Aus der Reihe Was das Internet so alles verändert heute: unser Hörverhalten. Ein komplexes Thema, dem man sich jedoch durchaus widmen sollte. Wie hat man Musik in der Prä-Internet-Ära gehört? Richtig: Radio, TV, Tonträger. Und heute? Irgendwie immer und überall. Zumindest ist es immer und überall (on demand) möglich. Wir müssen nicht mehr vorm Fernseher oder Radio sitzen und darauf warten, einen bestimmten Song zu hören, wir können ihn direkt suchen und sofort anhören. Was noch vor zwanzig Jahren nach Utopie klang, ist mittlerweile nicht mehr wegzudenken.

Doch die Freiheit, dass man das, was man genau in diesem Moment hören möchte, auch wirklich hören kann, ist Fluch und Segen zu gleich – für Hörer und Künstler. Der Hörer muss sich entscheiden, hat aber gleichzeitig die Möglichkeit, alles zu hören. Ob bekannt oder unbekannt, alles ist auswähl- und hörbar. Das bringt den Vorteil, dass man nun selbst der Kurator des eigenen Geschmacks sein kann. Man kann sich durch das Internet klicken und auf Dinge stoßen (vielleicht Fan werden), die man zu Offline-Zeiten vermutlich nie gehört hätte. Das Problem der Neuzeit: Alles ist möglich. – Doch was will man eigentlich?
Auf Künstlerseite gibt es den Vorteil, dass man nicht mehr auf Plattenfirmen angewiesen ist; man kann die eigene Musik einfach selbst ins Netz stellen. Aber das macht heutzutage jeder. Der Kampf um Aufmerksamkeit ist deshalb nahezu unerträglich.

Eine Lösung sind neuzeitliche Musikkuratoren: Blogs oder Playlisten. Diese machen es einfacher die Entscheidung, was man hören sollte, zu fällen. Doch ein Problem zeichnet sich ab: die Aufmerksamkeitsspanne. Diese ist im Internet bekanntlich sehr kurz. Playlisten plätschern im Hintergrund und beinhalten stets nur einige wenige Songs eines einzigen Künstlers. Das Format Album stirbt aus. Generation Playlist ist im Anmarsch. In den 1990ern wurden Popsongs speziell für das Radio geschrieben, da nur bestimmte Songstrukturen radiofreundlich sind/waren. Nun gibt es Diskussionen um den Begriff streamingfreundlicher Songs, also Songs, die der kurzen Aufmerksamkeitsspanne gerecht werden. Das bringt zwangsläufig eine gewisse Inhaltsfreiheit mit sich.

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DJ Oh, Sophia © Liudmila Savelieva

 

Auch Blogs können ein Geschmacksfilter sein. Der Hörer vertraut dem Kurationsmedium und hört, was dort empfohlen wird. Das funktionierte bis vor einiger Zeit gut. Doch nun ist es möglich, direkt auf Social-Media-Kanälen Musik zu hören. Hat man einen Act entdeckt, folgt man ihm oftmals auf diesen Kanälen und wird über deren neue Musik direkt informiert. Der Blog wird in dem Moment irrelevant, da er lediglich für das „über den Künstler stolpern“ sorgt. Ein System, dass sich selbst untergräbt. Auch deshalb, weil Songs oft nur kurz gehört werden. Der erste Eindruck zählt, wenn der nicht direkt ergreifend ist, wird zum nächsten Song geklickt. Nur selten befassen sich die Hörer mit Hintergründen; damit, was der jeweilige Künstler sagt und meint. Die Interpretationsleistung und das Interesse an Inhalten schwindet. Hier sind Musikblogs gefragt, da sie Hintergründe erklären und Inhalte beleuchten können. Letzten Endes sagt Musik stets etwas aus. Künstler haben ihre Gründe, warum sie die oder jenen Worte oder Sounds wählen, Dinge die mitunter über Jahre gedeihen mussten.

Bei aller Freiheit, die das Internet mit sich bringt, muss man eines feststellen: Die konstante Informations- und Möglichkeitsüberflutung, kombiniert mit der Möglichkeit, zu jeden Zeitpunkt wegzuklicken, führt dazu, dass den meisten Dingen, darunter auch Musik, kaum noch Zeit gewidmet wird. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, in der man sich mit Alben (nicht nur einzelnen Songs!) befasst und versucht hat, diese zu verstehen, den Künstler näher kennenzulernen. Diese Wertschätzung scheint leider verlorengegangen zu sein. Und ich spreche nicht von der Bereitschaft, für Musik zu bezahlen, sondern ausschließlich davon, Musik als mehr als nur „ein Etwas“ zu betrachten.

Bild: Jonathan Grado Titel: GradoRS1i Black and White Lizenz: CC BY-SA 2.0