Meine erste Tränenexplosion hatte ich wahrscheinlich bei „My Girl“. Als Macaulay Culkin von Bienen gestochen wurde und einfach gestorben ist. Puff, aus, tot der kleine Süße. Crazy. In den folgenden Jahren wurde die filmische dann gegen die echte Realität ausgetauscht und lieferte reichlich großen und kleinen Stoff, um Taschentücher und Beste-Freundinnen-Ohren zu füllen. Irgendwann aber klappte das nicht mehr so richtig. Nicht, weil die Seifenoperluxuspseudodramen weniger wurden – schön wär’s –, sondern weil sich etwas in meinem Inneren veränderte. Ich hatte das Traurig-Sein verlernt.

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„Na, ist doch super!“, denken jetzt vielleicht einige. Aber nein, eigentlich ist das ziemlich beschissen, weil man eine Distanz zwischen sich, seiner Umwelt und seinen Gefühlen schafft. Weil man sich selbst und seine Probleme weniger ernst nimmt. Weil man einfach verdrängt. Und platzen Negativgefühle dann doch mal heraus, ist man Ewigkeiten damit beschäftigt, die aufgequollenen Regenwurmlider mit tonnenweise Concealer und Eyeliner zu überschminken – nur um dann letztlich doch genauso auszusehen wie Robert Smith. Semi-gute Lösung.

Dieses Phänomen heißt WLAN-Gefühle. Zumindest bei mir. Solange die Wi-Fi-Verbindung anhält, wir uns also in unseren Signature-Wohnräumen befinden, dürfen ruhig mal Tränen fließen. Bricht das Signal ab, wird auch die Traurigkeit gekappt und das in der Front-Camera perfektionierte Selfie-Grinsen zur Real-Life-Performance für die Außenwelt. Unsere wahren Gefühle finden, wenn überhaupt, nur noch allein und zu Hause statt. Abgeschottet. Klappt ja irgendwie auch, ist aber definitiv keine Dauerlösung, um wirklich glücklich zu sein – siehe Britneys Glatzengate. Natürlich muss man seine Facebookfreunde und Blutsverwandten nicht wochenlang mit Problemen terrorisieren, aber Gefühle sollen auch mal ausgelebt werden. Und zwar so richtig. Danach kann aus dem Fake-Smile nämlich wieder ein echtes Lächeln werden. Deswegen gibt’s nun die ultimative Anleitung zum Traurig-Sein:

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1#

Bringt euch schon beim Aufstehen in die richtige, heißt düster-emotional-misanthropische, Endzeitstimmung. Lasst ja kein Lächeln oder Ähnliches zu! Hasst die Welt und euer Leben und jeden, der euch Leid angetan hat. Das geht ganz gut bei den folgenden Alben: Joy Division’s „Unknown Pleasures“, The Smiths’ „Meat is Murder“ oder „Anxiety“ von Autre Ne Veut.

 

 

2#

Wenn ihr danach mit einem schwarzen Kaffee in der Hand durch eure verlassene Wohnung spaziert (typischer Anfängerfehler: Eventuelle Mitbewohner wurden vorher nicht aus der WG vergrault), starrt entweder ins Leere, aus dem Fenster oder auf Tumblrs #sadart.

3#

Jetzt seid ihr und eure Seele schon in der richtigen Verfassung, um einen dicken Joker aus dem Ärmel zu ziehen: Ruft den einen Freund an, der sich ständig über sein eigenes Leid profiliert und schnackt ein paar Minuten mit ihm. Er wird euch runterziehen und euer neuer Yoda im Selbstmitleid-Game.

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4#

Gönnt euch eine Runde Nachrichten. Schießen schon die ersten Tränchen in die Augen? Nicht mal beim Anblick der Moderatoren-Outfits?! Ok, dann geht’s weiter mit …

 

5#

… den traurigsten Spielfilmen ever! Ihr habt dabei die Wahl zwischen: „Boys Don’t Cry“, „In einem Land vor unserer Zeit“, „Dear Zachary: A Letter to a son about his father“ oder David Lynch’s „The Elephant Man“. Wer jetzt nicht heult, hat nicht das Traurig-Sein verlernt, sondern seine kompletten Gefühle an der Garderobe im Berghain abgegeben – sorry for that.

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6#

Nun kommt die ultimative Challenge: Schmeißt euch in eure stylischsten Adidas-Trackpants, wagt ja nicht eure hoffentlich bereits entstandenen Regenwurmlider überzuschminken und geht zusammen mit eurem bemitleidenswertesten Blick in die Öffentlichkeit, sprich: zum Späti eures Vertrauens. Das hat zwei Gründe: erstens verlässt eure Trauer im besten Fall knapp die WLAN-Area und zweitens könnt ihr euch hier Zigaretten kaufen, die ihr für den nächsten Schritt braucht – oder halt nicht, als Nicht-Raucher, solche soll’s ja auch geben.

7#

Die Zeit ist reif für ein bisschen Kultur und französischen Existenzialismus. Rauchend, schwarz gekleidet, mit einem Gedichtband in der Hand. Niemand hat schließlich behauptet, Traurig-Sein wird ein Kinderspiel. Wer Camus, Sartre und de Beauvoir nicht mehr lesen kann, darf sich natürlich auch auf altbewährte Liebesherzschmerzpoesie konzentrieren.

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8#

Na, schon eine kurze Erleuchtung erfahren? Habt ihr auch das Gefühl, dass in euch ein kleiner Poet steckt? Dann lasst’s raus und kanalisiert eure Emotionen auf eine kreative Art. Oder erkennt halt, dass ihr’s nicht drauf habt und werdet noch depressiver. Geht beides.

9#

Dieser Schritt ist mein liebster: Fresst euch gnadenlos mit Herzensgerichten voll. Das bringt Glücksgefühle zurück und schafft eine ordentliche Grundlage für den letzten Step auf der ultimativen How-to-be-sad-Liste…

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10#

… die Kneipentour! Trommelt eure Freunde zusammen und macht zusammen so richtig einen drauf. So wie Nick Cave im legendären West-Berlin der Achtziger. Oder Peter Doherty überall und immer. Jetzt ist nämlich Schluss mit dem Rumgeheule! Der schlechten Laune wird ordentlich in den Hintern getreten und das beste, nämlich euer Leben, zelebriert. Der Kater am nächsten Tag tut dann sein Übriges, um euch von den letzten schlechten Gedanken abzulenken.

Solltest du nach der Lektüre dieser 10 Regeln, immer noch nicht traurig sein, geh zurück zur ersten und fang von vorne an. Ansonsten „Herzlichen Glückwunsch!“, du hast das Sadness-Bootcamp erfolgreich absolviert!