5:00 Uhr in der Früh. Ich war echt müde, stand am Flughafen und rauchte meine erste, nicht so wirklich gut schmeckende Zigarette. Die wenigen wachen Gehirnzellen versuchten darüber nachzudenken, wie es dazu kam, dass ich nun hier gelandet bin. Achja, eine Woche zuvor hatte ich in der Mittagspause noch eine Bewerbung für einen Workshop ausgefüllt und abgeschickt. Eine Mail war nötig und  zack! steh ich hier. Vom Digitalen ins Reale, manchmal kaum zu fassen, wie schnell so etwas gehen kann.

Die Mail, die mich hierher brachte, klang so:

Congratulations! 🚀

You have been selected as 1 of 15 creatives for the participation for 1001istanbul from 9.10.-12.10. in Istanbul at Impact Hub Istanbul !
CREATIVES + SOCIAL ENTREPRENEURS meet in an inspiring space called Vizyon Atölyesi to COLLABORATE for 48 hours!


We are super excited to welcoming you in our city and create 1001istanbul with you!


Team 1001istanbul
#1001Istanbul

Erst nachdem ich diese Nachricht las, fragte ich mich das erste Mal: „Ok, was machen wir da genau?“

Versteht doch keiner wirklich, was man da nun machen soll. Aber hey, man ist jung und aufgeschlossen. “Lass fließen”, lautet das Motto. Also, auf ins Abenteuer!

Am Istanbuler Flughafen sahen wir einen fröhlich umherhüpfenden Ahmet, mit einem Schild auf dem IMPACT HUB stand. Ich fühlte mich angesprochen und lief zu ihm. Die mir noch völlig unbekannten Teilnehmer fanden sich langsam zusammen und Ahmet fuhr uns ins Hotel. Die Leute kamen aus Österreich, Frankreich, Schweiz, UK und Italien angeflogen. Diese Internationalität forderte meine eingerosteten Englisch-Kenntnisse auf’s Äußerste heraus. 

Angekommen am Hotel wurde der Hunger immer größer. Als hätte unser Gastgeber es geahnt, stand eine Istanbuler Streetfood-Tour auf dem Plan.

Zufrieden und vollgefuttert begaben wir uns danach in unser neues Büro, das VIZION ATÖLYE. Man hätte auch sagen können „in unser neues Zuhause“, zu dem Zeitpunkt wusste nämlich noch keiner, dass wir dort so verdammt viel Zeit verbringen würden. Die vier etwas aufgeregten Social Entrepreneurs warteten schon auf uns. Sie hatten nun die Aufgabe, in einem kleinen Pitch zu erzählen, vor welchen Problemen sie gerade stehen und warum sie gerade uns brauchen.

Nach der großen Aufregung und allen Pitches konnte man nun auswählen, welches Projekt man unterstützen will. Zur Auswahl standen:

1. Kızlar Sahada – ein Frauenfußballverein zur Stärkung der Frauenrolle in der türkischen Gesellschaft.

2. Dem Derneği – die Entwicklung eines Coffee Shop mit dem Konzept Gebärdensprache in den Fokus zu rücken.

3. SineMASAL – mobiles Kinderkino zur Verbreitung von Filmkunst in ländlichen Gegenden der Türkei.

4. Impact Hub Istanbul – Planung eines Coworking Spaces, in dem Workshops für Social Entrepreneurs in Istanbul stattfinden können.

Und an diesem Punkt spule ich einfach mal die Geschichte zwei komplette Tage vor. Denn in den folgenden 48 Stunden haben wir 6 Stunden geschlafen, gefühlte 20 Stunden lang geredet, 20 Stunden an einer Umsetzung gearbeitet und 2 Stunden eine Präsentation erstellt. Nach dem ganzen Trubel habe ich mich ein wenig so gefühlt, als ob mich ein dolmuş (dt.: türkisches Großraumtaxi) überrollt hätte.

Aber ich war überwältigt von dem, was in so einer kurzen Zeit entstehen kann, wenn man in crossmedialen Gruppen arbeitet:

Das Projekt Kızlar Sahada hat eine neue Webseite und zwei Imagefilme erhalten.

Für den Coffee Shop Dem Good Coffee  wurde ein komplettes Corporate Design entwickelt. Mit Logo, Merchandise, einer Webseite, einem Fotoshooting, einem Imagevideo, GIF-Interviews mit einigen Gehörlosen, und als ob das nicht reichen würde, gab es on top ein neues System für Kaffeebezeichnungen in Zeichensprache. Das gab es bisher nämlich noch nicht.

SineMASAL erhielten einen Imagefilm und zusätzlich eine gewitzte Social Media-Kampagne: Passanten, wurden gebeten in Pantomime folgende Frage zu beantworten: „Was war dein erster Kinofilm?“.

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Für das Impact Hub Istanbul wurde eine Audio Installation in der ganzen Stadt konzipiert, um die Arbeit der Social Entrepreneure in Istanbul sichtbar zu machen. Die sozial Unternehmer kümmern sich immer innovativ, pragmatisch und langfristig um die Lösung sozialer Probleme. Ob das große Parkplatzproblem oder die Müllberge in Istanbul, diese Orte wurden mit einer Audio-Installation markiert und die Lösung des Problems anschließend vom sozial Unternehmer ins Ohr geflüstert.

Nachdem wir uns alle gegenseitig unsere Ergebnisse präsentiert hatten, feierten wir uns selbst ein wenig mit einem bis vierzehn Drinks und fielen tot ins Bett.

Und zack, ging es am nächsten Tag auch schon in Richtung Heimat.

Das Wort des Wochenendes war „cheesy“, denn die Truppe war in der kurzen Zeit unzertrennlich, und es floss zwischendurch sogar bei dem ein oder anderen ein Tränen.

Mein mitgebrachtes, nicht unbedingt neues aber aufgefrischtes Fazit lautet:

Im Alltag ist man oft auf zehn Baustellen gleichzeitig zugegen. Es ist toll, sich einmal nur auf eine Sache zu konzentrieren. Man bekommt direktes Feedback und sieht, was man geschafft hat.

Menschen vergessen einfach zu oft, dass man auf einem Egotrip nicht weit kommt. Wenn man wachsen will, muss man sich mit anderen Menschen zusammentun. Nur so kann man auch etwas erreichen.

Es muss nicht immer Geld fließen, wenn man helfen möchte. Viel effektiver ist es, mit seinen Skills und einer Zeitspende Projekte zu unterstützen. Das ist eine viel schönere Art zu spenden, wenn man vor allem selbst knapp bei Kasse ist.

Ich freue mich schon auf das nächste Mal und kann jedem Leser nur empfehlen, sich für das nächste Projekt Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen zu schnappen und zu entdecken, wie anders und zugleich bereichernd die Arbeitsweise ist und man sicher auf ein ganz unerwartetes Ergebnis kommt.

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