Martin Grünheit hat einfach alles: Twitter, Facebook und Instagram.
Der 1987 in Gera geborene Teilzeit-Berliner ist ein Digital Native und bewegt sich beruflich in einem der ältesten Medien, die historisch dokumentiert sind: Theater. Als Regisseur und Mitbegründer des Theater-Netzwerkes cobratheater.cobra hat er mit Hieu Hoang, Olaf Nachtwey, Trang Tran und Wanja van Suntum das Haus der digitalen Jugend ins Leben gerufen, das eine Hypothese, ein von der Kulturstiftung des Bundes unterstütztes Projekt ist und sich Fragen rund um Theater und Digitalität stellt. Das Theater an der Parkaue erschien ihnen dabei als idealer Kooperationspartner.
Aus der Zusammenarbeit entstand nun PRISMA – das digitale Kick-off-Festival. Kick-off deshalb, weil es den Auftakt zu einer insgesamt zweijährigen Residenz des Hauses der Digitalen Jugend am Theater an der Parkaue gibt. Vom 29. bis 31. Januar können Berliner beim PRISMA-Festival alles sehen – von Theater (DigiBee) bis Workshop (Essen wie bei Insta) – und erfahren, wie Digitalität und Theater sich treffen und sich dabei selbst erfahren.

Ich habe mich mit Martin im PRATER getroffen, der momentanen Spielstätte des Theater an der Parkaue, um über Möglichkeiten und Grenzen des Theaters, die Vor-und Nachteile der Netzwelt und YouTube zu sprechen. Unsere Kollegin der Blogfabrik, Natalie Mayroth von Selbstdarstellungssucht hat davon schöne Bilder gemacht.

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Martin, du sagst: „Theater ist langsam.“

Sehr.

Inwiefern?

Es ist eben sehr stark institutionalisiert. Die Fördermittel sind sehr Institutionsgebunden. Und Institutionen sind, zumindest wie sie weitestgehend aufgebaut sind, sehr langsam. Somit ist auch das Theater ein sehr langsames Medium und deswegen verändert sich wenig. Gleichzeitig verändert sich aber gesellschaftlich durch die Digitalität vieles sehr viel schneller.

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Wie unterscheiden sich deiner Meinung nach digitale von analogen Sehgewohnheiten?

Also analoge Sehgewohnheiten als Zuschauen im Theater gemeint?

Ja.

Im Theater: Die Anwesenheit von ganz vielen Menschen gleichzeitig, die dasselbe Geschehen sehen. Es ist somit viel direkter, ich bin mit meinem Körper im Raum. Digital: Also Blogs, Bilder, Videos. Das macht man halt meistens allein.

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Grünheit im Bühnenbild von Dorothee Curio für „Die Räuber“

 

Ist das digitale Arbeiten eine einsame Erfahrung?

Ob das jetzt einsam ist, das ist ja fast schon wertend. Auf jeden Fall macht man es erst mal allein. In dem Wissen, dass es viele andere auch schon gesehen haben. Das ist ja dann auch dokumentiert, ob es viele Millionen Klicks oder nur hundert oder nur fünfzig sind. Was die Aufmerksamkeit angeht, so kann man im Internet selbst darüber bestimmen, wie lange man sich etwas anguckt. Das kann man im Theater so einfach nicht.

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Grünheit im Bühnenbild von Dorothee Curio für „Die Räuber“

 

Und man muss dort auch eventuell unangenehme Momente aushalten.

Ja, absolut. Es gibt ein YouTube-Video von LIONT, das heißt Bring dich um. Das ist ein Zehnminüter, in dem er über Hater-Kommentare spricht, extrem redundant. Das Video ist aber schon so konzipiert, dass die Leute durchskippen. Daran wird meiner Meinung nach eine digitale Sehgewohnheit sichtbar. Die Macher wissen: Niemand wird es sich zehn Minuten lang angucken. Außer so Theater-Fuzzis, die dann daraus etwas machen wollen. (lacht)

Es gibt eine Konvention in der anonym gedachten Öffentlichkeit des Internets. Und die leitet sich davon ab, wie man sich Dinge digital aneignet, nämlich schnell und selbstbestimmt. Das ist ein Unterschied zum Theater, zur analogen Sehgewohnheit. Du kommst ins Theater, und solltest du dich entschieden, wieder rauszugehen, bedeutet das, die vielen anderen im Raum auch zu verlassen. Das ist dann viel eher mit einer Aussage verbunden.

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Grünheit im Bühnenbild von Dorothee Curio für „Die Räuber“

 

Was ergänzt sich deiner Meinung nach? Was blockiert sich aber vielleicht auch, schließt sich aus?

Also Theater-theoretisch gesprochen: Es gibt im Theater die so genannte autopoietische Feedback-Schleife, ein Phänomen, das von
Erika Fischer-Lichte beschrieben wurde. Die Theaterwissenschaftlerin hat beobachtet, dass ein Theater nicht immer nur von der Bühne aus gesteuert wird, sondern die Zuschauer die Stimmung wieder zurückgeben. Und das verändert dann wieder das Spiel auf der Bühne. Wobei ich ja finde, dass YouTube ein extrem genial digitalisiertes Theater ist. Dort findet sich auch die Feedback-Schleife. Du kannst Content reinstellen, veränderst damit die Plattform, kannst kommentieren, kannst es dir aber auch einfach nur anschauen und dich verändern lassen.

Das ist auch eine Arbeitsgrundlage vom Haus der Digitalen Jugend und vom PRISMA-Festival; Digitalität und den darin produzierten Content wieder als Feedback-Schleife fürs Theater zu sehen. Also wenn die entkörperte Sprache des Digitalen wieder auf einen realen Körper übertragen wird. Und das dann in einer Gemeinschaft vor real Anwesenden, im Theater beispielsweise.

Wie wichtig sind deiner Meinung nach Theaterblogs?

Also Nachtkritik ist schon extrem wichtig. Die sind die digitale Theaterzeitschrift und erweitern ihr Portal stetig mit gesellschaftlich-politischen Debatten. Und sie sind sehr viel schneller als die monatliche Print-Zeitschrift Theater der Zeit oder Theater Heute.

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Grünheit im Bühnenbild von Dorothee Curio für „Die Räuber“

 

Inwiefern hat sich denn die Selbstwahrnehmung durch das Internet verändert?

Ich glaube, Leute sehen besser aus durch die ganzen Modeblogs und Make-up-Tutorials. Du kriegst überall auf der ganzen Welt Styling-Tipps, wenn du den richtigen Leuten folgst. Also auf eine bestimme Ästhetik hingerichtet. Das heißt aber auch, dass alle immer ähnlicher aussehen. Ich glaube, dass Style-Codes allgemeiner werden, einen größeren Radius haben.

Der positive Effekt ist, dass man nicht mehr alleine ist. Weil man im Netz zu Menschen finden kann, die ein ähnliches Problem haben, oder ein Thema teilen. Was vielleicht problematisch ist: Ich weiß nicht, ob das Internet Körperbilder diversifiziert, oder ob diese Beschäftigung mit sich selbst nicht noch extremer ist, immer auf eine Schönheit gedacht.
Das Maximale aus sich rausholen zu wollen, dass Stereotypen reproduziert und verfestigt werden, sehe ich schon als Problem.

Garderobe, Theater an der Parkaue im PRATER
Garderobe, Theater an der Parkaue im PRATER

 

Welche Möglichkeiten bietet Theater zur Korrektur von womöglich verzerrten Selbstbildern?

Ich weiß gar nicht, ob es korrigieren muss. Ich glaube, Theater kann im besten Falle Probleme öffnen. Eine neue Frage an dich herantragen, dich noch mehr verzerren, dich für einen Moment mit etwas konfrontieren, worüber du so vielleicht noch nicht nachgedacht hast.

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Dein Stück “Bodybild”, bei dem du Regie führst und Corinna Siegmund den Text geschrieben hat, ist eine sechzig Minuten lange Solo-Performance, die sich mit Geschlechtlichkeit, dem Körper und auch dem Internet auseinandersetzt. Erzähl mir mehr davon.

Bodybild ist eigentlich Theater für junges Publikum, also für alle ab 14 sozusagen. Trotzdem ist es auch interessant für ältere Menschen. Weil die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper ein immerwährendes Projekt ist, das ja auch von Zeit zu Zeit auf unterschiedliche Weise verschiedenen Einflüssen ausgesetzt ist. Nach der Pubertät kommt irgendwann der Verfall, Themen wie Krankheiten werden stärker. Das ist eine dauerhafte Beschäftigung. Den Zugriff und Zugang dazu haben wir selbst.

Hast du einen Wunsch, einen Punkt an dem man mit seinem Körperbild ankommen sollte?

Ich fände es gut, wenn man selbst und offen damit umgehen könnte. Hashtag selbst, Hashtag offen. Ich finde ein spielerisches, offenes Verhalten miteinander gut.

Martin Grünheit, Betty Riecke und Ilja-Alexander Wehrenfennig
Martin Grünheit, Betty Riecke (Theater an der Parkaue) und Ilja-Alexander Wehrenfennig (FSJler am Theater an der Parkaue), die unser Gespräch begleitet haben.

 

Was sind deine Wünsche für die Zukunft des Theater?

Ich hoffe, dass wir mit dem cobratheater-Netzwerk irgendwann mal selbst ein Theater leiten können. Aber auch eine Expertise über die Fragestellung: Wie kann man das umsetzen?
Die Gesellschaft bringt soziale Techniken hervor. Erst die Sprache, dann die Schrift, später das Buch. Dann kam das Radio, das Fernsehen und Internet. Die Gesellschaft versucht damit klarzukommen und sich die soziale Technik anzueignen. Das Internet und die Digitalität haben wir uns noch nicht angeeignet. Das eignen wir uns gerade noch an und das ist ein interessanter Prozess. Ich bin gespannt wohin er führt.

Hätten wir das Interview nicht geführt, was hättest du dann gemacht?

Ich hätte wahrscheinlich ausgeschlafen, weil wir gestern in Hamburg den Fleischreport gespielt und anschließend die Bühne abgebaut haben.
Ich hätte wahrscheinlich länger geschlafen.

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Bodybild und viele andere Performances werden im Rahmen des PRISMA-Festivals vom 29. – 31. Januar im Theater an der Parkaue, im PRATER an der Kastanienallee 7-9, 10435 Berlin zu sehen sein. Das ausführliche Programm und Tickets findet ihr hier.

Text und Interview: Yasmin Polat , Bilder: Natalie Mayroth