Das Internet ist zu einem Experimentierfeld für Re- und Selbstkonstruktionen geworden. In der digitalen Moderne dokumentieren Fotos und Snapchat-Videos unser Aussehen. Wir präsentieren uns täglich im Social-Web mit Meinungen, Likes und unserem Können. Dabei kreieren wir uns Mikro-Öffentlichkeiten auf Facebook, Twitter, Instagram oder unseren persönlichen Blogs. Wir legen unsere Daten in die Hände ein paar weniger Onlinedienste und Computer-/Softwarehersteller, um Teil des großen Ganzen zu werden. Wir wollen alle unterscheidbar und individuell, und doch Teil einer Gruppe sein. Doch was hat das alles mit Identität zu tun?

In der wissenschaftlichen Diskussion um das Identitätskonzept wird oft beklagt, dass der Gebrauch viel zu inflationär wäre. Ansätze, Identität zu beschreiben, gibt es viele, doch nur wenige beschreiben sie so treffend wie der Kulturwissenschaftler Herman Bausinger: Er beschreibt Identität als direkt erfahrbar, als Gefühl der Übereinstimmung des Individuums mit sich selbst und seiner Umgebung, aber auch im Bewusstsein mangelnder Übereinstimmung. Um sich als identisch zu erfahren und zu behaupten, müsse der Einzelne gesellschaftlichen Ansprüchen genügen, ohne sich aufzugeben. Das gelingt nur, wenn er sich mit anderen identifiziert, wenn ich mich einer Gruppe zugehörig fühle und dabei Ziele und Verhaltensnormen nicht isoliert, sondern an übergreifenden Werten orientieret, in dem ich zum Beispiel ähnliche Interessen teile wie meine Kollegen oder Freunde. Der Einzelne definieret sich durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, wodurch er vordefinierte Rollen einnimmt. Wenn ich das als Blogger tue, genieße ich nicht nur meinen Status, ich kämpfe auch mit Vorurteilen, die man uns unterstellen mag.

 

Dialog, Eigensinn und Anpassung

Daraus wird klar: Wir handeln unsere Identität in einem aktiven, lebenslangen Prozess aus. Das heißt, sie ist nicht einfach mit dem Erwachsensein abgeschlossen. Der Sozialpsychologe Heiner Keupp geht noch einen Schritt weiter. Er findet, dass uns allen eine hohe Eigenleistung abgefordert werde: Unsere verschiedenen Erfahrungen (innerer und äußerer Welt) müssten in einen Zusammenhang gebracht werden, der Sinn ergibt. Identität wird im Dialog mit der Umwelt gebildet und steht im ständigen Spannungsfeld zwischen Eigensinn und Anpassung. Keupp sieht den Menschen durch diese Erfahrungen zu einer Bastelexistenz gezwungen und spricht von Patchwork-Identität als Resultat der vielen Optionen. Durch das Internet werden diese Tendenz noch verstärkt, und zwar durch grenzüberschreitende Kommunikation – Länder und soziale Schichten können (theoretisch) einfach überwunden werden, die Möglichkeiten wachsen.

 

Selbstvermessung durch Selfies?

Das zentrale Medium der Identitätsarbeit ist die Selbsterzählung – das klingt abstrakt, meint aber nur, wie ich mich selbst und das Äußere wahrnehme. Das, was der Mensch darstellt, wird zunehmend durch das digitale Leben beeinflusst und wirkt sich damit auf das Selbstbild aus, so der Internetsoziologe Stephan Humer. Durch die Selbstverortung entsteht eine Wahrnehmung der eigenen Identität, und die findet ihren Ausdruck im Erzählen von Geschichten. Ist das der Grund für die Selfie-Flut im Internet, weil wir versuchen, unsere Selbst-Bilder zu erzeugen?

Massenmedien waren seit jeher identitätsstiftend, jedoch weichen sie zunehmend. So wird der Romanheld durch einen YouTube-Star ersetzt. Wir liken, klicken, konsumieren und hinterlassen damit unsere Spuren im Netz, die sich zu digitalen Identitäten verdichten. Diese virtuellen Konstrukte sind Ausdruck postmoderner Identitätsarbeit, so Misoch. Das Internet ist unser Mittel zur Selbstpräsentation und Kommunikation in der von Sicherheitsverlust geprägten, flüchtigen Moderne. Unsere soziale Welt ist eine komplizierte Bühne. Und unsere Identität ist ebenfalls flüchtig geworden, sie muss heute stärker dialogisch ausgetauscht werden. Das führt zur permanenten Identitätssuche und mündet im Aufmerksamkeitsbedürfnis.

Aus dem Kick der Bedürfniserfüllung kann eine Sucht entstehen – gefühlt bin ich zu einem Aufmerksamkeitsjunkie geworden. Das Bedürfnis durch positive Bewertungen will gestillt werden. Doch Studien haben gezeigt, dass soziale Medien Menschen nicht glücklicher machen, im Gegenteil: Man vergleicht sich nur noch mehr mit anderen. Wie frei wir als Subjekte in dieser Gesellschaft leben und wie weit wir zu Datenhülsen geworden sind, ist eine Frage, die wir in Zukunft stärker behandeln müssen. Denn die Bedürfniserfüllung hat einen Preis und wird mit persönlichen Daten bezahlt. Du fütterst kontinuierlich das Netz mit Fotos, Texten, sozialer Interaktion. Am Ende weißt du vielleicht nicht mehr, wem du gehörst, woraus deine Identität besteht, doch eigentlich warst du nur auf der Suche nach dir selbst.

 

Weiterführende und verwendete Literatur: Bauman, Z. (2003): Flüchtige Moderne, Frankfurt a. Main: Suhrkamp; Bausigner, H. (1999): Identität. In: Bausigner, H. et al. (Hg.): Grundzüge der Volkskunde, Darmstadt: WBG; Beck, U. (2014): Sinn und Wahnsinn der Moderne. In: taz 14.10.2014; Keupp, H. et al. (1999): Identitätskonstruktionen: Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne, Reinbek: Rowohlt; Misoch, S. (2004): Identitäten im Internet. Selbstdarstellung auf privaten Homepages, Konstanz: UVK; Turkle, S. (1999): Leben im Netz. Identität in Zeiten des Internet. Life on the Screen, Reinbek: Rowohlt.

Diese Gedankensammlung ist entstanden, während ich an meiner Magisterarbeit schrieb. 

Titelbild: Selfie von Natalie, Bearbeitung: Schall & Schnabel