Mein Stück Papier mit der Liste an Vergehen war nach einem Tag schon voll. Ich wusste, es würde schwer werden, aber ich hatte mir doch Chancen bei meinem dreitägigen Selbstversuch eingeräumt, ohne Anglizismen durchs Leben zu kommen. As if.

Bildschirmfoto 2016-02-16 um 16.11.38

Ich hatte mir zuerst ein paar Regeln zurechtgelegt: Begriffe, die im normalen Sprachgebrauch vorwiegend als Anglizismus verwendet werden, waren okay. „Marketing“ war okay. „Trend“ war okay. „Okay“ war okay. Es ging mir eher darum, das fortschreitende Eintauschen englischer gegen deutsche Begriffe einzudämmen. Eine Unart, deren Verbreitung innerhalb meiner täglichen verbalen Ergüsse besorgniserregend ist. Und das aus dreierlei, zumindest für mich plausiblen Gründen:

  1. Wie die meisten konsumiere ich seit geraumer Zeit ausschließlich englischsprachige Serien und Filme. Jeden Tag plätschern sie auf mein Unterbewusstsein ein, das all die englischen Begriffe aufsaugt wie ein Schwamm.
  1. Ich arbeite täglich mit einer Kollegin aus den USA und neuerdings auch einer aus Australien zusammen. Für das lückenlose sprachliche Hin-und-her-Wechseln zwischen Deutsch und Englisch ist mein Hirn einfach zu träge.
  1. Mein in den USA aufgewachsener Vater war zwar zu faul, uns Kinder konsequent zweisprachig zu erziehen. Seit frühester Kindheit aber habe ich mich an den Luxus gewöhnt, jeder Aussage die launetechnisch angebrachtesten Vokabeln zuzuordnen.

Wer mich kennt, weiß: Ich rede schrullig. Und das nicht erst seitdem ich vor einem Jahr von Wien nach Berlin gezogen bin und mich damit herumschlagen muss, dass die Menschen hier nicht wissen, was „Es geht sich nicht aus!“ heißt (unersetzlicher Ausdruck für „Das kriegen wir zeitlich nicht mehr hin!“). Ich sage „ur“, ich sage „oider“, ich sage aber auch „knorke“. Ich sage das aber nicht, weil mir nicht bewusst ist, dass das kein Mensch mehr sagt. Ich sage es mit voller Absicht. Weil jedes Wort ein kleiner Schatz ist, der im Kopf komplett andere Dinge und Bilder auslösen kann.

Wenn ich also alles verenglische, dann kommt das einem Wortsterben gleich. Urtraurig! Statt neue Worte zu erschaffen verebbt alles in einem Einheitsbrei. Knorke. Dufte. Pfiffig. Prima. Toll. Cool, cool, cool. Vielleicht noch coolio.

Bildschirmfoto 2016-02-16 um 16.11.25

Mein Job macht einen aber auch komplett blöde. Wer sich von Arbeitswegen mit allzu weltlichen, angesagten Dingen für junge Menschen auseinandersetzt – ob Mode, Musik oder jeder andere dahergelaufene Beruf in der Trendindustrie – gelangt schnell an die Grenzen seines Vokabulars. Ich muss nicht lange in meinen E-Mails stöbern, um tonnenweise diese kleinen Sprachmonster herauszufischen: „Ich brauche noch Moods zum Styling für Cover und Editorial der Spring Issue. Gibts schon News zum Design der Afterparty Invite? Let me know!“

Aber warum fällt es uns so schrecklich schwer, diese Anglizismen im Schrank zu lassen und mit sperrigem Vokabular gegen den Strom zu schwimmen? Warum treffen wir uns im Office, warum gehen wir auf Drinks, warum haben wir first world problems? Sorry, what’s wrong with us?

Könnten wir Digital Natives, wir Blogger und Onliner denn überhaupt anders? Und bilden wir uns nicht nur ein, „Denglisch“ wäre ein wichtiges Abhebungsmerkmal, das uns Mitglieder der Creative Industries vom gemeinen Büroarbeiter unterscheidet? Doch schreiben die nicht genauso ihre Reports? Oder machen Calls?

Bildschirmfoto 2016-02-16 um 16.10.59

Meinen Selbstversuch beendete ich nach anderthalb Tagen. Ich hatte in der Zeit eine seitenlange Liste an verbalen Stupiditäten gesammelt, die mir trotz aller Regeln rausgerutscht waren. Darunter nicht nur all die Dinge, die mir selbst, aber sonst keinem Menschen aufgefallen wären, sondern auch komplett irre Eindeutschungen von der Sorte „macht Sinn“, also wörtliche Übersetzungen englischer Ausdrücke. Mein Favorit: „Wir werden echt mal gute Rentner machen“ – „We’ll make some great retirees“. Danach wollte ich am liebsten Geld in einen Anglizismen-swear-Jar einzahlen. Man sieht, mir ist nicht mehr zu helfen. Und dennoch war der Selbstversuch nicht komplett unnütz, ich habe einige schöne Wortperlen wieder ausgegraben und an die Welt verteilt. Hier ein Plemplem, dort ein Gesichtserker oder – ganz wichtig – ein paar Fisimatenten. Denn jedes seltene, besondere Wort ist wie ein vom Aussterben bedrohtes Tier, dem wir mit einem Griff in die deutsche Wortschatzkiste so einfach neues Leben schenken können.