photo: Ed Schipul
photo: Ed Schipul

Ich muss zugeben, dass ich mir die meiste Zeit ziemlich auf die Zunge beißen muss, um nicht ständig mit meinem Job prahlen. Es ist ein Job, den ich mir so nie konkret ausgesucht habe, und den es bis vor einigen Jahren auch noch gar nicht richtig gab. Aber besser, als es sich ergeben hat, könnte es gar nicht sein. Über etwas zu schreiben, wofür man brennt, ist überaus erfüllend, und all die Menschen, die ich über meinen Blog kennengelernt habe, all die Erfahrungen und Möglichkeiten, die sich daraus ergeben haben, will ich einfach nicht mehr missen. Die Freiheit, kreativ und ortsunabhängig zu arbeiten, macht mich sehr glücklich, und seit ich meinen Blog hauptberuflich betreibe, bin ich einfach ein glücklicherer Mensch.

Doch auch wenn, meiner Meinung nach, das Leben als Blogger ziemlich unschlagbar ist, gibt es natürlich auch Schattenseiten, die einem in manchen Momenten ganz schön die Laune runterziehen. Mich über sie hier auszulassen, ist zugegebenermaßen Klagen auf hohem Niveau, aber ich denke, ich spreche einigen meiner Kollegen tief aus der Seele. Und warum nicht auch mal offen zugeben, dass auch unser Leben nicht immer ganz so glamourös und fantastisch ist, wie es vielleicht auf Instagram scheint.

1) Steuern und andere Abgründe

Wenn das Thema Steuern aufkommt, möchte ich eigentlich nur noch schreiend mit schlackernden Armen nach oben aus dem Zimmer rennen.

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Es ist wahrscheinlich die unangenehmste Seite der Freiberuflichkeit, und im Falle eines „neuen“ Berufs, der in keine amtliche Schublade passt, ist es besonders verzwickt. Wenn einem der Buchhalter dazu rät, man solle sich doch mal auf eine Sache konzentrieren, sonst könne ja nichts draus werden. Wenn einem der Steuerberater keinen Rat geben kann, weil er diese Situation „jetzt so auch noch nicht“ hatte. Wenn einem das Finanzamt die Ausgaben nicht anerkennt, weil sie nicht verstehen, was man da eigentlich macht. All dieser Driss lenkt einem oftmals mehr von der Arbeit ab, als einem recht ist und ruiniert einem dabei ganz schön die Stimmung.

2) Von Meinungen, Trollen & Negativen Kommentaren

Stellt man etwas von sich in die Öffentlichkeit stellt, muss man damit klarkommen, dass andere dazu eine Meinung haben, die einem selber nicht schmeckt. Diese Erkenntnis haben bereits auch all die jungen Modeblogger, die mal Outfits von sich auf ihren Blogs gezeigt haben, ziemlich schmerzhaft erlangen müssen. Da werden junge Mädels, die nun wirklich niemandem was Böses wollen, auf das Schlimmste beleidigt und fertig gemacht. Dabei geht es am Ende eigentlich kaum noch um Meinungsäußerungen, da geht es nur darum zu provozieren, zu verletzten, irgendeine Reaktion beim anderen hervorzurufen.

Ich hatte es in meinen acht Jahren als Blogger zum Glück nie so wirklich schwer, aber dennoch wurde ich schon für die Gentrifizierung verantwortlich gemacht, als homophob bezeichnet, mir wurden Schläge angedroht, ich wurde als Scheiß-Hipster beschimpft. Ich wurde öffentlich angeprangert, weil ich es wagte, am 1. Mai einen Shopping Guide zu posten. Ich wurde als Unterstützer von Rassismus betitelt, weil ich ein Foto von jemandem in schwarzem Make-Up veröffentlicht hab. Ich wurde zum Sympathisanten der Nazis erklärt, weil ich geschrieben hab, dass Berlin trotz der Verwüstung durch den Krieg seinen Spirit nicht verloren hätte. Natürlich weise ich all diese extremen Vorwürfe weit von mir, aber ein paar Leute sehen das anders.

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All das sind Meinungen, nach denen ich eigentlich nicht gefragt habe, von Menschen, die sich leidenschaftlich gern ereifern und mir mein fluffiges Blumenbeet zertrampeln wollen. Es ist manchmal schwer, das nicht an sich herankommen zu lassen. Aber das ist eigentlich die einzige Chance, die man hat: es einfach ignorieren.

3) Die Versklavung durch Facebook

Es ist Fluch und Segen in einem: Facebook. Auf der einen Seite vernetzt es uns mit unseren Lesern, verbreitet unsere Inhalte und bietet eine Recherche-Grundlage für unsere Arbeit, was bisher noch keine andere Social Media-Plattform in so großen Stil geschafft hat. Umso bitterer ist die Kehrseite der Medaille: Man wird davon abhängig. Man wird süchtig nach Likes, Impressionen und Klicks, die der Social Media-Krake einem liefert – und wie man übrigens am jüngsten Beispiel von Essena O’Neill gut vorgeführt bekommen hat. Und wenn dieser Krake dann irgendwann seine Macht ausspielt und den Hahn langsam zudreht, beginnt man zu merken, auf was man sich da eigentlich eingelassen hat.

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Es ist bedauerlich zu sehen, was Facebook mit manchen Seitenbetreibern macht. Unter dem Vorwand, nur die interessantesten Inhalte für seine User zeigen zu wollen, monopolisieren sie virale Inhalte, die auf billigen Emotionen basieren, und lassen so Qualitäts- und Nischeninhalte immer mehr außen vor. Am Ende hat man dann selbst als halbwegs vielseitig interessierter Mensch nur noch den neuesten Drake-Meme, die aktuellen reißerischen Posts von Buzzfeed oder BoredPanda im Stream. Von den ganzen coolen Pages, denen man eigentlich folgt, sieht man nichts mehr und sie werden vergessen.

4) Unverdientes Geld

Ein freiberuflicher Grafiker, muss sich nicht dafür rechtfertigen, dass er für eine Website oder einen Flyer Geld nimmt. Niemand findet es verwunderlich, dass ein Fotograf für seine Fotoleistungen bezahlt wird. Und dass ein Redakteur bei einer Zeitung ein Gehalt oder Honorar bekommt, das ist auch völlig normal. Doch dass ein Blogger Geld von einer Marke oder einer PR-Agentur ein paar Euros einsackt, dass ist natürlich völlig verwerflich und falsch und unverdient.

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Denn irgendwie scheint es noch nicht ganz in den Köpfen vieler Menschen angekommen zu sein, dass ein Blogger ja auch irgendwie Arbeit leistet, die durchaus mit der Arbeit eines Redakteurs oder Fotografen vergleichbar ist. Aber dafür bezahlt zu werden, das geht natürlich gar nicht und ist moralisch total verwerflich. Schließlich sollte man als Blogger nur selbstlos tagein, tagaus arbeiten und vom Geld seiner Eltern oder dem Nebenjob im Café leben.

5) Das E-Mail-Postfach: Ein Fass ohne Boden

Als ich neulich das E-Mail-Postfach meiner Kollegin Yasmin sah und meine zwei Wochen alte E-Mail bei ihr noch auf Seite eins erschien, war ich schon ein bisschen neidisch. Ihre Nachricht hab ich mit nur ganz viel Glück gesehen, und inzwischen ist sie schon längst im Jenseits zwischen hunderten von Pressemeldungen, Anfragen und Newslettern verschwunden.

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Es ist natürlich nicht unbedingt schlimm, viele E-Mails zu bekommen, doch wenn man irgendwann merkt, dass man bald mehr als einen halben Tag damit zubringt, E-Mails zu lesen und zu beantworten, und dabei noch nicht mal die Hälfte schafft, dann wünscht man sich einen Assistenten, der einem dabei hilft. Aber den kann man sich natürlich nicht leisten, weil man ja kein Geld verdienen darf …

6) Auf der Anklagebank

Wenn man einen Blog betreibt, ist man für viele eine Anlaufstelle für Information, Inspiration und Unterhaltung. Aber man ist auch Zielscheibe. Zielscheibe für entweder verrückte oder raffgierige Menschen, Leute, die sich ungerecht behandelt fühlen, Leute die einen um irgendetwas beneiden, oder was auch immer einen dazu verleitet, sich einen Anwalt zu nehmen und zu klagen. Ja, Blogger werden gerne mal wegen irgendeinem Quatsch verklagt. Da gibt es die verrücktesten Beispiele, die allesamt eins gemeinsam hatten: In den aller, aller seltensten Fällen wollte der Blogger irgendwem schaden, im Gegenteil. Doch der Gute Wille ist in dieser Welt leider kaum etwas wert.

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7) Niemals Ausschalten

Eines der typischsten Leiden des Bloggers ist die ständige Erreichbarkeit. Wenn man Blogger ist, ist man 24/7 in Bereitschaft. Man kann sich nie auch nur einen Tag rausziehen, denn man könnte eine wichtige Mail von einem Kunden, einen versehentlich ausgelösten Shitstorm auf Facebook, oder das Abrauchen des Servers verpassen. Und da die meisten Blogger ja für sich arbeiten, kann auch nicht wirklich jemand anders für sie das Ruder übernehmen. So ist man eigentlich täglich, egal ob Sonn- und Feiertag, Urlaub: connected. Ich hab schon aus dem Dschungel in Argentinien, vom Strand in Brasilien und aus den verschneitesten Bergen Norwegens gebloggt. Während die Reisebegleitung schon die Sonnencreme aufträgt, bin ich noch dabei, mit dem langsamsten Wifi auf Erden vom Café um die Ecke die nächsten Facebook-Posts für den Tag vorzuprogrammieren, oder den neuesten Blog-Post zu veröffentlichen. Ich kann nie wirklich abschalten, denn so ein Blog lässt sich nicht ohne weiteres pausieren. Und auch wenn es der geilste Job der Welt ist, möchte man dennoch auch wenigstens eine Woche nicht über den Blog nachdenken müssen.

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Das waren sie, die Leiden des Bloggens. Ihr denkt jetzt vielleicht: „Na so schlimm klingt das alles jetzt gar nicht.“ Das mag bei manch einem zutreffen, aber jeder hat ja bekanntlich sein eigenes Maß, und so leide auch ich unter meinen kleinen Blogger-Problemchen – nur tue ich das unter Umständen vom Strand in Rio.

Cover-Foto: Ed Schipul Titel: screaming red guy Lizenz: CC BY-SA 2.0