Illustration: Susann Massute
Illustration: Susann Massute

Mein Onkel sagt immer: „Wer schreibt, der bleibt.“

Das habe ich ihm schon damals geglaubt, als ich mich vor über zwanzig Jahren dem Journalismus zuwandte, und tue es noch heute. Immerhin mache ich den Job ja noch immer. Eine Journalistenfamilie – er, seine Schwester (meine Mutter), ich – verdienen unser Geld damit, uns tagtäglich die Seele aus dem Leib zu schreiben. Wer also schreibt, der bleibt. Aber stimmt das überhaupt noch?

Eigentlich sieht ja alles blendend aus. Als das Internet erfunden wurde, ging es plötzlich nicht mehr um verabredete Textlängen oder zeichengenaue Kürzungen. Es ging auch nicht mehr um die Entscheidung, ob ein Artikel nun thematisch passt oder nicht. Hört ja nie auf so eine Webseite. Zwar verdiente auch keiner mehr Geld, der online schrieb, aber hey: Was ist denn mit der fucking passion, diesem unbändigen Drang? Eben.

Manchmal jedoch will dieser Drang einfach nicht raus. Da sitzen wir also vor unseren Webseiten, unseren … Blogs – eine Bezeichnung, die mir immer noch nicht so recht über die Lippen bzw. auf die Tastatur kommen will, weil Blogs ja von Bloggern gemacht werden und ich beim besten Willen nicht weiß, was das eigentlich ist, ein Blogger. Sind wir nicht alle Journalisten? Oh no, wait: Da gehört ja so Zeug zu … helft mir, genau: Recherche, Stil, Struktur – Aufwand. Aber dafür bleibt keine Zeit, weil man ja auch noch Geld verdienen muss.

Foto: Susann Massute
Foto: Susann Massute

Viralen Content her oder ich schieße!

Da sitzen wir Journalisten und Blogger also vor unseren (leeren) Webseiten und wollen das Internet vollschreiben. Und nicht selten heißt das: abschreiben. Ganz gleich ob es Nischen- oder Mainstream-Themen sind: Manchmal passiert einfach nichts. Oder man ist verkatert, hat verknotete Finger oder andere „Probleme“. Sich Fundstücke von anderen Plattformen zu borgen, ist manchmal einfach leichter. Und auch vollkommen ok: Quelle verlinken, bestimmte Aspekte der Geschichte, die am besten ins eigene Themengebiet passen, hervorheben und ausarbeiten, Bild suchen, Überschrift tauschen, veröffentlichen, passt schon. Niemand kann alle Pressemeldungen der Welt lesen und dabei noch CNN und BBC schauen, Twitter inhalieren und Facebook erdulden. Manchmal ist das Abschreiben also total in Ordnung. Virale Inhalte und schnelle Geschichte sind schnell verdaut, zeitsparend in der Aufbereitung und gehören ja auch irgendwie dazu. Viral ist etwas nur, wenn es auch wirklich ordentlich durch die Decke geht. Und dafür sind wir, die Schreiber, verantwortlich.

Digitale Arschlöcher

Doch immer öfter wird aus der Not eine zweifelhafte Tugend, ein komplettes Geschäftsmodell, das einzig und allein auf der „Spiegelung“ solcher kurzen, knackigen Geschichten basiert. SEO-optimierte Gülle-Schleudern, die alles rippen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, und den Urhebern nicht mal mit einem „via“ am Schluss des Textes zumindest symbolisch ein klitzekleines Maß an Respekt zollen. Das sind die Arschlöcher. Und die sind scheiße. Die gab es aber schon immer. Über die kann man sich fürchterlich aufregen, sie verteufeln, verklagen (lasst mal, lohnt nicht, Arschlöcher haben unglaublich arschige Anwälte), anschwärzen. Alles Blödsinn. Denn diese Arschlöcher gab es nicht nur schon immer, sie haben auch immer am Ende verloren – egal ob als Journalisten oder Blogger.

Foto: MightyFree via Flickr unter CC BY-SA-2.0
Foto: MightyFree via Flickr unter CC BY-SA-2.0

Journalisten haben auch früher schon voneinander abgeschrieben. Nur fiel das nicht so schnell auf, wenn überhaupt. Informationen waren mal recht gemächlich unterwegs, Papier ist ja bekanntlich geduldig. Die digitale Beschleunigung hat das fundamental verändert. Mit den Konsequenzen müssen wir jetzt klarkommen – irgendwie.

Doch jetzt die gute Nachricht: Gute Schreiber (Begriffskonflikt Blogger vs. Journalisten erfolgreich vermieden) verlieren sehr schnell das Interesse am Abkupfern; sie wollen ihre eigenen Geschichten schreiben und ihren eigenen Stil nicht nur finden, sondern ihn auch bei ihren Leserinnen und Lesern etablieren. Und auch wenn das am Anfang wenig Likes bringt und auf Twitter nicht die Runde macht, zahlt sich der Glaube an die eigenen Fähigkeiten am Ende aus. Das kann kein SEO-Schwein, kein YouTube-Ripper, kein Hashtag-Roboter mithalten. Gute Inhalte sind in erster Linie eigene Inhalte. So läuft das Business eben.

„Wer schreibt, der bleibt.“ Den Sager hat mein Onkel bestimmt auch irgendwo „geborgt“. Ich werde aber den Teufel tun, das zu recherchieren. Ist mir doch egal. Mein Onkel ist ’ne coole Sau. Der ist 70 und hat seinen eigenen Blog.

Text: Thaddeus Herrmann
Illustration: Susann Massute
Katzenbild: MightyFree, Copycat unter CC BY-SA-2.0