Seit Kindertagen denken sich Laura Gehlhaar und Anna Schunck gerne Geschichten aus. Mittlerweile schreiben sie über sich selbst, aber auch über andere. In der Blogfabrik haben sie sich kennengelernt – und dieses Jahr in zwei neue Projekte gestürzt; Laura schreibt ein Buch, Anna launcht bald ihr erstes Online-Magazin. Wie das so geht und welche kleinen Monster und Dämonen dabei hin und wieder auf sie lauern: Darüber haben sie für das DailyBreadMag ein Gespräch unter Frauen – und mittlerweile auch Freundinnen – geführt.

 

Anna: Laura, wie lange hat’s gedauert, bis du dich hingesetzt und gesagt hast „So, jetzt schreibe ich mein Buch!“? Wie lange hast du vorher aufgeräumt? (lacht)

Laura: Ganz, ganz lange! Und ich hab nicht nur aufgeräumt, ich hab auch ganz viel geheult.

A: Was? Wirklich? Etwa weil du dachtest, du schaffst es nicht?

L: Ja. Weil mich die Angst einfach total gelähmt hat – Angst und Selbstzweifel. Dabei bin ich jemand, der sich selbst unheimlich gern ins kalte Wasser schmeißt. Das ist der Kick schlechthin!

A: Finde ich auch! Und vor allem ist es oft der einzige Weg. Wenn ich zu viel drüber nachdenke, vor allem darüber, was folgen könnte, dann stelle ich mir das Anfangen furchtbar schwer vor. Und da geht’s mir auch ähnlich mit dem ersten Online-Magazin.

L: Ja?

A: Ja. Weil ich mich damit nie hinter einem Auftraggeber verstecken können werde. Ich trage selbst die Verantwortung. Und so wollte ich es auch immer. Aber ein bisschen beängstigt’s mich trotzdem! Allein, dass ich alles einfach ins Netz stellen werde, ohne Redaktion, Textchef und doppelten Boden.

L: Aber es ist das Internet! Was man da reinschreibt, ist nicht für immer in Stein gemeißelt.

A: Stimmt. Wie fühlst du dich eigentlich damit, dass das, was du jetzt in dein Buch schreibst, möglicherweise für immer bei anderen im Regal steht?

L: Die Vorstellung ist krass. Auch die, dass Leute es kaufen. Ich generiere auf meinem Blog ja viele Klicks und alles wird immer größer. Aber beim Buch – ich wäre ja schon zufrieden, wenn die erste Auflage ausverkauft wird!

A: Als du am Anfang diese Selbstzweifel hattest, war das eher die Angst davor, dass nur ein paar hundert Leute dein Buch kaufen, oder eher dass du plötzlich vor einer Schreibblockade stehst?

L: Erstmal war es die Angst, überhaupt zu arbeiten. Das hört sich total komisch an. Aber dieses Buch zu schreiben, ist mehr Arbeit, als ich dachte. Weil ich eben über mich schreibe. Das ist einfach wahnsinnig anstrengend. Ich scheitere ganz oft an meinem Perfektionismus. Ich musste meinen Kopp erstmal locker kriegen.

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A: Und wie hast du das geschafft?

L: Zum Beispiel habe ich mir bewusst gemacht, dass dieses Buch, bevor es erscheint, noch drei, vier Mal durchs Lektorat geht. Und dass jetzt nicht alles hundertprozentig perfekt sein muss. Das musste erstmal in meinen dicken Schädel.

A: Das kann ich verstehen. Weil du ja zum ersten Mal mit dem Verlag zusammenarbeitest und man ja einen guten Eindruck machen möchte. Ich glaube, ich hätte Schiss, dass der Verlag denken könnte: „Für kürzere Stücke hat es gut funktioniert – aber für ’n ganzes Buch, hätten wir mehr erwartet.

L: Meine Lektorin hat mir das zum Glück aus dem Kopf gedrückt und gesagt: „Laura, mach es einfach genau wie auf ’m Blog, nur mehr!“ (lacht)

A: (lacht) So ist es ja auch! Aber wie krass diese mentalen Hürden immer sind.

L: Bei dir auch?

A: Klar. Ich habe mich Monate, eigentlich Jahre lang dagegen gesträubt, endlich anzufangen. Allein von der beobachtenden, berichterstattenden Seite auch mal zu einer Ich-Perspektive zu wechseln überfordert mich zeitweise total. Ich bin das einfach nicht gewohnt und frage mich zwischendurch immer mal: „Wer bin ich eigentlich, dass irgendwen meine Meinung zu irgendwas interessieren soll?“

L: Ja, geil! Ich auch.

A: Zum Glück kommt man da ja auch drüber hinweg. Aber ich finde es wahnsinnig, wie sehr man sich selbst im Weg stehen kann! Der Unterschied zwischen mir und dir oder anderen Leuten, die bloggen, ist ja vor allem diese Weisungsungebundenheit. Und die finde ich ja generell super und absolut erstrebenswert. Aber obwohl ich frei arbeite, wäre ich jahrelang gar nicht auf die Idee gekommen, einfach mal was Eigenes zu machen. Apropos Eigenes: Wie bist du eigentlich auf das Thema für dein Buch gekommen? Darin wird es ja grob um die klassischen Dinge gehen, die man als Rollstuhlfahrerin so zu hören bekommt. Aber auch um Liebe und darum, wie Beziehungen dich zu der Frau gemacht haben, die du heute bist. Und das ist ja noch mal ein Step weiter in Richtung Hosen runter als das, was du auf deinem Blog machst …

L: Ja. Schon das Inklusionsthema ist, so wie ich es angehe, für mich sehr persönlich. Der Auslöser dafür war, dass ich Raul Krauthausen von den Sozialhelden getroffen habe. Davor habe ich mich, grob gesagt, oft sehr allein gefühlt. Auf einmal gab es Leute zum Abgleichen und die Themen Rollstuhl, Behinderung und Inklusion bekamen in meinem Leben eine ganz andere Präsenz. Ich habe auf dem Blog einfach erzählt, was ich denke. Und so mache ich es jetzt auch in meinem Buch.

A: Wie gut! Und für irgendwen sind deine oder meine Gedanken sicher wertvoll. Das ist dieses Abgleichs-Ding. Ich denke, es ist immer schön, von jemandem zu hören, dass er die gleichen Erfahrungen oder Gedanken hat – oder ähnliche Issues, die er lösen konnte. Es gibt immer Gleichgesinnte; fünfzig, fünfhundert oder fünftausend. Das sieht man dann – und manchmal wundert man sich!

L: Und das ist eine coole Erfahrung.

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A: Nun hast du diese Erfahrung ja schon gemacht und schon viel Bestätigung für deine Arbeit bekommen. Warum hören die Selbstzweifel trotzdem nie auf?

L: Ich glaube, weil man sich ohne sie nicht viel Raum gibt, um sich selbst zu entwickeln. Ich bin sicher, dass man diese Zweifel unbedingt auch braucht, um sie aus dem Weg zu räumen. Weil der Prozess so viel mit dir macht.

A: Das heißt, wir sollten alle dankbar sein, für dieses Geschenk des Mit-sich-selbst-Auseinandersetzens?

L: Eigentlich schon. Man kann sich ja immer vieles schön reden, ne. (lacht) Aber ich glaub das wirklich, weil ich es gerade am eigenen Leib spüre. Und es ist etwas, das sich wie ein roter Faden durch mein Leben zieht: An der eigenen Arbeit zweifeln.

A: Wann hast du dann trotzdem einfach angefangen, dein Buch zu schreiben? Gab es im übertragenen Sinne auch diesmal einen Raul?

L: Interessant, dass du das sagst. Zum ersten Mal gab es keine Person mit einer Mentoren-Rolle. In meiner Schul- und Uni-Zeit, in Phasen von Liebe und in Phasen von Hass gab es bei mir immer eine Person, die sich selbst besonders gut reflektieren konnte, mit mir gesprochen und mir viele Geistesblitze beschert hat. Für das Buch gab es das nicht. Ich glaube, deshalb hat es auch erstmal so gehakt. Ich musste den Prozess mit mir selber ausmachen. Am Ende hat eine Freundin dann kurz Reflektionsarbeit geleistet. Wir haben telefoniert und sie hat mich zum Weinen gebracht. Das tat unheimlich gut! Und während des Heulens habe ich dann irgendwann gedacht: „Ich will jetzt nicht mehr diesen Seelenscheiß – ich will jetzt einfach schreiben!“ Und dann habe ich geschrieben und geschrieben und geschrieben! Und ich schreib ja mit ’m Handy …

A: Was?

L: Ich tippe alles ins Handy.

A: Ich dachte, ich wäre der einzige Mensch, der das macht! Ich habe schon ganze Reportagen aus Zeitmangel in die Notizfunktion meines iPhones getippt. Aber ein Buch, Laura, ein Buch?! Machst du das mit dem Daumen?

L: Mit zwei Daumen. Das geht superschnell!

A: Das wäre dann bei der Veröffentlichung auf jeden Fall meine vorläufige Schlagzeile: Laura Gehlhaar hat ihr komplettes Buch mit dem Handy geschrieben oder 800 Seiten, zwei Daumen. (lacht)

L: (lacht) Wie lange kannst du eigentlich am Stück schreiben?

A: Ach, das ist tagesformabhängig. An guten Tagen sind es schon mal fünf Stunden – an schlechten keine zwanzig Minuten.

L: Oh. Bei mir heißt ein guter Tag: zwei, höchstens drei Stunden.

A: Es kommt vielleicht auch darauf an, über was man schreibt. Ich denke, es ist anstrengender, über sich selbst zu schreiben. Wenn du über jemand Fremdes schreibst, kommst du bestenfalls in so ’n Wahn – schlimmstenfalls musst du einfach fleißig sein. Aber du musst dich nicht die ganze Zeit mit dir selbst auseinandersetzen!

L: Stimmt. Und genau das ist schlimm teilweise.

A: Würdest du sagen, dass dieses Projekt einnehmender ist als alles, was du vorher gemacht hast?

L: Ja. Aber eben nur im Kopf.

A: Wenn dein Buch im September erscheint, wirst du dann hier sitzen und dir Verkaufszahlen angucken?

L: Ich weiß es nicht. Vielleicht muss mich der Mann nach Alaska entführen, um mich von der Aufregung abzulenken. Es kann aber auch sein, dass ich hier ganz entspannt mit nacktem Bauch und Cocktail in der Hand sitze und auf mein Buch anstoße.

 

Lauras Buch Kann man da noch was machen? erscheint am 12.09.2016 im Heyne Verlag.

Annas Lifestyle-Magazin viertel-vor.com über Nachhaltigkeit geht im Frühjahr 2016 online.

Fotos: Marcus Werner