Bild von Jeff Blackler
Bild von Jeff Blackler

Einer der spannendsten Marketing-Coups der letzten Jahre ist ohne Zweifel der Erfolg des Action-Kamera-Herstellers GoPro und seines gleichnamigen Produkts. Wie kaum ein anderer hat es dieser ehemals kleine und unbedeutende amerikanische Hersteller geschafft, auf einem Markt erfolgreich zu sein, der seit Jahrzenten von großen internationalen Playern wie Sony, Canon oder Panasonic dominiert wird. Und das, obwohl er ein Produkt platziert hat, das teuer, bedienerunfreundlich ist und vor allem eine schlechte Bildqualität bietet.

Geschafft hat es GoPro nicht dank seiner Kamera selbst, sondern vor allem dank der praktischen Accessoires, mit denen man sie an so ziemlich alles am Körper, Sportgerät oder Fahrzeug anbringen kann. Dass GoPro damit die ultimative Nische gefunden hat, sieht man im Winter zum Beispiel in Skigebieten, wo eine GoPro generationsübergreifend zur essentiellen Grundausstattung gehört.

Foto von Roman Königshofer
Foto von Roman Königshofer

 

Richtig interessant wird es, wenn man sich vorstellt, was mit all diesen verwackelten Abfahrten nach dem Dreh passiert. Oft übersehen die meisten Hobby-Filmer den immensen Arbeitsaufwand, den es braucht, um all die ins Blinde geschossenen Selfie-Stick-Videos und auf Dauerrotation laufenden „spannenden Perspektiven“ irgendwie ansprechend aufzuarbeiten.

Man stelle sich vor, wie oft eine auf Helmkamera aufgenommene Snowboard-Abfahrt spannend ist. Genau, circa einmal! Danach verliert sie jeglichen Reiz. Wenn man hier nicht anfängt, die Videoproduktion ein wenig koordinierter anzugehen, wird die GoPro zur Einweg-Kamera und landet schnell in der Schublade.

Wer allerdings auf ein nächstes Level in seiner Videoproduktion klettern möchte, wird schnell merken, wie limitiert das Können der kleinen Kamera ist. Zwar haben die Produktdesigner auch hier sehr viel richtig gemacht, indem sie zusätzlich eine anständige Smartphone-App liefern. Die GoPro wird dadurch aber auch nicht besser. Im Gegenteil: Es gab selten eine Kamera, die eine geplante Produktion mit individuellen Lichteinstellungen und gewünschtem Framing so behindert hat.

Auch als Zweitkamera für ungewöhnliche Perspektiven wie Dronen-Shots oder Point-of-view-Bilder ist die Kamera mit ihrer Weitwinkel-Linse regelrecht Gift und sprengt in der Kombination mit normalen DSLRs jeden Bildfluss im Video. Wie oft wird man durch ein GoPro-Bild aus einem eigentlich gut produzierten Film gerissen, nur um eine vermeintlich besonders abstrakte Perspektive zu zeigen?

9046128019_889a7d9719_k
Foto von Warren R.M. Steward

Wenn, dann richtig und mit einer hochwertigen Kamera – war jedenfalls mein Learning, nachdem ich eine GoPro mal auf Radhöhe an ein Auto montiert habe und sie mir beim Fahren abgefallen war. Das Videomaterial war durch seinen Look sowieso nicht verwendbar, weil es den Gesamteindruck des Videos ruinierte.

Da es GoPro trotz all dieser Macken dennoch geschafft hat, Millionen Menschen zum Kauf ihrer Kamera zu bewegen, haben seine Marketing-Experten wohl so ziemlich alles richtig gemacht. Man sollte darüber sofort ein Case-Lehrbuch für Marketing-Nachkömmlinge drucken!

Aber ob GoPro oder ein Konkurrenzprodukt: Hat heute nicht jeder Smartphone-Besitzer die bessere Action-Cam in der Hosentasche? Wem das für die Dokumentation seines Urlaubs nicht reicht, dem sei eher eine gute Kompaktkamera (plus zusätzliche Mount-Optionen) empfohlen, oder gleich der Sprung in den DSLR-Bereich. Für die ca. 500 Euro, die man für eine GoPro samt Accessoires hinlegen muss, kann man auch schon eine ordentliche DSLR sein Eigen nennen. Und man bekommt eine wesentlich höhere Bildqualität, für die man bei der späteren Nachbearbeitung und dem anschließenden Actionfilm-Abend umso dankbarer ist.