Manchmal finde ich Menschen komisch. Dann verstehe ich einfach nicht, was in diesen madenähnlichen Hirnwindungen vor sich geht. Seit ein paar Monaten ist das mal wieder verstärkt der Fall. Denn plötzlich meint circa dreiundachtzig Prozent meiner Umgebung, seinen hobbypsychologischen Analysen und semiprofessionellen Personal-Stylist-Ratschlägen freien Lauf lassen zu müssen. Grund dafür: Ich habe mir die Haare abgeschnitten und mich tätowieren lassen. Von lang und dunkel zum Slim Shady Look, von jungfräulicher Haut zu acht Motiven. Konstruktive Kritik und kurze Verwunderungsausrufe sind willkommen, das was ich mir seitdem anhören muss, trieft allerdings vor unhöflichem Klischeedenken umrandet mit dicken Scheuklappen.

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Was mich an dem Ganzen aber am meisten verwundert ist die Tatsache, dass die Diss-freundlichen sozialen Medien plötzlich zu meiner Selbstbewusstseinsstütze geworden sind. Hier gibt es statt mean comments Likes und Komplimente. Doch seit wann ist die digitale Welt netter als Freunde und Familie in persona? Und: Warum geben mir meine Engsten das Gefühl, mich für meinen Look rechtfertigen zu müssen?

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Ich bin schließlich bei weitem nicht die Erste, die ihr Äußeres verändert hat. Nicht, dass ich in der selben Liga wie die folgenden Beispiele mitmischen würde, aber: Der Durchbruch von Model Ruth Bell kam erst so richtig in Gang, als sie sich die Haare für Alexander McQueen abrasierte. Das New Face Charlee Fraser verabschiedete sich vor Kurzem auf der New York Fashion Week von ihrer Haarpracht. Miley Cyrus und Rihanna wurden auch für die Anti-Mainstreamer interessant, als sie sich ihre Haut mit Tattoos verzieren ließen. Es ist Trend, es ist Zeitgeist. Es ist Spaß, Jungsein und Nicht-Alles-Tot-Denken. Vor allem ist es eine persönliche Entscheidung. Eine Entscheidung, bei der man ganz gut ohne den bitter-scharfen Senf der Außenwelt klarkommt.

Zum besseren Verständnis meiner angespannten Nerven hier eine Liste der unnötigsten Kommentare:

„Hi Kevin!“

„Wenn ich dich jetzt erst kennenlernen würde, wüsste ich nicht, zu welchem Ufer du schwimmst.“

„Was ist denn bei dir passiert?!“

„Krass, Berlin hat dich aber verändert.“

„Oh je, Ärger mit den Boys?“

„Und, warum genau hast du das jetzt gemacht?!“

„Mein kleiner, dicker Bruder.“

„Die Tattoos hast du für immer, das weißt du, ne?“

„Wirst du jetzt wieder ein Punker?!“

„Du siehst aus wie ein Junkie.“

„Deine armen Eltern!“