Social Media kann vieles bewegen:

  • – politische Proteste im Mittleren Osten
  • – Flashmobs in deutschen Kleinstädten
  • – Autos um den Stau herum

Es gibt da einige Beispiele, die den sozial-ökonomischen Wert von Social Media belegen können. Manchmal jedoch bewegt die ein oder andere Nutzungsweise dieser Kommunikationskanäle meinen Kopf mit tödlicher Geschwindigkeit gegen die Wand. Ich frage mich:

„Wieso werden neue Kommunikationstechnologien dazu benutzt, um mich in den Wahnsinn zu treiben?

Wollte Gott das so?“ Ich glaube nicht.

Mein Girokonto hat eine Standleitung zu meinem Online-social-Network. Für den Laien erschließt sich das erst, wenn ihm bewusst wird, dass der Erfolg meiner Veröffentlichungen natürlich immer von der Reichweite meines Netzwerkes abhängt. Je mehr Likes, desto populärer die Seite, desto mehr Geld kann ich eventuell damit verdienen. Nun ist es so, dass mich das eigentlich immer zu einer ständigen Erreichbarkeit zwingt. Facebook-Pause? Geht leider nicht. Völlig konform mit neoliberalistischen Attitüden hat sich mein Privat- mit meinem Berufsleben verschränkt, und obwohl ich das nicht immer gut finde, muss ich da teilweise vor den strukturellen Modalitäten des Blogger-Daseins niederknien. Wäre ja auch alles kein Problem, wenn sich mal ein Kommunikationsknigge im Netz durchsetzen würde. 

Denn wie auf einem Ramschbasar schreien alle – aus privaten oder beruflichen Gründen – unterschiedlich um virtuelle Aufmerksamkeit. Einige von ihnen haben unglücklicherweise den Schuss zum Fressehalten aber nicht gehört. Hier sind meine ausgewählten Horror-Nutzungsarten neuer Kommunikationsmedien, die garantieren werden, dass ich euch und eure Sippe richtig scheisse finde.

1 – Wahllose Instagram-Vertaggungen

Menschen, die meinen, meinen Instagram-Kanal aufgrund seiner Reichweite mit ihren eigenen hässlichen Schnappschüssen vertaggen zu müssen, verdienen einen ganz bestimmten Platz in der Hölle. Falls euch diese Praxis unbekannt ist: Ein richtiger Asozialer hat irgendwann rumerzählt, man könne seine Reichweite automatisch steigern, wenn man auf seine Bilder mit den Namen größere Kanäle vertaggt. Ich sehe da noch nicht den Zusammenhang, aber das Gerücht muss es geben, die gängige Praxis beweist es. Allerdings führt das nur dazu, dass ich eure Accounts als Spam melde, denn ich möchte eure hässligen Bilder nicht in meinem Profil sehen. Das Real-World-Äquivalent dazu wäre übrigens, wenn einer ins Museum geht und seine eigenen Kritzeleien neben die dort ausgestellte Kunst hängt. Und irgendein Depp muss jeden Abend die Scheiße wieder abreißen. Danke für nichts!

2 – Kontinuierliche Facebook-Event-Updates

Die Facebook-Tyrannei um die Anzahl der Notifications ist in den letzten Jahren ganz schön ausgeartet. Wenn man nicht mühevoll allen Events absagt, zu denen man eingeladen wird, kann man den Notification-Spam am eigenen Leib miterleben. Ich gebe zu: Ich bin abhängig davon geworden, denn Facebook-Events strukturieren viele meiner Freizeitaktivitäten und geben mir Überblick darüber, was in der Stadt passiert. Wir kinderlosen Singles haben ja außer Vernissagen und Pop-up-Openings eh nichts zu tun.

Leider nutzen viele Event-Veranstalter das Interesse ihrer Follower aus und machen für jede auch noch so kleine Änderung einen entsprechenden Eintrag. HÖR ENDLICH AUF, DEIN TITELBILD ZU ÄNDERN! DAS WAR DIE ZWÖLFTE NOTIFICATION IN ZWEI MINUTEN! Das ist in etwa so, als würde das Telefon alle paar Sekunden klingeln, und wenn man ran geht, hört man das 56k-Modem rauschen WEIL DAS VÖLLIG UNINTERESSANTE INFORMATIONEN SIND, DIE VON DEN WICHTIGEN SCHLIESSLICH NUR ABLENKEN.

3 – PR-Stalking

Als Blogger weiß man: Jeden Tag will jemand anderes von dir ein bisschen Aufmerksamkeit. Und natürlich deine Reichweite. Meistens haben die verantwortlichen PR-Menschen hinter den Produkten, Events, Ausstellungen und Orten ihre Hausaufgaben gemacht, schicken mir eine informative E-Mail oder eine Einladung und belassen es auch dabei, wenn ich nicht reagiere. Nicht reagieren heisst meistens: Es passt trotzdem nicht, ich kann damit nichts anfangen, ich habe keine Zeit. Meist kann ich ein Follow-up ertragen, klar, irgendwas geht immer unter. Wenn ich dann nicht reagiere, passt es halt immer noch nicht. Die meisten am anderen Ende der Leitung sagen an dem Punkt auch Tschüss und gut ist.

Und dann gibt es noch diesen ganz speziellen Schlag. Ich kann mich nicht ganz positionieren dazu, was für eine Art von Mensch das sein soll. Sie erinnern mich an Körte, die vermeintliche Streberin in der 8. Klasse, die hohl wie Brot war und sich trotzdem auf jede Frage meldete, um zu wiederholen, was der Lehrer schon gesagt hatte. Körte hat den Lehrern auch immer am Lehrerzimmer, auf dem Pausenhof und vor dem Schulzimmer aufgelauert, um mit ihnen wichtige persönliche Angelegenheiten zu besprechen. In der 8. Klasse halt, wo man ja generell bekannt als der Shooting-Star der Erwachsenenwelt ist und wirklich viele interessante Dinge berichten kann.

Jedenfalls meinen diese Leute, sie müssten mir ungefragt irgendwas per Post schicken; Inhalt qualitativ irgendwo zwischen „Sticker mit völlig unwitzigem Spruch“ und „iPad-Hülle aus recyceltem Filz“. Und dann als Follow-up eine zuckersüße E-Mail. Und dann noch eine. Und dann noch eine. Ich habe Besseres zu tun, als jede dieser E-Mails nett zu beantworten. FAUL RUMLIEGEN ZUM BEISPIEL. Ich lese die meisten PMs, außer sie sind wirklich nicht relevant, aber zum Antworten reicht es einfach meistens nicht.

Jackpot: nach ausbleibender Reaktion wagen, mich anzurufen und/oder mir auf Facebook auf meinem privaten Account noch mal zu schreiben. Und per Twitter noch mal. Und dann per Telefon. Ich kann gar nicht textlich zu Ausdruck bringen, wie mir schon wieder vor Wut die Pumpe drückt. PR-Stalking ist der hässliche, knöchellange Jeans-Rock mit violetter Samtapplikation unter den Kommunikationspraktiken.

Besonders haben sich übrigens die Nachbarn gefreut, nachdem sie ein Paket mit Essen für mich entgegengenommen hatten (natürlich wusste ich nichts davon) , und das so einige Tage vor sich hin gammelte, während ich verreist war. Dafür auch nochmal ein ganz herzliches Dankeschön, ich hoffe ihr bekommt zu euren nächsten Geburtstagen nur noch 20 Euro Gutscheine für 5-Sterne-Hotels auf Hawaii geschenkt.

4 – Whatsapp-Gruppen bilden

Angeblich kann eine WhatsApp-Gruppe auch eine Bereicherung sein. Meistens arten sie aber in sinnlosen, inhaltsleeren Schrott aus. 494 Notifications auf meinem Telefon, unter denen auch noch eine wichtige sein könnte? NEIN DANKE! ICH WILL NICHT IN DEINE „GERMANYS NEXT TOPMODEL“-GRUPPE UND ICH WILL AUCH NICHT DEINEN ABSCHIEDSABEND ORGANISIEREN!

Und ich höre jetzt auch auf, höflich aus Gruppen auszutreten. ES IST MIR EGAL, OB ICH DIR DAS HERZ BRECHE, OMA! ICH KANN DIESE LÜGE NICHT MEHR LEBEN UND ICH HABE KEINEN SPEICHERPLATZ MEHR FÜR DEINE LUSTIGEN VIDEOS AUS DEM JAHRE 2005! 

Headerbild: Kyla Borg Titel: IMG_3074 unter CC BY 2.0