Es sind absurderweise die bestehenden Kontakte, die einen in den LinkedIn-Wahnsinn treiben. Sie haben deine E-Mail-Adresse, sie wollen „sich mit dir verbinden“. Statt dir eine Mail zu schreiben, laden sie dich lieber ein, dir ein Profil anzulegen und all die unendlichen Möglichkeiten des Netzwerkes zu nutzen. Nach der hunderteinundfünfzigsten Einladung hast du auf- und nachgegeben; dir ein Profil angelegt. Aber wo bleiben die ertragreichen Connections?

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Thomas ist Executive of Crowd Management and Visual Achievement. Heißt? Thomas ist Fotograf und hat einen Instagram-Account. Solche Menschen wie Thomas wollen sich ganz oft mit mir vernetzwerken. Klar, 2016 heißen Hausmeister längst Facility Manager, Redakteure sind Head of Content Creation und Piraten haben vermutlich ein schillerndes Profil als Lead Marine Hostile Takeover CEO. Das ist auch okay so. Das kann ich alles nachvollziehen. Wer will schon Pirat heißen, wenn er CEO sein kann?

Was ich nicht verstehe: Warum wollen sich all diese CEOs beruflich mit mir verbinden? Wenn ich doch nicht mal Jobs für Redakteure und Fotografen via LinkedIn vergebe, was treibt all die pharmazeutischen CEOs, die in Theaterwissenschaft oder Massage fortbildenden CEOs dann nur dazu, mir täglich neue Anfragen zu schicken? Von diesen Kontaktanfragen bekomme ich ungefähr drei Stück pro Tag. Plus unfreiwillige wöchentliche Updates über alle Jobs, die Red Bull so ausschreibt.

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„Kennen Sie XY?“ Lieber nicht. Und langsam bin ich genervt.

Bevor ich meine Erfahrungen als allgemeingültig verkaufe, habe mich mal umgehört und erfahren: Für andere läuft es auf und mit LinkedIn teils formidabel. Nicht nur abseits der Kreativindustrie, auch im IT Bereich stauben manche einen Großteil ihrer Jobs hier ab. Auch Kollegen von mir wurden dank LinkedIn bereits für feste Redakteur-Stellen rekrutiert. Viele davon im Ausland, denn da scheint das Nerv-Netzwerk noch mehr genutzt zu werden.

Vielleicht liegt meine LinkedIn-Flaute auch daran, dass ich als Unternehmerin nicht sehr Headhunter-kompatibel bin. Oder daran, dass Menschen, die mir bezüglich eines Jobs an meine nicht schwer zu recherchierende E-Mail-Adresse schreiben, gar nicht erst erwähnen würden, wenn sie ursprünglich via LinkedIn über mein Profil gestolpert wären. Das käme bei mir vermutlich ähnlich gut an, wie die Mails, die man als Blogger von massiv planlosen Firmen bekommt: „Ich bin durch umfangreiche Recherche im Internet auf Ihre interessante Seite gestoßen.“ Okay.

Der wichtigste strategische nächste Schritt wird nun jedenfalls sein, jegliche LinkedIn-Benachrichtigungen zu deaktivieren – die gewonnene Arbeitszeit trägt sicherlich positiv zum Ausbau meiner Karriere bei.

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Abschließen möchte ich mit meinen persönlichen Top-fünf-Jobnamen-Erfindungen alle Fundstücke aus meinem „Kontaktanfrage ignorieren“-Ordner. Leute in diesen Berufen, sofern sie existieren, mögen sich bitte nicht mehr mit mir verlinken:

  • Jennifer, Retail Storyteller Specialist
  • Joseph, Global Search Executive Assignment Manager
  • Reinhard, Hotel Guru
  • Denise, SCHLANK-Macherin, Seelen-Trösterin
  • Peter, Challenge the Challenge

Besonderen Platz in meinem Herzen haben natürlich diejenigen, die ihre Jobtitel mit nachdenklichen Zitaten schmücken. Liebe Grüße also an „Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist“-Max.

Photos: Kira Stachowitsch