Die vielen neuen Menschen in Deutschland und vor allem die vielen sogenannten Skeptiker waren der Grund, aus dem ich mich zusammen mit meiner Freundin Johanna Brinckman dazu entschied, die Porträtserie Projekt Wirgefühl umzustezten. Der kleine Subtext für meine Interviews mit zwölf Frauen und Männern, die ihre Heimat vor Jahrzehnten verlassen mussten, hieß letzten Sommer Vorurteile entkräften. Denn schon damals war klar, dass das Zusammenleben mit mehr Geflüchteten hierzulande eher früher als später auch mehr Anlass zu allerlei „Ich bin ja kein Nazi, aber“-Sätzen bieten würde.

 

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Und tatsächlich: Seit Wirgefühl ist nur ein knappes halbes Jahr vergangen, und seitdem haben sich Vorurteile gegenüber Geflüchteten in rasender Geschwindigkeit zu Vorurteilen gegenüber Menschen muslimischen Glaubens manifestiert. Noch viel erschreckender ist: Diese Vorurteile werden mittlerweile nicht nur von Pegida-Anhänger und Co propagiert. Die sogenannte Islam-Skepsis wird meines Erachtens nach gerade zu gesellschaftsfähig. Eine Situation, die zu fassen mir ungefähr so leicht fällt wie die Unendlichkeit des Universums.

„Das hat ganz viel mit Angst zu tun“, wird mir dann immer wieder diffus erklärt. Angst vor dem Unbekannten, vor Übergriffen wie zu Silvester in Köln oder Hamburg: möglich. Doch keine Angst darf für mich größer sein, als die Angst vor dem Ruck nach rechts, der derzeit unser Land bedroht.

Ein Land, dessen Gesellschaft ich bislang für vergleichsweise aufgeklärt, für recht reflektiert und einigermaßen anständig hielt. Ein Land, dessen Bürger mich jetzt in immer kürzeren Abständen eines Besseren belehren. Denn Deutschland droht zu einem Land zu werden, in dem sich immer mehr Menschen Vereinfachungen, Verallgemeinerungen und leider auch zur gezielten Generalverurteilung einer bestimmten Menschengruppe verleiten lassen. Müssten da nicht alle Alarmglocken schrillen?

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Vielfalt ist schön

 

Ja. Denn die wachsende Ablehnung gegenüber Muslimen und allen, die ansatzweise muslimisch aussehen, sind ein Gift, das genauso zerstörerisch sein kann wie ein Übergriff oder eine Waffe. Es zerstört das Miteinander, es zerstört das Vertrauen, es zerstört den Frieden. Es kann eine ganze Gesellschaft zerstören. Und was das heißt, sollte man traurigerweise gerade in Deutschland recht genau wissen.

Als kürzlich folgender Tweet durchs Netz flatterte, dachte ich: Klingt drastisch – aber alles andere als unrealistisch. „Wer sich im Geschichtsunterricht gefragt hat, wie man in den 1930ern in so kurzer Zeit so viel Hass säen konnte, kann nun live zuschauen“, stand da. Und zuschauen: Das dürfen wir nicht!

Wir müssen die neue Stimmung in Deutschland wahr- und ernstnehmen. Schönreden und das Beste hoffen bringt leider nichts. Das hat uns die Geschichte gelehrt. Und das zeigt aktuell die Stimmung in rapide nach rechts abdriftenden Nachbarländern.

In den Gesprächen, die ich für das Projekt Wirgefühl geführt habe, lobte fast jeder an Deutschland – und damit hatte ich gar nicht gerechnet –  die Freiheit, die wir hier genießen dürfen. Und die Tatsache, dass es hier so tolerant zugeht. Weil hier jeder lieben dürfe, wen er will, und glauben, was er möchte. Diese Toleranz, das vielfältige Miteinander gilt es aufrechtzuerhalten – zu absolut jeder sich bietenden Gelegenheit.

Wir müssen uns unaufhörlich für Vielfalt einsetzen. Und für Menschen, die neu sind in unserer Gesellschaft, die sie jetzt schon bereichern und noch weiter bereichern werden – wenn man sie denn lässt. Und wenn man sie dabei unterstützt! Davon bin ich immer überzeugt gewesen. Und davon bin ich seit unserem Projekt Wirgefühl noch überzeugter.

 

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#HelpDontHate

 

Aktive Gelegenheit zum Helfen bietet übrigens noch bis Montag unsere aktuelle Blogfabrik-Initiative Help Don’t Hate. Mit ein paar Klicks kann jeder, der mag, noch dieses Wochenende an sechs Organisationen spenden, die sich aktiv für Geflüchtete einsetzen. Nicht mal mehr 400 Euro, dann haben wir unser Ziel von 20 000 Euro erreicht. Macht noch mit. Es ist ganz einfach!

 

Header-Bild: Anna Schunck