Volkssport „Attending”: In Berlin ist es mittlerweile völlig egal, woran man offiziell über sein Facebook-Profil teilnimmt, die Hauptsache ist, es machen richtig viele Leute mit.

Je bescheuerter – oder wahlweise spießiger (Tatort Public Viewing? Sudanesische Poesie-Lesungen mit Naturweinverkostung?) die Veranstaltung klingt, desto mehr enthusiastische Zusagen gibt es. Von Spargel-Festival (abgesagt wegen zu vieler antizipierter Teilnehmer – ist halt auch ein Spargel-Festival, klar) bis hin zum IKEA-Versteckspiel (polizeilich gesprengt, weil 30.000 Menschen leider dann doch nicht im IKEA verstecken spielen durften) ist das Berliner Event-Arsenal ohne Übertreibung ein Potpourri der Scheißideen, und die armen Suchtis klicken, als ob’s morgen keine Versammlungsfreiheit mehr gäbe. 

Ob dann einer wirklich hingeht, ist egal, zu Freud und Leid der Organisatoren, die im Jahre 2015 keine Ahnung mehr haben, was die absurd-lächerlichen Teilnehmerzahlen nun eigentlich bedeuten. Früher war noch die Regel: 100 Zusagen + 50 Maybes = 80 kommen wirklich.

Das Resultat: komplett übersteuerte Veranstalter, die sich für 300 Leute bereit machen, um dann fünf traurige Gäste zu bedienen. Und das ist noch der Bestfall!

Es gibt auch noch die britische Option: Schlange stehen, um Schlange zu stehen. Wofür und weshalb man sich da eingereiht hat, ist völlig egal, die 3.000 Leute, die vor einem stehen, sind Ausdruck von Qualität und Exklusivität. Schade nur, dass nicht alle in das Pop-Up-Venue reinpassen.

Im Nachhinein beschweren sich Besucher dann lautstark auf der Timeline des Events, die dann nämlich zur allgemeinen Kummerbox avanciert.

Profiteure dieses organisatorischen Schlamassels sind die Agenturen und Werber, die ihren Kunden mit Zahlen belegen können, wie viel Aufmerksamkeit sie generiert haben. Dafür braucht es ja nur ein bisschen – urgh – Kreativität bei der Auswahl der Veranstaltungstitel. Renner 2015 waren ja einerseits die Kaktusausstellung im Botanischen Garten und alles, was mit koreanischem Streetfood zu tun hat.

Eine Veranstaltung in der Blogfabrik.
Eine „Veranstaltung“ in der Blogfabrik.

 

Ich hätte da noch weitere Vorschläge: Schlauchboot-Pre-Work-Party auf der Spree, Rhabarber-Marmeladen-Workshop im Berghain, Angeln mit B-Prominenten und Goodie-Bags am Landwehrkanal, Boule-Turnier für Minderjährige, die in Steno rappen.

Für jeden ist was dabei, und alle kommen angeblich. In Berlin ist jedes Event mittlerweile wie das MELT!-Festival: Alle stehen auf der Gästeliste. Und gähnen sich dann gegenseitig an, entweder weil

a) immer dieselben Gesichter,
b) wer sind all diese fremden / viel zu jungen / schlecht angezogenen Leute eigentlich?!
c) es ist viel zu voll hier!
d) 3.000 Zusagen und nur 10 Gäste?!

Dieser Zustand fordert subversive Maßnahmen, derer sich alle Facebook-Mitglieder gerne bedienen können. Die Schritte zu einem besseren Event-Leben sind leicht erklärt:

– Man darf nichts mehr auf Facebook promoten.
– Jegliche Flyer für Veranstaltungen werden per Hand gestaltet und kopiert.
– Flyer werden nur an Gäste und deren Freunde weitergegeben.
– Veranstaltung absagen weil keiner kommt, wenn es nicht im Facebook-Kalender verzeichnet ist.
– Nie wieder einen Event planen.
– Aus Berlin wegziehen.
– Facebook löschen.
– Aufgeben.
– Spargel.