Während andere auf digital Detox setzen um zu ihrem Seelenheil zu finden, ist das bei weitem nicht mein Lebensziel. Großes Heimweh – und zugegebenermaßen auch Langeweile – würde mich befallen, müsste ich der liebgewonnenen digitalen Welt den Rücken zukehren. Ich ziehe es vor ab und an meine realen Beziehungen auf Diät-Niveau runterzufahren. Keine Ahnung woher das kommt, ob sich insgeheim ein zwei Meter fünfzig großer Misanthrop in mir zusammenkrümelt, fest steht: ist so. Das hat nichts mit mangelnder Liebe zu tun, sondern einfach damit, dass ich pro Tag geschätzt 1073 Nachrichten beantworte, ziemlich viele Küsschenlinksrechts hauche und Kommunikationskopfexplosionen zum gefürchteten (und einzigen) Lebensgefährten geworden sind. Deswegen muss zwischendurch einfach Mal ein Urlaub fürs Sozialverhalten her. Keine Parties, keine Gespräche. Das absolute Einsiedlerdasein. Unbedingt beachtet werden sollte dabei: Eine schnelle, zuverlässige Internetverbindung und kurzes Bescheidgeben bei Eltern und engen Freunden – sonst verpufft die ganze Erholung dank besorgter Hassnachrichten in den Weiten des W-Lands.

 

 

Was man alles machen kann an so einem digitalen Sonntag? Einiges. Wichtig ist, das Ganze gemütlich zu starten, bei Aufbackbrötchen und lecker Filterkaffee. Die optimale Gelegenheit meine Instagram-Folgschaften auszusortieren. Da irgendein schlauer Mensch mal zu mir meinte, meine Abos dürften die Zahl meiner eigenen Follower nicht überschreiten, werden schleunigst einige Accounts aus meinem Feed verbannt. Ob das nun meinen virtuellen Coolnessfaktor erhöht, darf angezweifelt werden, ich fühle mich trotzdem erleichtert.

 

IndieMag_Marieke Fischer_MartinWolf_Digitaler Sonntag

 

Nach dieser harten Arbeit – eine Trennung fällt niemals leicht – muss ich mich erst mal eine Runde entspannen. Und mir ein paar menschliche Stimmen zu Gemüte führen, auch wenn sie nur einen Dialog auf YouTube führen. Genauer: sie in Form von Knast- und Drogendokus zu mir sprechen. Aber natürlich jedem das Seine, es ist jedem freigestellt inwieweit man seinen inneren Psycho freilässt, Hauptsache Doku. So ungefähr sechs Stunden später holt mich ein aggressiv knurrender Magen aus der Gangtrance. Zeit für was zu essen! Deliveroo, du moderner Samariter, du Retter in der Not.

Top motiviert und ziemlich gesättigt erwarten mich einige Aufgaben höchster Wichtigkeit. Zum Beispiel meine lange vernachlässigte Spotify-Playlist auf den neusten Stand bringen – was gibt es Schöneres als sich ewig durch die „Ähnliche Künstler“-Vorschläge zu klicken?! Mit dem passenden Soundtrack im Hintergrund erwarten mich schon die Schätze der Online-Stores. Kwin Concept Shop, Opening Ceremony, Primitive London show me what you got! Da ich mir mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit nicht mal eins der Teile leisten kann, beglücke ich mich damit meinen Kopf einfach auf die Looks zu photoshoppen und so meinen Kaufdrang zumindest teilweise zu befriedigen. Die Kraft der Imagination darf niemals unterschätzt werden!

 

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Angefixt von so viel Kreativität (nicht meine, die der Designer) geht es auf digitale Talentsuche. Ist’s nicht verblüffend wie viel Begabung in die Gene der 15- bis 19-Jährigen gepumpt wurde?! After Homework Paris punktet mit ihren modischen Kreationen, Ryan Hawaii ebenso, der kann aber auch Musik. Is’ ja klar. Da meine Beine langsam ganz kribbelig werden vor lauter Nicht-Bewegung, teste ist also was ganz Verrücktes aus: körperliche Betätigung vorgemacht von Tutorial-Tänzern. Ich gönne mir eine Anleitung zu Justin Biebers „Sorry“ – cheesy as hell, schwieriger als gedacht, das Beeindrucken meiner Freunde nach meinem digitalen Abtauchen muss leider flachfallen. Sorry. Lieber bilde ich mich auf kultureller Ebene weiter, Sport war noch nie so mein Ding. Et voilà, die virtuelle Galerie Panther Modern hat mein Interesse geweckt und mich für die nächsten Stunden in ihren Bann gezogen. Kunst vom Sofa aus anschauen, ohne Rumstehen. Oh yes.

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Genug Kultur, Netflix ruft. Welche Serie hat denn heute Abend die Ehre, mit mir zu chillen … „Making a Murderer“ würde zwar gut zu den Knastfilmchen vom Vormittag passen, trotzdem muss ich endlich anfangen meine Wissenslücke in Sachen „House of Cards“ zu füllen. Hallo Kevin Spacey, schön dich mal wiederzusehen! Deftige Politaction plus Realitätsdiät in Kombination sind ziemlich ermüdend. Ich schleppe mich von der Couch drei Meter weiter ins Bett, schmeiße meine App „Sound Sleeper“ an und lasse mich von zugegebenermaßen semi-beruhigenden Klängen in den Schlaf plätschern. Mit dem letzten Gedanken: Freunde, Kollegen, Küsschenlinksrechtsgeber, Spätiverkäufer, DHL-Frau, Email-Schreiber, ich freue mich auf euch!