Meine Einladung in die Blogfabrik war direkt, persönlich und herzlich. Die zusammengefasste Begründung eher knapp: „Wär’ schön noch jemand der echt aus’m Print kommt dabei zu haben.“ Echt aus dem Print. Ich bin 33. Und das klingt als hätte ich 1833 Milchmädchen gelernt oder Hutmacher oder Drucker. Und Letzterer hat ja bekanntlich auch nicht mehr viel zu tun – bei dem Bisschen, was noch auf Papier erscheint.

Die salonfähige Small-Talk-Meinung steht fest: Print ist tot.

Wer jetzt noch für Zeitungen oder Zeitschriften schreibt, leistet lediglich Sterbehilfe. Und genauso fühlt sich die Arbeit in vielen Verlagen aktuell an. Muss das sein? Nein. Denn das Handwerk des Redakteurs, der ganze Journalismus befindet sich nicht in Zeiten des Abschieds. Wir befinden uns auch im Aufbruch.

Der vielbeschriebene Wandel der Medienwelt ist fühlbar. Seit meinem ersten Job bei einer mittelgroßen Tageszeitung erlebe ich ihn im Erscheinungs-Turnus der Blätter, für die ich bisher geschrieben habe. Erst zu Terminen fahren ohne Google Maps, endlose Ratssitzungen durchstehen ohne Tumblr oder Instagram-Feed, analog Fotografieren, Bildauswahl per Handlupe. Dann der Tag, an dem die Redaktion erfuhr, dass wir jetzt in Farbe drucken: 4C, four colours, eine Revolution! Das war 2001. An einen Online-Auftritt dachte noch niemand.

 

Ein Käseblatt? Von wegen! Und auch wenn’s rückblickend fast unglaublich klingt, war das absolut kein Einzelfall. Fakt ist: Der Weg von der Schwarz-Weiß-Zeitungen als voll anerkanntes Hauptmedium hin zur ebenso spürbaren wie mannigfaltigen Konkurrenz durch vermeintliche Jedermann-Berichterstattung via Periscope und Co. hat nur ein gutes Jahrzehnt gedauert. Wahrscheinlich nicht mal ein Viertel meines Berufslebens. Das erste Viertel wohlgemerkt. Für andere ist es ein mittleres, vielleicht sogar das letzte. Ist doch klar, dass man sich da erstmal orientieren muss!

Das macht mancher Verlag und auch mancher Kollege schneller und besser als der andere. Am wichtigsten ist aber: Alle machen was. Und wenn’s in erster Instanz eben nur besagter salonfähiger Small Talk ist. Mein oben beschriebenes Volontariat ist längst vorbei, meine alte Zeitung erscheint längst in bunt – die Medienwelt befindet sich immer noch im Wandel. Und das ist trotz schmerzlicher Veränderungen, trotz verschwindender Regionalzeitungen und Massen-Entlassungen schon ok so. Wir können wenig dagegen tun.

Was wir können, was wir dürfen und was wir müssen, ist, den Wandel mitzugestalten. We’ve been there and done that. Jetzt heißt es: On to the next one. Und das ist der Punkt, an dem’s in einigen Verlagen zumindest temporär oft scheitert. Da werden Redaktionen strikt nach Print und Online geteilt, Berichterstattungen getrennt voneinander entwickelt und umgesetzt, Zweiklassensysteme und damit unsinnige Ängste vor neuen Medien und ihren Machern gefördert.

Schade! Denn wer über den eigenen Tellerrand blickt, schaut in Richtung endloser Möglichkeiten. Online ist keine Bedrohung. Online ist unser Netz der neuen, ein Netz der eigenen Möglichkeiten. Und genau so sollten wir es nutzen. Als eigene Veröffentlichungsplattform, als Ergänzung zu Print, als Vermarkter für ein Print-Produkt, das dann vielleicht weniger häufig, aber mit mehr Relevanz erscheint. Und vor allem als Chance, neue und mehr Leser oder Viewer zu erreichen. Schließlich geht es um Verbreitung, nach wie vor.

 

Natürlich bedeuten neue Medien auch neue Arbeit. WordPress, Fotos per App bearbeiten und Videos drehen muss genau so gelernt werden wie Textstruktur, der richtige Einsatz von Absätzen oder dass man Zahlen bis zwölf ausschreibt. Auch Online ist ein Handwerk, wie Schreiben, wie Hutmacher oder Drucker. Ein Handwerk, das man lernen kann.
Was man können muss, ist Geschichten entdecken und vermitteln. Fundiert recherchieren, genau sein und Fakten kennen. Klar analysieren, mutig sein. Journalist sein – oder Journalist werden. Und dazu stehen. Möglicherweise auch als Marke.

Wie das geht, wissen Leute, die ihre Texte teilweise noch auf Schreibmaschinen geschrieben und per Rohrpost durchs Haus geschickt haben. Leute, für die eine gute Geschichte Zeit braucht. Leute, die um die Welt gereist sind, um unentdeckte Bräuche zu entdecken, statt Hotels zu bewerten. Beobachten und wiedergeben, einordnen und aufregend erzählen ist kein Handwerk. Das ist Können, vielleicht sogar Kunst. Eine Kunst, die immer gebraucht werden wird. Egal ob gedruckt oder auf dem Bildschirm, egal ob in Wort oder Bewegbild. Vielleicht kann man sich davon etwas bei den älteren Print-Journalisten abgucken. Und ganz sicher sollte man einander öfter mal fragen, zusammen arbeiten, sich ergänzen, ja helfen. In beide Richtungen!

Weil es das ist, was ich mir für diesen Wandel der Medienwelt, von dem immer alle reden, so sehr wünsche, werde ich für DailyBreadMag in Zukunft vor allem Fragen stellen: Fragen an Kollegen, Kollegen aus Print und Online, vielleicht sogar aus der PR. Kollegen, die sich auskennen – und die ihr Wissen weitergeben wollen.

Headerbild via Kaboompics unter CC0