Ich stehe in meinem Zimmer und überlege, was ich anziehen soll. Bin ich mehr so Sporty oder Edel Spice? Keine Ahnung. Ich entscheide mich für das, was ich jeden Tag trage. Plus Lippenstift. Das sieht dann total lässig und ungeplant aus, aber trotzdem halbwegs glamourös. Check. Wäre dies ein Date, hätte ich heimlich schon einen klaren Schnaps gezischt – in der Hoffnung, dass mich niemand dabei sehen und es mein Gegenüber später nicht riechen würde.

Ich schleiche in die Hotel-Lobby an der Friedrichstraße und versuche, ihn zwischen den Anzugträgern zu spotten. Er sitzt in einem überdimensionalen Sessel und hat Turnschuhe an. Zum Glück! Einen Schlips hätte ich jetzt nicht verkraftet. Wir umarmen uns zur Begrüßung und ich weiß sofort, dass das hinhaut. Weil ich trotz meines großen Respekts vor Fremden Dinge erzählen möchte. Und fragen. Weil er genauso liebreizend wirkt, wie ich ihn mir all die Jahre vorgestellt habe.

Sommer 2001: Teenagerin Jule mit Frosch-Bad, Praline-Shirt und Modem sucht Fremden für digitale Brieffreundschaft.
Sommer 2001: Teenagerin Jule mit Frosch-Bad, Praline-Shirt und Modem sucht Fremden für digitale Brieffreundschaft.

An Hansi schrieb ich meine allererste E-Mail. Das war am 16. Juli 2001, ich war gerade 19 Jahre alt geworden. Ich hatte die CD seiner Band gekauft, weil das Cover so schön war, und fand eine E-Mail-Adresse im Booklet, das ich natürlich aufmerksam studiert hatte. Warum genau ich den Weg ins Büro meiner Mutter auf mich nahm, um ein paar Zeilen an die Band zu tippen, weiß ich nicht mehr. Aber ich schätze, mir gefiel die Musik ziemlich gut und ich fand es höflich, den Gedanken mit ihnen zu teilen. Außerdem war es endlich mal ein Grund, dieses GMX auszuprobieren. Ich erinnere mich daran, das @ zunächst ewig nicht gefunden zu haben.

Auf eine Antwort der Band war ich nicht vorbereitet, schon allein, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass der Text jemals irgendwo ankommen würde. Ich traute dem Internet schlichtweg nicht. Und doch: Am nächsten Tag hatte ich digitale Post von Hansi. Das war aufregend. Es war die erste persönliche Mail, die ich in meinem ganzen Leben erhalten hatte. Hansi war lustig. Ich fuhr wieder ins Büro meiner Mutter und antwortete. Nach kurzer Zeit hatte sich der Dialog verselbstständigt und es taten sich neue Möglichkeiten des Internetzugangs auf: bei meinem Freund Daniel, bei Niklas zu Hause und in meiner Modeschule. Ich erinnere mich gut daran, wie aufgeregt ich jede neue Nachricht las und wie viel Mühe ich mir beim Schreiben gab.

 

Processed with VSCO with hb1 preset
Ausgedruckt und eingeklebt. Die Emails in den Tagebüchern 26, 27, 28 und 29.

Unsere E-Mails ließ ich mir von meiner Mutter ausdrucken, um sie später in mein Tagebuch zu kleben. Nur Haptisches existierte. (Ein Gedanke, der mir über die folgenden Jahre noch ordnerweise ausgedruckten Mailverkehr bescheren sollte.) Diese Worte waren meine. Ich war Hansi dankbar, denn er öffnete eine neue Welt für mich. Die Schweiz. Die Schweiz war mir vorher ziemlich egal gewesen, jetzt löste bei mir allein das Lesen des Ländernamens in der Zeitung pure Euphorie aus.

Hansi füllte das Internet für mich außerdem mit Sinn. Das Internet, das bislang einfach nur dröge Modemsounds und sinnbefreite, furchtbar langsame Webseiten gewesen war. Es hatte mich vorher nie interessiert. Nun tippte ich pathetische E-Mails, in denen ich mich über meinen doofen Freund beschwerte, von Partys, Reisen, meiner ersten WG und der Modeschule erzählte. Hansi war eine Art Bruder, ein Berater, ein charmanter Schreiber, und vielleicht fragte ich mich hin und wieder, ob wir ein schönes Pärchen hätten sein können. Irgendwann tauschten wir Handynummern aus und fingen an, uns teure SMS zu schreiben. Ich erinnere mich, wie ich mich unfassbar freute als ich die Nachricht über die Geburt seiner ersten Tochter bekam. Ich freute mich, dass wir auf einem Level angelangt waren, auf dem ich in seinem Baby-Mail-Verteiler Platz hatte. Erstmalig erkannte ich, dass ein völlig Fremder eine Rolle in meinem Leben spielen konnte. Ich wusste schon damals, dass wir uns irgendwann treffen würden. Auch wenn mir die Schweiz ungefähr so weit weg vorkam wie Japan. Dort jemals hinzukommen, war quasi unvorstellbar. Sogar ein ernsthafter Versuch, uns in Frankfurt am Main zu treffen, scheiterte.

Heute weiß ich, wie wichtig mir das schriftliche Entertainment ist. Ich habe innige Freundschaften, die aus monatelanger, unbekannter Schreiberei entstanden. Das sind schöne Freundschaften, denn man hat bereits vor dem ersten Treffen eine gemeinsame Basis geschaffen. Es gibt Leute, die finden das komisch. Ich liebe das. Das geschriebene Wort fordert mich heraus, es strengt mein Gehirn an, es ist ein schönes Spiel; wie Scrabble, nur in lustig – oder traurig. Aber voller Empathie für einen Fremden.

Wir verloren uns aus den Augen. Hansi war nun Papa, ich zog nach London. Das war okay so – wir passten uns an, wir setzten Prioritäten, wir schrieben nun mit anderen, oder sprachen lieber, wer weiß das schon so genau? Die romantische Erinnerung daran, dass er mein erster digitaler Brieffreund gewesen war, blieb. Jeden Schweizer, den ich in den Jahren danach traf, fragte ich: „Kennst du Hansi aus Sankt Gallen?“ Einer sagte absurderweise sogar mal: „Ja.“ Das war witzig.

Viele, viele Jahre später schrieb ich ein Buch über das Erwachsenwerden, und in diesem Zuge auch eine Mail an Hansis alte Bluewin-Adresse in der Hoffnung, sie würde noch existieren. Er antwortete nicht, und seine Nummer hatte ich zwischen den Handywechseln der letzten Jahre verloren. Das machte mich traurig. Bis ich ihn eines Tages bei Facebook fand, kontaktierte und nach zwei Nachrichten wieder wusste, warum wir damals so viel geschrieben hatten.

Die Sonne scheint. Nach zwei Gläsern Weinschorle lalle ich schon ein bisschen. Es ist ja auch erst sechs Uhr abends und ich vertrage nicht viel. Zwei Stunden haben wir an der Spree gesessen und geredet, während sich seine Freundin, Kinder und Schwiegereltern Berlin anguckten. Über damals und über die letzten zehn Jahre und über jetzt. Es war viel weniger seltsam gewesen als meistens, wenn ich Menschen zum ersten Mal treffe. Wir sind erwachsen geworden – oder zumindest ich bin es, Hansi war es gefühlt schon immer.

Auf dem Weg nach Hause bin ich dankbar. Vor allem für das Internet, das mich Menschen finden und wieder verlieren lässt.

Und wieder finden.

Text: Jule #teamimgegenteil
Foto: Jule Müllers grandioses Handy