Multifaceted by Eugenia Loli
Multifaceted by Eugenia Loli

Es ist allgemein bekannt, dass Facebook nicht gerade zimperlich mit unseren persönlichen Daten umgeht. Einmal erfasst, wissen nicht nur die Freunde wie das Leben so läuft.
Auch Google,Yahoo und sogar das blöde FarmVille-Spiel sind bestens im Bilde darüber, was du präferierst. Wo du gerne einkaufst, was du am liebsten hörst.
Und geben ihre Erkenntnisse gerne weiter. An große Werbefirmen zum Beispiel.

Dennoch nimmt man es hin. Für ein paar Sekunden wird mit den Zähnen geknirscht, aber da der Datenschutz-Dschungel einfach zu dicht ist, zieht man sich lieber wieder zurück und postet etwas. Ein Foto zum Beispiel, das den neuen Facebook-AGB’s widerspricht.
Zu jedem dritten Vollmond gibt es ein neues „Achtung-Facebook-ändert-die-AGB!“-Foto, geteilt von naiven Social-Media-Nutzern, im Unklaren darüber, dass sie über die Facebook-AGB’s keinerlei Macht haben. Um genau zu sein: Noch nicht mal über ihr eigenes Konto.

Generously Mischievous by Eugenia Loli
Generously Mischievous by Eugenia Loli

Identitäts-Striptease

In den Nutzungsbedingungen von Facebook steht seit langem, dass Mitglieder zur Verwendung ihres echten Namen aufgerufen sind.

Wenn Facebook mitbekommt, dass User unter dem Schutz eines Pseudonyms in ihren Gefilden agieren, werden diese zur Verwendung des Klarnamen verpflichtet. Einmal aufgefallen, müssen Fried Rich und Verena Effpunkt ihren Personalausweis einscannen und an den Datenriesen schicken. Bis dahin bleibt das Konto gesperrt. Blöd nur, dass rein rechtlich in Deutschland schon das Einscannen des Personalausweises verboten ist.
Aber Facebook hat seine eigenen Spielregeln.

Die Verpflichtung zum Identitäts-Striptease soll laut Facebook dafür sorgen, dass beispielsweise Internetmobbing eingedämmt und eine zivilere Netzkultur entwickelt wird.
Wie zivil ist das Verhalten dann aber noch untereinander?

Stasi-Media

Die Klarnamen-Policy ist kein uninteressantes Sozialexperiment, denn Facebook kommt vor allem dadurch auf Pseudonym-Sünder, wenn diese eingangs von Klarnamen-Strebern bei dem Datenriesen gemeldet wurden. Sollte man also von Facebook zur Offenbarung des Echtnamen aufgefordert sein, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man von einem anderen User gemeldet wurde. Es entsteht ein Social-Media-Schulhof, der alles andere als sozial ist.
Denn die Klarnamen-Petzen finden sich oft in der eigenen Freundesliste wieder.

Autoritäre Strukturen, in denen die festgelegten Regeln implementiert und sogar in den eigenen Reihen überwacht werden bilden den perfekten Nährboden für wachsendes Misstrauen untereinander. Wirklich sozial ist so eine Internet-Community dann nicht. Stasi-Media at its best, könnte man sagen.

Person of Interest by Eugenia Loli
Person of Interest by Eugenia Loli

 

Selbstausdruck und Social Media

Zivile Netzkultur in allen Ehren, aber die Authentizitätspeitsche trifft auch diejenigen, denen nichts anderes übrig bleibt, als auf ein Alias auszuweichen. Pseudonyme sind nicht nur Spielerei; sie dienen Menschen seit Jahrzehnten auch als Schutz, ja als Tarnname. Ob nun der politische Aktivist, dessen Namensoffenlegung je nach politischer Lage sogar tödlich enden könnte, oder die Privatperson, die aus sehr privaten, teils handfesten Gründen, z.B. häuslicher Gewalt oder Stalking, nicht mehr gefunden werden möchte. Die Veröffentlichung des echten Namen kann somit tödlich sein.

Auch die LGBT-Community ist im Netz oft Häme und Hetze ausgesetzt: Transgender, Transsexuelle und Transvestiten beispielsweise nutzen ihr Alias nicht nur, um ihrer Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen. Auch hier dient ein Pseudonym oft als Schutz. Schutz vor Stigmatisierung und beispielsweise Jobverlust sind hier nur die Spitze des Eisbergs. Die Diskrepanz zwischen der Geschlechtsidentität und dem, was im Ausweisdokument steht, ist gravierend und bereits groß genug. Dies muss nicht noch von einer sozialen Plattform, die sich darauf versteht, die Darstellung der eigenen Person zu fördern, verstärkt werden.

Im November 2015 wurde bekannt, dass Facebook seine Klarnamen-Regelung lockern will. Demnach soll es schwieriger werden, einen Pseudonym-Träger zu melden, wohingegen der Verifizierungsprozess einfacher werden soll. So reichen angeblich schon die Monatskarte oder der Bücherausweis als Identitätsüberprüfung.

Außerdem soll unter Angabe von Gründen eine individuelle Bewertung des Falles und eine Erlaubnis zur Pseudonym-Nutzung möglich sein. Was genau diese Gründe aber sein müssen und in welchen Fällen es möglich sein wird, seinen autonom gewählten Namen zu behalten, bleibt weiterhin unklar. Und die individuelle Online-Identität gefährdet. Letzen Endes ist Facebook ein Kanal, auf dem Selbstausdruck einen hohen Stellenwert hat.

Auf einer Plattform, bei der die Selbstdarstellung quasi der Nutzung inhärent ist, sollte das individuelle Selbstverständnis und somit auch der selbstgewählte Name respektiert werden.

Text: Yasmin Polat von iHeartBerlin

Illustrationen: Eugenia Loli unter CC-BY-NC