Mit dem Abi in der Tasche und keinem Plan, was ich in Zukunft einmal beruflich machen möchte, besuchte ich meinen alten Schulfreund Jan in Berlin. „Ist geil hier. Kannst bei mir pennen. Meine Mitbewohnerin ist auch geil.“ Mehr Argumente brauchte es erst einmal nicht. Aus zwei Wochen Berlin wurden inzwischen zwölf Jahre. Schon nach wenigen Tagen konnte ich mir nicht mehr vorstellen, woanders zu leben, mich woanders so frei zu fühlen und woanders mehr Inspirationen finden zu können als hier.

Während Jan unter der Woche in einer Schule für geistig Behinderte den Tätigkeiten seines sozialen Jahres nachging, streifte ich täglich allein mit meiner Kamera durch die Stadt auf der Suche nach Motiven, die dieses sonderbar-schöne Berlingefühl in mir wiederspiegelten. Ich schlenderte durch Hinterhöfe, kletterte über Mauern, fuhr tagelang ziellos mit der U-Bahn umher, um die Menschen besser beobachten zu können oder an irgendeinem mir fremden Ort auszusteigen und ihn zu erkunden. Was mich reizte, waren weniger die bekannten Sehenswürdigkeiten der Stadt als vielmehr ihre unscheinbaren Flächen.

Bei genauerem Hinsehen offenbarten mir diese plötzlich einen wunderbaren Einblick in die Seele der Stadt. Immer wieder stieß ich auf Aushänge, angebracht an Ampeln, Stromkästen oder Bäumen, in Hausfluren, Bahnhöfen oder auf schwarzen Brettern in Copyshops und Universitäten.

Entdeckt von „ANDY“ in der Straßenbahn M10 in Friedrichshain.
Entdeckt von „ANDY“ in der Straßenbahn M10 in Friedrichshain.

 

Die Zettel zogen mich sofort in ihren Bann. Sie waren für mich mehr als nur reine Informationsträger; sie dienten vielmehr als Vermittler sozialer Realität und entwickelten sich zu meinem persönlichen Reiseführer durch die einzelnen Kieze der Stadt. Wie ticken die Leute hier, was beschäftigt wen, wo, wie und warum? Berlin so schien mir, spricht hier seine ganz eigene Sprache. Zu jeder Zeit und überall. Berlin will sich mitteilen, etwas erzählen, verzapfen, kommentieren, suchen oder finden – und sich manchmal einfach nur wichtig machen.

Entdeckt von „Lennart“ in der Tellstraße in Neukölln.
Entdeckt von „Lennart“ in der Tellstraße in Neukölln.

 

Die Suche nach Aushängen entwickelte sich fortan zu meiner großen Leidenschaft. Doch musste ich schnell feststellen: Man kann nicht die Uhr danach stellen, wo und wann man auf ein spannendes Fundstück trifft. Berlin zeigt einem seine Botschaften genauso schnell, wie es sie wieder verschwinden lässt. Oftmals spontan und ungeplant und zudem völlig hilflos den Witterungsbedingungen ausgesetzt. Nach gut drei Jahren kontinuierlicher Zetteljagd hatte ich ein Archiv von etwa einhundertfünfzig Exemplaren zusammen die jedoch primär aus drei Gegenden stammen: Prenzlauer Berg, wo ich damals wohnte, Mitte, wo ich jobbte und Kreuzberg, dort residierten die meisten meiner Freunde. Irgendwann packte mich der Gedanke, wie spannend es doch sein könnte, zusammen mit anderen Menschen aus allen Ecken der Stadt die Zettelwirtschaft einzufangen?

So entstand 2010 schließlich die Idee zu Notes of Berlin, einem Gemeinschaftsblog, der zusammen mit den Bewohnern, Freunden, Gästen und Touristen Berlins bis heute versucht, all die Schätze dieser urban-analogen Alltagskulturkommunikation zu dokumentieren. Das Blogprojekt feiert aktuell sein fünfjähriges Bestehen und freut sich bereits über mehr als elftausend Notes-Einsendungen, von denen über zweitausensiebenhundert gepostet wurden.

Die Themenvielfalt reicht von klassischen Gesuchen nach verloren gegangen Haustieren,

Entdeckt von „FONZIE 535“ bei der Haltestelle Schönfließer Straße im Prenzlauer Berg.
Entdeckt von „FONZIE 535“ bei der Haltestelle Schönfließer Straße im Prenzlauer Berg.

 

Laptops oder gar Eheringen, übelste Beschwerden über zu laut vögelnde Nachbarn und dreiste Fahrraddiebe, bis hin zu herzergreifenden Aushängen von Kindern oder Rentnern, die in ihrer Freizeit gerne eine eigene Band gründen bzw. Hunde Gassi führen möchten.

Entdeckt von „DENNBEE“ beim Schlosspark in Pankow.
Entdeckt von „DENNBEE“ beim Schlosspark in Pankow.

 

Meinen bisherigen Beobachtungen zufolge ist Berlin zumindest deutschlandweit das Mekka der Zettelwirtschaft. Aber warum ist das so? Und was sagen die Zettel eigentlich über die Bewohner dieser Stadt aus? Darauf möchte in einem meiner nächsten Beiträge näher eingehen und euch bis dahin und auch danach mit einem bunten Mix an Notes versorgen. Heute schon mal mit einem kleinen Einblick in die Berliner Wohnunggsuche anhand von Zetteln: