Wir Menschen sind neugierige Wesen. Es reicht uns nicht mehr nur zu wissen, was andere anziehen, wo sie Urlaub machen oder wie ihr Kind beim spielen aussieht; inzwischen interessiert uns auch, was auf ihren Tellern landet. Unser Interesse an der Lebensmittelzufuhr anderer steigt, wenn es sich bei den mampfenden Gesellen um makellose YouTube- und Instagram-Babes handelt,
die ihre Modelfigur anscheinend problemlos halten. Doch was essen diese Feen eigentlich, um so auszusehen?
Von diesen gertenschlanken Ladies stammt auch die Mehrzahl der What I Eat In A Day-Videos. In diesen Video-Tagebüchern begleitet der Zuschauer die Protagonistin durch den Tag und bekommt haargenau erklärt, wann sie was isst – und warum. Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass tatsächlich eine gewisse Konformität im Ernährungsplan dieser Schönheiten herrscht. Sie essen unfassbar gesund und irgendwie alle das Gleiche.
Die wichtigsten Ernährungs-Schlagwörter lauten „clean eating“ (unverarbeitete Lebensmittel), „vegan“ (keine tierischen Produkte), „raw vegan“ (rohköstlich-vegan, es wird nichts verzehrt, was über 42 Grad erhitzt wurde) oder das etwas gemässigtere „raw till four“ (roh-vegan bis vier Uhr nachmittags).
Man gewinnt den Eindruck, dass diese Menschen keine Ernährungssünden begehen. Sie sind so dermaßen vorbildlich unterwegs, dass der Gedanke, es handle sich um ein inszeniertes kulinarisches Image, nicht ausbleibt.
Zur Verdeutlichung einige Beispiele aus dem Food-Porn-Universum.
An Perfektionismus äußerlich und kulinarisch kaum zu toppen ist die zuckersüße Britin Niomi Smart, die im ganz natürlichen Look ihre gesunden Leckereien präsentiert. Dass neben Superfoods auch gute Gene für ihren Look verantwortlich sind, kann man in diesem Video sehen, in dem sie mit ihrer Mutter und ihrer 70-jährigen Großmutter über Kosmetik spricht.

Wesentlich ernster geht es da bei Hanne Arts zu, einem Mädchen, das an Anorexie leidet und ihre Videos als eine Art öffentliche Therapie nutzt. Sie zeigt, mit welchen Lebensmitteln sie versucht Gewicht zuzulegen, und geht dabei offen mit ihrer Krankheit um.

Verrückter geht es bei Kristina Carrillo-Bucaram zu. Auf ihrem Kanal Fully Raw Kristina zeigt sie wie man es schafft mit rein pflanzlicher, rohköstlicher Ernährung satt und glücklich zu werden. Mit Unmengen an Obst. Zum Beispiel in Form von Nice Cream. Unglaubliche Mengen. Aber ach so gesund!

Und die gibt es tatsächlich auch: die richtig ekligen Anti-Videos. Ein Speiseplan wie ein Autounfall. Man kann einfach nicht wegsehen, auch wenn es ganz schrecklich ist. Hier unterzieht sich der Fitness-Freak Travis einer Food-Challenge, bei der es gilt, 15 000 Kalorien an einem Tag aufzunehmen.

Zu guter Letzt noch ein deutschsprachiges Video von der österreichischen Fashion- & Lifestyle-Bloggerin Madeleine Alizadeh aka Dariadaria. Sie hat nicht nur einen sehr charmanten Akzent, sondern ihre Rezepte auch gleich mal in ein E-Book gepackt. So funktioniert gutes Marketing.

Betrachtet man all diese Videos, sieht man, dass sich die Inhalte stark wiederholen. Ähnlich wie bei Fashion- und Lifestyle-Themen gibt es auch im Food-Sektor Trends, die visuell umgesetzt und voneinander abgekupfert werden. Wenig Originalität und viel schöner Schein dominieren die Ess-Tagebücher. Außerdem wird deutlich, dass sich Essgewohnheiten auch global immer stärker gleichen. Trotzdem befriedigt das Format die Neugierde des Zuschauers und kann spannenden Input im Bezug auf Ernährungsformen und Rezeptideen liefern. Manche Videos haben eine tiefere Botschaft, wie etwa der Umgang mit Essstörungen oder Fat Shaming, manche widmen sich der Fitness und Gewichtsabnahme und einige wollen einfach nur mit Hilfe von viel nackter Haut (Titelbild: Nina and Randa) Klicks generieren. Es ist also für jeden etwas dabei.
Für mich ist es nun an der Zeit, einen gefürchteten Selbstversuch zu starten. Diesen werde ich natürlich hier mit euch teilen. Ich bin gespannt, ob meine Ernährung weniger klischeebeladen ist.