Hatten wir früher handgeschriebene Briefe im Schuhkarton, sind es nun SMS, MMS, WhatsApp Nachrichten, Chats, Nachrichtenverläufe bei Facebook, Videos bei Snapchat oder, fast schon oldschool, E-Mails.

Statt Bücherstapeln im Regal horten wir ebooks in der Library oder auf dem Reader. Fotoalben sind schon vor Ewigkeiten einer endlosen Flut aus jpgs, tiffs und inzwischen auch Kurzfilmchem vom Handy gewichen.
Vinyl ist immer wieder extrem angesagt und passt hervorragend in das Bild der eigenen Einzigartigkeit, vielleicht hat man auch noch irgendwo aus sentimentalen Gründen CDs mit dem „Soundtrack of my Life“ oder Mixtapes verflossener großer Lieben – doch auch Musik konsumieren wir zumeist über Streamingdienste oder digitalisierte Medien. Alles, an dem emotionaler Wert hängt, scheint auf eine Festplatte komprimierbar zu sein.

Unser ganzes Dasein ist ein Datenklumpen.
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Und während die viel beschriebene und meiner Meinung nach bereits jetzt totdiskutierte Generation Y nach Freiheit, Selbstverwirklichung und danach, so viel Leben mitzunehmen, wie nur irgendwie geht, dürstet, vermisst sie ebenso die altbackene Sicherheit, die sie vielleicht noch in den Kinderschuhen miterlebt hat.
Entscheidungen, beruflich, privat, wer will ich sein und wo will ich leben? Hinter jeder Antwort steht ein Fragezeichen, alles schwebt im Zustand des „erst einmal“.
Und dann? Mal sehen.

Also versuchen wir zu sichern, was wir sichern können.
Auch ich habe externe Festplatten, die ich versuche regelmäßig mit back ups zu versehen und an unterschiedlichen Orten aufzubewahren.
Falls eine den Geist aufgibt, falls es mal brennt. Das back up vom back up.
Den Überblick zu behalten und eine Systematik zu finden, die langfristig funktioniert und gleichzeitig wenig Aufwand bedeutet?
Schwierig. Und den zig cloud Diensten will ich meine Daten nicht anvertrauen. Mein Leben. Da bin ich oldschool.

Letztes Jahr markierte für mich in vielerlei Hinsicht einen Umbruch. In meinem Leben. In meinem Denken. Ich löste mich von Vielem und tue das noch immer. Dingen. Vorstellungen. Ich generiere neue Ideen darüber wie ich leben will. Was für mich von Wert ist. Doch was ich letztes Jahr vor allem gelernt habe, ist es, die größte aller Möglichkeiten zu sehen: die Freiheit in mir selbst. Und auch die Erinnerungen vor allem in mir selbst zu bewahren. Sie überall dabei zu haben, überall hin mitzunehmen.

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Den Moment, aus dem eine Erinnerung entsteht, mehr zu schätzen als den Besitz dieser. Auch mal wieder kein Foto von einem Ereignis zu haben, weil man es einfach so sehr genossen hat den Moment zu leben. Den besten Freunden Geschichten wieder in Worten zu erzählen anstatt ihnen das Handy vor die Nase zu halten. Oder ein paar Zeilen zu Papier bringen, für niemanden außer einen selbst. Anstatt unsere Energie in ein back up unseres Lebens zu investieren, sollten wir es stattdessen lieber wieder leben.

Denn fuck, genau in diesen Tagen, können wir verdammt dankbar sein, hier und jetzt zu leben.
Und ein Leben zu haben, das wir back up-en könnten!

Und nicht zuletzt sollten wir im Zuge all der Datendiskussionen überlegen wem wir überhaupt Zugang zu unserem Leben geben wollen. Das Internet ist lange keine harmlose Seifenblase der ungeahnten Möglichkeiten mehr und eigentlich wissen wir das alle.
Dennoch versuchen wir die negativen Aspekte, die aus dem nie vergessenden Datennetz entstehen zu verdrängen und prostituieren uns weiter für Likes und Follower. Und erst wenn ein Follower zum Stalker wird, wenn ein Kind entführt wird, dessen Leben vom ersten Schrei bis zum ersten Schultag in der Chronik der Eltern zu bewundern war, wird kurz innegehalten – meist jedoch nur um sich zu sagen „ach was, mir passiert das nicht.“

„Ein Schelm wer Böses dabei denkt?“ Ganz sicher nicht. Denn wo ich selbst manchmal nicht mehr genau weiß welches System ich beim Sortieren vor 5 Jahren besonders schlau fand und wo ich eine bestimmte Datei abgelegt habe, wer „Böses denkt“, weiß wo er suchen muss.
Nicht ohne Grund hat google europaweit das „Recht auf Vergessen“ legitimiert, das im Grunde ein back up für jeden ist, der schon einmal einen digitalen Aussetzer hatte und nur Sekunden später dachte „gar nicht mal so schlau, dass online zu stellen…“ – ein back up falls man mal den Verstand vergessen hat.

Mein Aufruf lautet also nicht nur: Lebt wieder real! – sondern auch: Wacht auf! Selektiert! Er lautet nicht nur: back up your life – sondern auch: reset your understanding of the word „life“ in that context.
In diesem Sinne, das Internet schläft nie, aber mir fallen die Augen zu. Gute Nacht, worldwideweb…

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Text & Fotos: Laura Droße