Wenn man mich fragt, wann ich das letzte Mal im Urlaub war: vorletzte Woche. Wenn man mich fragt, wann ich das letzte Mal ein oder gar zwei Wochen lang nicht gearbeitet habe: vermutlich vor elf Jahren. Also in dem Jahr, bevor ich gemeinsam mit einem Freund ein Magazin namens INDIE gegründet, mein damals gerade angefangenes Kunstgeschichte-Studium an den Nagel gehängt und die ersten Nächte meines Lebens durchgearbeitet habe. Das Freizeitprojekt „Magazin“ wurde schneller zu einem Vollzeitjob, als ich das Wort „Selbstständigkeit“ aussprechen konnte. Statt mich mit ersten doofen Chefs herumzuschlagen, wurde mein eigener Ehrgeiz und Perfektionismus zum meinem fiesesten Sklaventreiber: Die gerade erschienene Ausgabe wurde nach kürzester Zeit beschämt in den Keller geräumt, alles musste besser, größer, toller und aufwendiger werden.

Vielleicht hat sich in den elf Jahren gar nicht so viel geändert. Heute stehen zwei weltweit vertriebene Magazine, diverse Corporate Publishing-Projekte und Lookbooks für internationale Marken wie Monki in unseren Regalen und eine Vielzahl Seiten und Channels im Internet, die wir für uns und unsere Kunden aufgebaut haben. Dennoch fällt einem nur manchmal – wenn man anderen beispielsweise erzählt, was man so alles macht – auf, dass es ja eigentlich ganz schön viel ist. Und dass das, was man ständig als Work in Progress, als Das-muss-noch-besser-werden zu dicht vor der eigenen Nase hat, für Außenstehende womöglich ziemlich rund daherkommt.

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Was allgemein als die Bewerbungsantwort auf die Frage „Und Ihre Schwächen?“ empfohlen wird, nämlich seinen Perfektionismus als persönlichen Fluch zu verkaufen, ist für viele kreativ Selbstständige nervtötend treffend. Wir tragen die großen Ziele vor uns her wie ein Esel die Karotte am Stecken: entweder unerreichbar hoch gesteckt, oder wenn doch mal erreicht, nach zwei Minuten als „nicht genug“ eingestuft.

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Aber es wäre zu einfach, sich hier über das harte Leben als eigener Boss zu beschweren. Darüber, jeden Tag bis zwei Uhr früh vor dem Computer zu sitzen, jedes Wochenende mit dem Aufarbeiten der von Montag bis Freitag liegengebliebenen zweiten Reihe an To-dos zu verbringen. Keine Ferien und keinen Abend mit Freunden ohne konstanter Erreichbarkeit zu kennen. Denn das, was wir, in der Kreativbranche tätigen Arbeitstiere, für unser ganz persönliches Dilemma halten, ist nichts anderes als die alltägliche Arbeitsrealität unserer Generation. Egal, ob selbstständig oder angestellt, egal ob Kreativberuf oder Zahlenjob: Wer arbeitet heute noch nine to five? Sie kommen regelmäßig zurückgeschossen, die prompten Antworten auf meine mitternächtlichen E-Mails; von PR-Assistenten bis zu Marketingleitern, deren Deadlines ihnen genauso schlaflose Nächte bereiten wie mir.

Genau genommen gehöre ich also zu dem glücklichen marginalen Prozentsatz der Menschheit, der den Grad seiner (Selbst-)Ausbeutung in Eigenregie bestimmt. Der mit dem Druck leben muss, in dem was er tut, nicht ersetzbar zu sein … und der dafür von dem Hochgefühl durchs Leben getragen wird, in dem was er tut, nicht ersetzbar zu sein.

Aber geht es uns, nur weil wir uns dieses Leben selbst ausgesucht haben, automatisch immer gut damit? Und wann wird es ungesund, sich als Mensch über seine Arbeit zu definieren?

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Wenn man sich mögliche Ursachen für das Auftreten eines Burnout-Syndroms anschaut, Freunde, da klingeln einem die Alarmglocken. Ganz oben auf der Liste: hohe Anforderungen an die eigene Arbeit, Perfektionismus, Stress, ausgeprägter Ehrgeiz. Also so ungefähr alles, was für den erfolgreichen Aufbau eines eigenen Unternehmens unablässig ist.

Weiter unten aber folgen jene Faktoren, die unseren durchschnittlich irren Arbeitsalltag im Vergleich zu den zumeist gefährdeten helfenden Berufe wieder relativiert. Nein, ich trage sicher nicht dieselbe Verantwortung, wie ein Krankenpfleger oder eine Ärztin. Es geht in meiner Arbeit nicht darum, Menschenleben zu retten. Dabei brauche ich nicht mal Leben-oder-Tod-Vergleiche: Wenn in der Arbeit mal wieder alles schief läuft, baue ich mich seit Kurzem schon damit auf, mir für einen Augenblick vorzustellen, ich wäre im Vorstand von VW und müsste gerade die größte Katastrophe der Firmengeschichte aufarbeiten. Diese kleine Entspannungsübung macht mir immer wieder Freude.

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Aber es geht nicht immer darum, den eigenen Druck zu relativieren, um sich vom täglichen Arbeitspensum nicht überrollt zu fühlen. Jeder braucht da seine persönlichen Strategien, aus den Erschöpfungstiefs, in denen man angesichts der wochenlang aufgetürmten Schmutzwäscheberge schon mal lächerlich intensive Verzweiflung erleben kann, wieder rauszukommen. Meine persönliche Strategie lautet: schimpfen. Wie eine irre misanthropische Rentnerin gehe ich an besonders schlimmen Tagen vor dem Einschlafen mental eine Liste aller Dinge und Menschen durch, die mich gerade nerven; unaussprechliche Schimpfwörter inklusive. In diesem unterbewussten Gedankenstrom, in dem nichts und niemand verschont bleibt, werden mir oft Probleme und Konflikte bewusst, die ich in einer „seriösen“ Erörterung bei Tageslicht gar nicht gesehen hätte.

Im Idealfall wache ich am nächsten Tag mit der Welt versöhnt auf und mache mich mit neuer Energie an die vielen dringenden Projekte und Abgaben, die nächste Woche, heute oder meist gestern schon fällig waren. Weil es einfach verdammt viel Freude macht.