Oliver Blohm ist ein junger Künstler, den wir seit einigen Jahren verfolgen. Seine Arbeiten sind präzise dem Zufall überlassen, manchmal schrill, manchmal in sich ruhend, experimentell. Sie versprühen die Lust an der Unvernunft, am Wahnwitzigen. Er selbst sagt, sie seien häufig sehr melancholisch. Das finden wir nicht. Wir durften ihn einen Nachmittag lang in ein Gespräch verwickeln.

Was inspiriert dich?

Die Dusche ist ein magischer Ort, dort treffen sich oft die besten Ideen und Gedanken.

Definierst du dich als Künstler?

Ich hab ganz lange gebraucht, um mich überhaupt als Künstler zu definieren. Ich habe mich lange als Fotograf bezeichnet und erst, als ich viele Anfragen von Galerien bekommen habe und an mich von außen der Kunstbegriff herangeführt wurde, konnte ich das akzeptieren. Und mittlerweile würde ich meine Fotografie als künstlerische Ausdrucksform anerkennen. Wobei es aber Unterschiede zwischen den verschiedenen Disziplinen gibt wie z.B. Malerei, Bildhauerei, Literatur und Fotografie, in Bezug auf den Begriff Kunst.

© Oliver Blohm
© Oliver Blohm
© Oliver Blohm
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Zweifelst du manchmal an deiner Arbeit oder Berufswahl?

Was musst du verlieren, um zu gewinnen? – Deine Erwartungshaltung!
Ich zweifel nicht an der Fotografie, ganz im Gegenteil. Es waren viele Umwege, die mich immer wieder zu ihr geleitet haben – das habe ich akzeptiert und vertraue ihr. Aber ich zweifel an dem Weg, den ich beschreite, auch wenn ich weiß, dass es ein Ziel für mich gibt und der Weg gerade davon bestimmt wird. Es beschäftigen mich häufiger  zwischenmenschliche Fragen als Zweifel. Ein gutes Beispiel ist die Frage nach dem Verhalten am Set. Wie habe ich vor wem gewirkt und was damit beeinflusst? Innerhalb jeder Produktion ergeben sich andere Dynamiken anhand der Teamzusammensetzung. Und je nachdem bin ich ja auch ein etwas anderer Mensch. Dann frage ich mich manchmal im Nachhinein: War das überhaupt angemessen? War das zu offen? Zu ehrlich oder gerade richtig, weil ich der bin, der ich ich bin? Ich habe immer den Anspruch daran das Bestmögliche aus jeder Situation zu machen und dazu gehört auch das Agieren mit dem Team. Vor allem in Bezug auf das Model, um etwas Gutes zu schaffen und die vorhandene Energie zu nutzen. Ich werde auch noch öfter darüber nachdenken, wie ich mich heute verhalten oder welche Antworten ich euch gegeben habe und bestimmt so einige Male über diesen Nachmittag mit euch schmunzeln.

Fotografierst du ausschließlich analog? Auch für kommerzielle Jobs?

Für kommerzielle Jobs fotografiere ich schon ab und an mal digital. Ich verschließe mich nicht vor der digitalen Welt, aber dennoch fotografiere ich vorwiegend analog. Analog gibt einen anderen Workflow vor. Ein Bild ist nach vier bis fünf Minuten sichtbar, das ist nicht schnell, aber dafür hat man ein Bild zur Hand, nicht auf einem Display. (Anm. d. Red.: Oliver Blohm arbeitet in letzter Zeit vorwiegend mit einer 8×10 Großformatkamera und Sofortbildfilmen von „The Impossible Project“.) Es kann bis zu 20min dauern, bis eine Aufnahme gemacht wird, bis alles eingerichtet ist, bis alles stimmt. Dadurch arbeiten aber alle Teammitglieder ganz präzise an einem Bild. Es entsteht eine unheimliche Konzentration, eine wunderbare Dynamik am Set, weil das Team zusammenarbeiten muss. Es geht mir vorwiegend um das fotografische Handwerk. Erst nach dem Scannen folgt die digitale Welt.

© Oliver Blohm
© Oliver Blohm
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Warum ziehst du eigentlich die analoge der digitalen Fotografie vor?

Weil ich mit den Händen arbeiten muss. Weil ich es sehen muss vorab, wie im Lichtschacht der Großformatkamera mit der ich während des Fotografierens fast verschmelze. Ich muss stets länger vor dem Auslösen arbeiten, bis das Bild stimmt oder zumindest für mich gut genug ist, um die letzten Details im Zweifel später zu lösen. Es ist eine schöne Art der Entschleunigung und gleichzeitig entsteht ein enormer Druck, um keine Zeit zu verlieren. Das macht es sehr reizvoll für mich. Außerdem finde ich, die analoge Fotografie verfügt über eine ganz andere Tiefe. Ich mag z.B sehr gerne leichte Unschärfen. Oft ist es so, dass erst durch eine leichte Unschärfe, das Bild zu leben beginnt. Ich bewege ich mich häufig bei der Belichtungszeit eher so zwischen einer viertel Sekunde und länger. Das ist mein Spielraum. Im Bild bekommt der Moment Raum zum Atmen.

Welche Einflüsse prägen deine Arbeit?

Vor allem die Musik. Sie umgibt mich aus vielen Gründen permanent. Je nach Phase, nach Zeit und aktueller Stimmung variiert diese und beeinflusst mich damit auch. Gerade emotional berührt sie mich unheimlich. Ich konnte zu Hause die Musik aktiv nicht richtig ausleben, vielleicht hat es auch etwas damit zu tun. Zur Zeit sind es oft Stonerrock, Psychedelic Rock, Jazz und experimentelle Geschichten, mit denen ich mich umgebe. Wenn ich Musik gemacht hätte, wäre ich vielleicht Jazzmusiker geworden, nicht Fotograf. Das ist aber gut so und soll auch so sein, ja.

In wie weit nutzt du soziale Medien um dich zu vermarkten?

Kaum bis wenig, im Sinne von Lust und Laune mit dem Anspruch einige Plattformen einfach aktuell zu halten. Ich nutze aber gerne Instagram, um Auszüge aus meinen Arbeiten oder manchmal Fotos aus meiner Umwelt zu zeigen. Ich habe festgetellt, dass mir Leute schreiben und mir berichten, wo sie etwas über mich gelesen oder meine Arbeiten gesehen haben. Manchmal werde ich nicht direkt darüber informiert, wenn was über mich veröffentlicht wurde und darum habe angefangen mich einmal in der Woche oder jede zweite Woche selbst zu googlen, um zu sehen, ob wieder was passiert ist, von dem ich nichts wusste.

Welche jungen Fotografen oder Künstler verfolgst du?

Ich schau mir vor allem die alten Meister an, weil die jungen Künstler noch viel rumexperimentieren und in viele Richtungen arbeiten, was auf jeden Fall auch spannend ist, aber alte Meister sind schon gesetzter und anhand ihrer Arbeiten und ihrer Entwicklung über einen langen Zeitraum für mich oft interessanter.

© Oliver Blohm
© Oliver Blohm
© Oliver Blohm
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Wie kam es dazu, dass du deine Bilder in die Mikrowelle geworfen hast?

In der Uni habe ich bereits viel experimentiert mit verschiedenen Chemikalien, Säure mit denen man  Steine zersetzen kann. Ich habe alles mit meinen Bildern gemacht:  Sie gekocht, gebacken, gekaut. Als ich sie wieder einmal anzündete, kam ich auf die Idee, sie in die Mikowelle zu legen. Zuerst sind die Polaroids einfach nur aufgegangen wie Mikrowellen-Popcorn. Um das zu verhindern, habe ich eine Art Hülle entwickelt, die die Bilder schützen. Ich habe drei Tage lang durchgehend experimentiert. Die Mikrowelle ist seit dem unbenutzbar für Nahrungsmittel.
Es hat ein Jahr gedauert, bis die erste entstandene Serie überhaupt Anklang gefunden hat und dann sind sie auf einmal überall gefeatured worden und in großen Magazinen erschienen. Das war eines der erstaunlichsten Erlebnisse für mich.

Welche Künstler bleiben unerreicht?

Paolo Roversi, Sarah Moon, Richard Avedon, August Sander, Max Ernst, Joel-Peter Witkin und Helmut Newton.

Wo gehst Du hin, wenn Du bei Dir sein willst?

Das klingt vielleicht komisch, aber ich kann am besten bei mir sein, wenn ich im  Auto sitze. Ich habe mit zwölf angefangen Geld für ein Auto zu sparen, weil mir klar war, dass ich mit 18 ein Auto haben will und auf einem kleinen Dorf in Norddeutschland benötigt man das auch, um frei zu sein. Für mich ist das Auto ein Safeplace.
Es ist ein ganz kleiner Raum, aber er ist definiert und abgeschlossen, aber beweglich. In Autos fühle ich mich sicher und aufgehoben – es ist die Mobilität und Möglichkeit einfach weg zu fahren, zu verschwinden, das macht es so attraktiv für mich. Es gibt keine Wohnung in der ich mich so fühle, wie in einem Auto.

Kunst oder Liebe?

Man kann nicht mit und nicht ohne Liebe. Ich brauche als Partnerin ein „Teammember“. Ein gleichwertiges Gegenüber, jemand der auch mal nicht da ist, aber mit dem man umso intensiver da sein kann. Mit dem man etwas teilt, ohne es aufzugeben. Denn es gibt dabei  immer einen wichtigen Aspekt, der heißt Kunst bzw. meine Arbeiten und das kann ich nur schlecht teilen. Das geht in meinem Herzen, meinem Bauch vor und wächst oft nur in mir.

Portrait von Oliver Blohm, © Schall & Schnabel
Portrait von Oliver Blohm, © Schall & Schnabel