Ich mag es ja, wenn mir Geschichten erzählt werden. Das rührt sicherlich aus der Kindheit her. Kein Schlafengehen ohne eine Gutenachtgeschichte.
Irgendwann nahm der Kassettenrekorder den Platz des geliebten Elternteils am Bettrand ein. Der Tausch war zwar begleitet von tränenreichem Unverständnis, doch wurde meiner Schwester und mir schnell klar, welchen Vorteil diese technische Veränderung nach sich ziehen würde. Denn wir konnten nun zeitsouverän den Traumzauberbaum hören, auf Kartoffelbrei mitfliegen oder mit Benjamin auf Jobsuche gehen. Jedoch wollte ich Jahre später mehr erfahren als die Geschichten, die sich in Neustadt abspielten. Und ich entdeckte die große Welt der Audiopodcasts.

Stellt euch vor, es läuft das Radio und keiner hört hin. Dann kommt das Radio zu euch.

Waren die Menschen früher noch darauf angewiesen, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, um die Lieblingssendung im Radio oder Fernsehen nicht zu verpassen (Whaaat?), ermöglicht uns das digitale Zeitalter ein konsumentenfreundlicheres Leben zu führen. Der Lieblingsfilm kann um 23 Uhr 42 abgerufen werden oder es heißt Sanft und Sorgfältig am Montagmorgen, in der U-Bahn, auf dem Weg zur Arbeit.

Wir können, egal wann, egal wo, über die Fragen nach dem Sinn grübeln, über die Alltagssituation in Osteuropa schlau gemacht werden oder uns von den Berichten über den letzten Spieltag der Bundesliga berieseln lassen. Faszinierend.

Das ist schön und gut, aber wie sieht es denn neben der Liebe zum Podcast, mit der Liebe und den Podcasts aus? Wird darüber auch gefachsimpelt, geschnattert, gelacht, geweint? Na klar. Hier mal unsere sechs Tipps für besonders tolle Lovecasts.

Karl Komet hört einen Podcast zum Thema Liebe

 

1. Blue Moon
Radio-Talksendung. Wechselnde Moderatoren, Gäste. Potpourri an Themen.

Der Blue Moon war irgendwie schon immer da. Und es gibt ein paar mehrere Folgen mit den Aspekten Liebe, Leid und Zärtlichkeit.
Empfehlung: Die Sendereihe Zwischenmenschliches.
Warum: Die Gespräche drehen sich um Liebe, Sex und anderen Spaß. Aber auch um Trauer, Wut und Erschöpfung. Es werden Fragen von Zuhörern gestellt, die dann gemeinsam diskutiert werden. Beruhigend ungezwungen.
„Tell me more, Tell me more“: Psssst … hier die Folgen von Babette Conrady mit Jule Müller und Nina Wagner

 

2. Denkblasen
‘Küchenphilosophie’, ‘Über Liebe – Tod – und den Teufel’

Podcast von Branko Čanak und Katharina Weber.
Was: Im Zwiegespräch wird über die Liebe geplaudert. Angefangen wird mit „Was es ist“ von Erich Fried und dem „Hohelied der Liebe“ (überstrapazierend häufig verwendet bei Hochzeitsreden in Sitcoms).
Hörenswert, weil es Spaß macht, ihrem Gesprächsverlauf zuzuhören und abwechselnd zustimmend zu nicken und den Kopf zu schütteln.
Kritik: Die Qualität der Aufnahmen ist gewöhnungsbedürftig. Aber bei spannenden Gesprächen übers Telefon brechen wir die Unterhaltung ja auch nicht ab. Deswegen einfach darauf einlassen und dran gewöhnen.
Vorschlag: Wir alle bitten die beiden noch einmal über Liebe zu reden. Und dann mit besserem Equipment. #WasNütztDieLiebeInGedanken

 

3. In trockenen Büchern
Fachliteratur & jemand traut sich ran.

Was: Alexandra Tobor  spricht in der zweiten Folge darüber, „Warum Liebe weh tut: Eine soziologische Erklärung“ von Eva Illouz. Sie verpackt ihre eigenen Erfahrungen mit den Untersuchungen der Soziologin in einer zwanzigminütigen Sendung und beschreibt den Wandel der Liebe. Und ihre Sicht darauf.
Toll, weil sie auf sympathische Art und Weise den Rezipienten ein Soziologiebuch näher bringt. Und uns somit davor bewahrt, dauernd Wörter wie Rezipient ertragen zu müssen. Glück gehabt.
Kritik: Wir wollen mehr Folgen!!!11Elf

 

4. Savage Lovecast
Let´s talk about Sex and Love and Advertising

Liebe kennt keine Grenzen und deswegen lohnt es sich auch, über den großen Teich zu gucken. Podcasts sind da drüben weitaus verbreiteter und die Qualität wird bereits beim ersten Hören deutlich. Zum Beispiel haben wir mal beim Lovecast von Dan Savage reingehört. Naheliegend. Ähnlich beruhigend wie Dr. Sommer damals in der Bravo, geht Mr. Savage auf Fragen von Zuhörern ein. Obwohl ich mich zu erinnern glaube, dass das Wort Fuck nicht so häufig in der Bravo vorkam.
Hörenswert, weil Herr Savage auf jede Frage eine Antwort hat. Erstaunlich.
Kritik: Es ist gewöhnungsbedürftig, dass in diesem Podcast immer wieder Werbeblöcke eingebaut sind. Manchmal nervt es ein wenig.

 

5. Strangers
Lovely Storytelling

Lea Thau ragt mit ihrem Podcastprojekt aus der Reihe der Labersendungen heraus. Ob es die Hintergrundmusik ist oder die Erzählweise: Man könnte denken, es sein ein Hörbuch, in dem eine spannende Liebesgeschichte erzählt wird. Irgendwie ist es dann doch nicht fiktiv, sondern die Interviews sind scheinbar real. Crazy.
Empfehlung: Einfach die erste Folge anhören und sich über so liebevolle Portraits von „fremden“ Menschen erfreuen. Denn jeder hat eine Geschichte.
Warum: Weil es spannend ist zuzuhören und sehr berührend, wenn Lea in der Folge Love Hurts 3 anfängt zu weinen, weil sie sich ihrer Unzulänglichkeit bewusst wird. Kennt jeder. Flennt jeder ein bisschen mit. Schön.

 

6. W.R.I.N.T
„Wer redet ist nicht tot“

Ein Radiomoderator (Holger Klein) entschließt sich, ein eigenes Programm auf die Beine zu stellen. Nomen est omen. Das Zitat vom Radiopionier Gottfried Benn einfach in die Tat umgesetzt und so redet Holgi mit Politikern, Prostituierten, Piloten und Köchen. Und er nimmt sich dafür Zeit, sodass eine Sendung schon mal drei Stunden gehen kann.
Empfehlung: Alles und Die Wrintheit. Alle zwei Wochen quatscht Herr Klein mit Frau Tobor. (Die kennen wir doch? Ja, genau. Siehe Tipp Nr. 3.)
Warum: Was Dan Savage kann, können die beiden auch. Nur geht es nicht immer um Liebe, sondern auch um andere komische Dinge, wie Schnürsenkel, Fifty Shades of Grey oder Backrezepte.
Besonders unterhaltsam: Doktor Wrintheit. Wir können schon so viel verraten: Die 1970er- und 1980er-Jahre, die dramatischen Fragen von Jugendlichen an das Dr. Sommer-Team der Bravo und viel Freude, viel Lachen und Stirnrunzeln. Übelste Empfehlung. Denn wer zuhört, ist nicht doof.

 

Komplett ist die Liste noch lange nicht, denn die Liebe scheint immer guten Gesprächsstoff zu bieten. Angeraten sei nur noch, die Hörsuppe aufzusuchen. Dort sind eine Reihe an anderen spannenden Podcasts aufgelistet. Die virtuelle Bibliothek der deutschsprachigen Podcasts sozusagen.

Und wenn ihr mal wieder beim Abwaschen nach Zerstreuung sucht, Spotify zu belanglos ist und Fifty Shades of Grey schon dutzende Male durchgehört wurde, dann probiert doch dieses Podcast-Ding mal aus.
Und zögert nicht, weil die Dauer mancher Beiträge so lang ist. Es ist wie ein Buch: Wenn man keine Lust mehr hat, dann kann man es zuklappen und nachher weiterlesen. Bei mir klappt es. Bei mir war es auch Liebe beim ersten Hören.

Text: Karl Komet #teamimgegenteil
Headerfoto: Jonathan Grado via 
CC BY-SA 2.0