Wer durch das Berlin dieser Tage streift, der wird es schon in irgendeiner Art und Weise gemerkt, gefühlt, gesehen oder gehört haben: Die Stadt, die einst voll und ganz dem illegalen Rave verschrieben war, ist nun gefangen in der Hand edler Kulinarik. Vielleicht – so die Gentrifizierungsgegner und ewigen Currywurstfanatiker – weil die Londoner und New Yorker ihre Delikatessen vermissen und das nötige Kleingeld mitgebracht haben, um auf überteuerten „Street Food Markets“ kleine Geschmacksspektakel aus aller Welt zu naschen.

Doch im Zusammenhang mit dem neuen Food-Hype ist auch eine neue, für uns Content-Creator und Digital Überthinker sehr spannende Schnittmenge aus Virtualität, Start-ups, regionalen Zutaten, Convenience und urbanen Logistiklösungen entstanden. Ein paar Überraschungen bringen die Food-Trends direkt mit: Bisher nahmen wir an, das Internet sei vor allem dafür nützlich, um uns global und über physische Grenzen hinweg zu vernetzen. Immer mehr kristallisiert sich jedoch heraus, dass man dank des Internets vorallem wieder näher an seine (essbaren) Wurzeln kommen kann.

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Um dem Phänomen „Digital Food“ etwas näher zu kommen, haben wir das junge Unternehmen Fresh Parsnip für ein Video-Portrait und einige interessante Einblicke in diese neue Gastro- und Start-up-Nische vor die Kamera bekommen. Dafür haben die Jungs von „Modest Department“ den ganzen Prozess der Bestellung vom Mausklick, über die Zubereitung bis zur Lieferung (in die Blogfabrik) verfolgt und mitgefilmt.

Fresh Parsnip – vegan, glutenfrei, frisch, regional, gesund, … perfekt?

Fresh Parsnip ist ein veganer Lieferservice in Berlin, der sich von anderen Lieferdiensten in einigen wesentlichen Merkmalen unterscheidet: Erstens: vegan – das ist für Berlin nicht ungewöhnlich, aber auch keine Selbstverständlichkeit. Und schon gar nicht für einen Lieferdienst, der eh schon vielen Restriktionen unterworfen ist. Zweitens: Geliefert wird nicht aus einem Restaurant, sondern aus einem eigens für die Lieferung existierenden Küchenbetrieb. Fresh Parsnip kann man also wirklich nur zu Hause bzw. im Büro essen. Drittens: Alle Produkte werden regional, also aus Berlin-Brandenburg bezogen. Es gibt kein Flugobst und kein gespritztes Gemüse. Kein Gluten und kein Fleisch. Fette, Eiweiße und Kohlenhydrate in einem ausgewogenen Verhältnis. Und dann auch noch alles vom Urban Farming Projekt nebenan. Das ist so Berlin, möchte man fast schreien.

Dabei bedient Fresh Parsnip eine Nachfrage, die vor allem aus einem Grund wächst: Essen wird immer mehr gehandelt wie ein Statussymbol. „Du bist, was du isst“. Spezifische Zutaten, Gerichte oder Essensstile wie etwa die Paleo-Diät werden zur Zeit so heiß gehandelt wie Mode. Gutes Essen ist nichts mehr, was sich auch nur gut betuchte leisten können. Sogar im Fastfood-Segment findet man luxuriöse und kreative Anbieter, die für relativ kleines Geld besonderen Wünschen entgegen kommen; von bestimmten Lebensmittelunverträglichkeiten bis hin zu ideologisch konzipierten Menüs.

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Die unterliegt auch Kulinarik jenen Codes, die nur für Mitwisser verständlich sind. Essen: das ist Distinktionsmaterial in einer Zeit, wo Mode allein nicht mehr reicht, um sich vom Mainstream abzuheben. Die heißbegehrten Louboutins sind heute die doppelt frittierten Zuchininudeln auf Macha-Pulver-Sauce, und die Weltreise, das ist das Asian-Fusion-Ceviche, das frisch in einer industriellen Ruine ausschließlich für geladene Gäste in Form eines 3-Stunden-Pop-ups serviert wird. Essen wird schon lange nicht mehr nur in Restaurants serviert, sondern in allen möglichen Shops, auf Partys, in Autohäusern und das alles nicht in schäbiger Kantinenform. Jeder kommt mit der Gastronomie im urbanen Alltag in Berührung, und jeder kann selbst Gastronom werden.

Kulinarik als Distinktionsmerkmal im digitalen Zeitalter

Wer einwenden möchte, dass der – wortwörtlich – „gute Geschmack“ schon seit jeher existiert, und eine Abgrenzung nach unten gerade durch das Essen eine lange historische Tradition hat, dem soll entgegnet sein, dass sich die Spielregeln bereits geändert haben. Seltene Austern und kiloweise Trüffel entsprechen nur noch den Vorstellung einer biederen Klientel, die sich lediglich über Seltenheit und finanzielle Mittel auszudrücken weiß. Der eigentliche Kenner will sich auch bloß davon abgrenzen: Frei nach dem „Normcore“-Trend muss er gar nicht einzelne, außergewöhnliche Dinge praktizieren oder zelebrieren. Die Mischung in einem ganz bestimmten Kontext, der nur für Gleichgesinnte direkt erkennbar ist, macht’s. Er kombiniert sowohl Seltenheiten – wenn sie angebracht sind, wie gutes Fleisch etwa – mit der Originalität der Banalitäten. Oder was soll an dem Trendfood 2014 Kale, aka Grünkohl, bitte sexy sein, wenn nicht die Idee dahinter?

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Das Internet spielt eine entscheidende Rolle bei dieser Entwicklung. Denn das Wissen darum, welches Essen zu welchem Lifestyle gehört – und welcher Lifestyle zu einem selbst passt, und was man sich aus den einzelnen Styles dann zu seinem vermeintlich „eigenen“ zusammenbastelt – wird eher selten von Eltern und Lehrern vermittelt. Mittlerweile kann man sich trendige Kochkreationen mit besonderem Schwerpunkt auf Instagram unter den Hashtags #foodporn, #glutenfree und so weiter zu Herzen nehmen, und Amateur-Köche mit Talent für die Selbstdarstellung werden genauso prominent gehandelt wie Popsänger. „Foodies“ sind Rockstars, die ihre Leidenschaft sogar zu Geld machen. Und „normale“ Menschen können aus dem Potpourré der Gourmet-Zutaten ihre Identität zusammenstellen.

Zum anderen macht das Internet eine schnellere Verbreitung von exotischen, seltenen oder eben für die Region ungewöhnlichen Zutaten und Kochprozessen möglich. Gleichzeitig werden Brücken geschlagen: weil regionale Produkte nun Bio als Premiumware ersetzen und sich das logistische Angebot des Lieferservices lohnt. Der traditionelle Kaufmann ist zurück, der Handel wird dank digitaler Steuerung dezentralisiert, und die individuelle Sortierung sowie Kuratierung wird auf den Kunden zugeschnitten. Ohne Einkaufszettel.

Man merkt: auch das Essen unterliegt den kulturellen Megaturns unserer Gesellschaft. Egal ob Urbanität, Mobilität, Individualisierung, Globalisierung oder Gesundheit: Alles spielt in der Bewertung neuer Trends eine Rolle.

Genau an all diesen Punkten schließt Fresh Parsnip an.

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Fresh Parsnip bedient nicht nur eine Klientel, die sich über ihre Ernährung identifizieren möchte, sondern auch eine, die auf jeder Ebene bewusst sein will. Das bedeutet, Nachhaltigkeit, Gesundheit und Convenience müssen in einem ausgeglichenen Verhältnis zueinander stehen. Das schafft man als Unternehmen aber nur, wenn das Produkt skalierbar, übersichtlich und halbwegs bezahlbar bleibt. Und das ginge ohne Internet nicht. Am Konzept von Fresh Parsnip erkennt man, wie angenehm klein die Welt wieder werden kann, wenn man die Möglichkeiten des Netzes mit den regionalen Infrastrukturen verbindet.

Wer würde raus nach Brandenburg fahren, um seine Äpfel, das Wurzelgemüse im Herbst, den Spargel oder die dicke Kartoffel, frisch zum Bauern zu ernten? Obwohl der Weg nicht weit ist und die Umwelt davon profitieren würde, kurze Wege für das Essen zu nutzen, ist das ganze Prinzip „regional“ erst wieder auf dem Schirm, seitdem die virtuellen Tore für Organisation und Logistik offen stehen.

Nicht nur Fresh Parsnip geht diesen Weg; auch andere Anbieter haben sich für die Verschränkung von Digitalem und Regionalem hingegeben, etwa der Online-Wochenmarkt Bonativo. Bei Bonativo können Kunden frisches Obst, Gemüse, Fleisch und Trockenwaren bestellen. Diese werden am nächsten Tag geliefert, und zwar vor die Haustür. Bei Bonativo wird nichts gelagert, sondern direkt nach der Bestellung erst vom Lieferanten (eines Bauern oder Anbieters aus der Region – mit einigen Ausnahmen, die man im Sortiment findet) geliefert, die Bestellung zusammengestellt und an den Kunden weitergegeben. Die Convenience schlägt sich auch im Preis nieder, ja. Aber bewusst essen und im wahrsten Sinne des Wortes konsumieren soll ja gerade keine für jeden zugängliche Selbstverständlichkeit sein. Sie soll besonders bleiben, im besten Fall so lange, bis sie vom nächsten sich ausdifferenzierenden Lebensbereich abgelöst wird

„Das neue Essen für den neuen Menschen“

Lieferdienst: Das kann jeder. Mit Angeboten wie Fresh Parsnip eröffnet sich aber ein Spielraum an Eigenschaften, die immer mehr in greifbare Nähe rücken. Der zeit- und rastlose, projektbasierte Denker im Kreativ-Vulkan Berlin will Vielfalt, Ausgewogenheit, Umweltbewusstsein und schnelle Entscheidungen – sowie den optimalen Nährwert im schicken Design. Das alles kann er nun für einen machbaren Preis haben. Es gibt keinen Prinzipienverzicht mehr, sondern Ganzheitlichkeit aus der Region. Dem Internet sei Dank.

Dass wir alle bald zu sog. Locavores, also Konsumenten ausschließlich lokal und regional erzeugter sowie zubereiteter Produkte werden, bleibt eher Utopie. Stattdessen vermischen sich die Trends immer mehr. Auf der einen Seite Exotik, auf der anderen Regionalität, die, wenn wir uns mal das Angebot aus Brandenburg näher anschauen, jetzt nicht unbedingt feurig und leidenschaftlich ist; hier Fusion, da Hybrid. Die Rückbesinnung auf lokale Erzeugnisse und territoriale Rezepte ist ein Akzent, der sich mit der „Globalkultur“ vermischt. Auf diese Art und Weise entstehen schöne, neue Gerichte, mit tollen Geschmäckern und interessanten Konzepten.

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Die Aufgabe von Fresh Parsnip und anderen wird es in Zukunft sein, diese große Auswahl nicht einfach zu servieren, sondern – wie ein schicker Boutique-Händler – ein speziell auf seine Kunden zugeschnittenes Sortiment zu gestalten. Neben der Online-Kompetenz der Endverbraucher kommt heute auch eine kulinarische Kompetenz hinzu, ohne die es schwer sein wird, sich durch das Dickicht der Angebote zu schlagen. Essen wird Mode und Kunst zugleich, und ausgestellt wird in Galerie-Restaurants. Darauf hat die Lebensmittelindustrie schließlich lange hingearbeitet: Kuratiertes Essen.

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