toilettensitzung Candy Crush mündet. Das ist auch: Kontakt halten. Überleben. Ich denke an dich, auch wenn ich nicht da sein kann.

Es gibt mannigfaltige Use-Cases für eine schnelle, kabellose Kommunikation, die nichts mit Katzen-Content oder dröger Prokrastination zu tun haben. Was ist denn mit meinen Verwandten im Syrien-Krieg, die mir täglich Updates über ihr Wohlbefinden schicken können? Was ist mit meinem besten Freund, der nach dem Erdbeben in Nepal per Tweet all seinen Freunden und Bekannten mitteilen konnte, dass er heil und am Leben ist? Was ist mit dem schwulen Kollegen, der sich in einer virtuellen Community endlich zugehörig fühlt, obwohl ihn in der vermeintlich echten Welt niemand akzeptieren konnte?

Es sind nicht nur die Schlagzeilen, die Aufmerksamkeit verdient hätten. Natürlich zelebrieren wir den Arabischen Frühling auch heute noch als Aufstand, der vor allem aufgrund der technologischen Möglichkeiten zustande kommen konnte. Wenn wir Occupy hören, dann hören wir auch Twitter. Wenn es um politische Demonstrationen geht, ist Facebook ein machtvolles Tool zur Organisation und Verbreitung von Events.

Aber was ist mit der individuellen, persönlichen Ebene ? Selbst da, wo sich keine Krisen oder Konflikte für die Welt entzündet haben?

Die Virtualität passt sich dem Menschen an

Es gibt einen Raum, der nichts mit Medienkompetenz oder Massenüberwachung zu tun hat. In diesem Raum sind die vermeintlich sozialschädlichen Kommunikations- und Dokumentationsmöglichkeiten unserer Gesellschaft nicht nur praktisch, zeitfüllend und geldbringend, sondern auf kleinster, individueller Ebene auch Segen und Lebensretter.

In diesem neu geschaffenen, transzendentalen, virtuellen, spirituellen Raum kann man sich näher kommen, als es jemals möglich war. Und das ist der springende Punkt für all diejenigen, die nicht nur gelangweilt ihren Instagram-Account angähnen. Es gibt diese andere Welt, für jeden Menschen: in der die Aufzeichnungen des eigenen Lebens – in Form von Blogs, Social-Media-Profilen, SMS-Nachrichten und Selfies – zwar klein, unwichtig und egozentrisch wirken. Aber möglicherweise sind sie trotzdem wertvoll. Etwa, wenn jemand, den man sehr geliebt hat, plötzlich stirbt. Und wenn das nächste Mal wieder jemand stundenlang in sein Telefon tippt, dann vielleicht, um ein nettes Wort von einem Liebenden zu hören. Um weiter machen zu können. Das soll keine soziale Nähe sein? 

Aber das Gejammer nervt gerade deshalb, weil es von den Leuten kommt, die einst gehofft haben, dass ein Klick die Welt retten könnte und heute zynisch auf Buzzfeed abhängen. Sie sind (noch) nicht diejenigen, die in diesem gefährlichen Big-Data-Haufen wühlen, um ihr eigenes Leben nach zu verfolgen.

Immer mehr fällt auf: wer von unserer Fortschritts- und Informationsgesellschaft enttäuscht ist, der bewertet sie anhand seiner eigenen Erfahrungen. Es ist Zeit, die Akte „Internetdystopie und soziale Zerstörung“ zu schließen und festzustellen: wenn wir uns von einander entfernen, dann womöglich nicht, weil es irgendeine Technologie so diktiert.

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