Ferdinand Georg Waldmüller - Der Liebesbrief
Ferdinand Georg Waldmüller - Der Liebesbrief

Hommage an den Liebesbrief

Meinen ersten Liebesbrief habe ich für einen Freund in der Grundschule geschrieben, nennen wir ihn Robert. Er war verknallt in – nennen wir sie – Henriette, konnte ihr aber seine Gefühle nicht gestehen. Und so schlug ich ihm vor, ihr einfach einen Brief zu schreiben. In Filmen machten so was die Erwachsenen ständig und ich dachte, es gehört zum Repertoire der Liebe dazu. Da er aber nicht nur Hemmungen hatte, Henriette seine Gefühle zu offenbaren, sondern ihm schlichtweg die Worte fehlten, mit denen er sie hätte ansprechen können, übernahm ich einfach die Aufgabe und wurde zu seinem Ghostwriter. An den genauen Wortlaut kann ich mich nicht mehr erinnern, aber ich weiß noch, dass wir die Ränder des Briefes mit einem stibitzten Feuerzeug ansengten. Das kam uns damals irre romantisch vor.

Kulturgeschichtlich gesehen gab es schon immer Liebesmitteilungen. Der Prähistorische Mensch hatte sicherlich nicht nur die Wände der Höhlen verziert, damit tausende Jahre später die Leute über seine Kunstwerke fachsimpeln können. Wahrscheinlich hatte der eine oder andere Höhlenkünstler auch ein Mammut an die Wand gemalt, weil es das Lieblingstier seines Herzblatts gewesen ist und er somit ordentlich Eindruck schinden konnte. Dieses Beispiel zeigt, wie vielseitig die Kommunikationsarten der Liebe sein können und dass sie eine wichtige Rolle in unserer Kulturgeschichte gespielt haben.

Wie facettenreich die Menschen ihre Liebe ausgedrückt haben, erzählen wir euch ein andermal. Hier soll es erstmal um den Liebesbrief als solchen gehen. Und dieser durchlief einen dramatischen Kulturwandel. Die Schrift wurde mit der Zeit zunehmend schnörkelloser, das Briefpapier „digitalisierte“ sich und die Wortzahl wurde des Öfteren auf „<3“(1) verringert. Die Intention des Liebesbriefs ist jedoch dieselbe geblieben: Wir wollen unseren Liebsten Aufmerksamkeit schenken. Außerdem hat ein handschriftlich verfasster Brief eine persönlichere Note:

Zeig mir deine Schönschrift und ich sag dir wie dein Herz schlägt.

Die Worte in Briefen sind ein Stück weit überlegter, denn Apfel+Z(2) funktioniert nicht auf Papier und durchgestrichene Wörter sehen nur manchmal selten gut aus. Außerdem muss man den Hintern hochbekommen, um den Brief mit eigenen Händen zu verschicken. Weitaus komplizierter als auf einen Button zu klicken, auf dem „Senden“ steht. Aber es lohnt sich.

„Sollen wir nun in den nächsten Schreibwarenladen laufen, um Feder, Tintenglas und Büttenpapier zu kaufen, nur um jemanden zu einem Bier am Späti einzuladen?“

Die Antwort ist: Jein. Ich höre nämlich gerade von den Mädels im Büro, dass selbst ein Post-it am eigenen Briefkasten als übergriffig wahrgenommen werden kann. Es ist ein Drahtseilakt:

Kitsch, Romantik oder Grusel.

Doch seien wir alle frohen Mutes und geben uns unserem Herzklopfen hin. Lasst uns das Risiko eingehen, einen persönlichen Brief zu verfassen. Egal wie aufgeregt unsere Schrift auf dem Papier dann aussieht. Die Aufregung gehört zum Verliebtsein dazu. Also: Papier und Stift herausholen, mit lesbarer Schrift eine Nachricht verfassen und ab an den Lieblingsmenschen! Vielleicht freut sich ja der Typ aus der Kantine oder die Frau aus dem Sieben-Uhr-Zweiundvierzig-Bus, die immer am selben Platz sitzen und schon so oft in unsere Richtung geguckt haben. Oder der Herzensdame einfach mal nicht per SMS bescheid geben, dass man kurz im Kiez spazieren geht. Sondern einen Zettel an die Tür kleben, wo vielleicht drauf steht: „Liebste, Ich geh spazieren. Hoffe, du weißt, jeden Tag hab ich dich lieber und verspreche auch, ich komm bald wieder“(3) .

Ach so! Was ist nun aus Robert und Henriette geworden? Henriette hat sich natürlich über den Brief gefreut. Sie waren unfassbar lange zusammen: ganze drei Wochen. Das war eine Ewigkeit zu der Zeit. Ob es auch ohne Brief gefunkt hätte, weiß ich nicht. Er half jedenfalls, den ersten Schritt zu machen und der ist bekanntlich der Schwerste. Gerade dann, wenn es darum geht zu sagen:

 

Text: Karl Komet #teamimgegenteil
Header Bild: Ferdinand Georg Waldmüller – Der Liebesbrief
Bilder: 1. Julie Edgley Titel: Photo5_red_ribbon  unter CC BY-SA 2.0, 2. Paul Barker Hemmings Titel: R0015593 unter CC BY-SA 2.0, 3. Sean Titel: Love Letter unter CC BY-ND 2.0

1In Worten: kleiner drei. Der aufmerksame Beobachter erkennt in der Zeichenfolge ein Herz. Clever und süß.
2Hier als Metapher verwendet für Rückgängig machen
3Der Verfasser hat hier auf plumpe Art und Weise aus einem Lied von der Band Keimzeit zitiert