Ab und an treffe ich die Menschen, die einen Zettel geschrieben und in Berlin aufgehängt haben auf ein Bier und notiere mir, was sie zu ihrem Aushang und über sich zu erzählen haben. Würde meine Zeit es zulassen, würde ich den ganzen Tag nichts anderes machen. Berlin in all seiner skurrilen, teils liebenswürdigen, teils schroffen Vielfalt lässt sich meiner Meinung nach immer noch am lebhaftesten begreifen, wenn man den Ansichten, Erfahrungen, Ängsten und Wünschen seiner Bewohner lauscht.

Heute möchte ich Reinhard (50) vorstellen; den Mann mit dem großen Herz für Gliederfüßer und Hautflügler.

DailyBreadMag_Notes of Berlin
Entdeckt von INGA in der Glogauer Straße in Kreuzberg.

Reinhard hat bislang fünfzig Zettel an belebten Berliner Kreuzungen aufgehängt. Er erzählt, dass eine ehemalige Arbeitskollegin, die „normalerweise total cool ist“, bei Spinnen völlig überreagieren würde. Also versuche er sie davon zu überzeugen, dass diese kleinen Tiere doch total harmlos seien. Schnell gesellten sich weitere Kollegen hinzu, darunter auch ein Mann vom Typ Rock ‘n’ Roller, der sogar seine Freundin anruft, wenn ihm eine Spinne über den Weg läuft. Reinhard erkennt, dass die Spinnenphobiker vor allem die Tierchen gefährden: „Es ging mir mit diesem Zettelaufruf vor allem darum, die Spinnen vor den Leuten zu retten.“

Seiner Ansicht nach würden Spinnen von den Menschen völlig missverstanden. In der Regel verkriechen sich Weberknechte, Spinnen und Co in die hintersten Ecken und warten nur darauf, dass sich Fliegen und Motten in ihrem Netz verfangen. „Die interessieren sich eigentlich überhaupt nicht für uns. Die Menschen beziehen da etwas auf sich, was eine Illusion ist.“ Die Darstellung von Spinnen in der Filmindustrie, so Reinhard, reite seit eh und je auf der Phobie vor Insekten herum und zeige sie gerne überdimensional und angriffslustig. Manch einer „glaubt dann wirklich, diese Viecher würden einen verfolgen, beißen, aussaugen und einspinnen.“ Doch auf Reinhard üben Spinnen eine gewisse Faszination aus: „Ich kann die Schönheit in ihnen sehen. Sie tun mir echt leid.“ Die Menschheit liegt ihm jedenfalls weniger am Herzen als die Tierwelt, „aber gut, ich bin Teil davon, ich muss irgendwie mitmachen.“

Leider hält sich die Auftragslage seines Spinnen-Notrufs in überschaubaren Grenzen. Bisher hat zumindest noch niemand sich direkt auf den Zettel gemeldet, womöglich halten ihn viele für einen skurrilen Scherz. Reinhard wäre jedenfalls „sofort bereit, so wie es da draufsteht, es auch durchzuziehen. Kostenlos natürlich.“ Er hat eigens dafür einen speziellen Spinnen-Behälter angefertigt: eine Box mit Deckel und Löchern für die Luftzufuhr. Bienen und Wespen würde er nach der alten Glas-Postkarten-Methode einfangen.

Wo andere Leute hysterisch werden, spricht Reinhard mit den Tieren und „das klappt dann meistens auch immer.“ Wespen seien manchmal schon schräg drauf und da müsse man dann eher beruhigend auf sie einwirken, als durch die eigene Nervosität die ganze Situation zu dramatisieren. Reinhard wolle mit seinen Zetteln auch darauf aufmerksam machen, dass Töten in jeder Hinsicht überflüssig sei und man gelassener mit Dingen umgehen könne die einen stören. Er sieht sich nicht als sentimentaler Tierschützer, denn Zecken massakriere er „nach allen Regeln der Kunst“. Bei Parasiten, die seinen Körper befallen, müsse er sein Leben über das des Tieres stellen.

Headerbild: Ziva & Amir auf Flickr unter CC-BY-NC-ND