Quiet mornings. Inspiration. Coffee. Bliss.

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Auf Instagram inszenieren wir unser Leben, wie auf keiner anderen Social-Media-Plattform. Fotografiert wird, was geteilt wird. Geteilt wird, was gelikt wird. Nicht selten werden gängige Bildmotive wie das gesunde Frühstück, der aufgeräumte Schreibtisch oder der Sonnenuntergang mit Accessoires aufgewertet; die Avocado, frische Tulpen, das MacBook oder der Moscow Mule vom Vorabend sind Like-Garanten. Aufmerksamkeit zu generieren, ist das Ziel dieser Beilegsel. Jedes hat seine eigene Botschaft. Heute stellen wir das Magazin vor, das, seiner eigentlichen Funktion beraubt, ebenfalls als Accessoire herhalten muss.

Ein Magazin kann so vieles aussagen: „Hey, ich bin kein Smombie!“, zum Beispiel. Getagged mit #sundaymorning, in Kombination mit minimalistisch-weißer Bettlandschaft in Skandinavien-Optik und einer Tasse schwarzen Kaffees vermittelt das Magazin Gemütlichkeit und Ruhe. Es zeigt, dass sein Besitzer nicht zuerst zum Laptop und Netflix greift, sondern sich eine bewusste Auszeit vom Digitalen gönnt. Fallen dabei noch Sonnenstrahlen in Fensterform auf die aufgewühlten Bettlaken, sind Neid, Herz und Doppel-Tap fast sicher. Ob der Instagramer an einem Montagmorgen auf die einzige Sonnenminute vor dem Weg zu Arbeit warten musste, das Magazin schnell in die Laken geworfen hat und unter Zeitdruck nur einmal am Kaffee (dann doch mit Milch und Zucker) nippen konnte, ist dabei zweitrangig. Was zählt, ist, was vermittelt wird.  

  My office this morning before meeting with @houseofsunny 🙌🏼📷📖🌿 #MyLondonLife   Ein von Isabella Thordsen (@asos_isabella) gepostetes Foto am

Und dann gibt es diese U-Bahn-Fahrer: Da klappen sie doch tatsächlich ihr durchdesigntes Magazin, die Tageszeitung oder sogar ein Buch auf und lassen uns Smartphone-Menschen doof aussehen. Das Handy in der Hand impliziert Unterhaltung und unsinnige Chat-Kommunikation, die rare Printversion hingegen Intelligenz und Bildung. Auf Instagram erscheint dann der To-go-Soja-Latte neben der Süddeutschen, der Hohen Luft oder Business Punk ausbalanciert auf schaukelnden U-Bahn-Knien. Verschwommen im Hintergrund die neuesten Nikes. Die Botschaft: Zeit ist wertvoll und ich verschwende sie nicht mit Banalitäten. Denkt man aber genauer drüber nach, so kommt man zu dem Schluss, dass dieser Instagramer sich verrenken und sein Smartphone mindestens auf Kopfhöhe halten musste, um den richtigen Bildausschnitt zu finden – mehr Schein als Sein.

Mit dem folgenden Phänomen beschäftigt sich bereits ein ganzer Instagram-Account: heiße Typen, in U-Bahnen, auf Bänken, im Park: lesend. Hot Dudes Reading hat über 840 000 Follower und zeigt Männer mit Büchern und Magazinen in der Hand. Ein ganzer Account gefüllt von testosteroner Intelligenz, weil Männer Gedrucktes in den Händen halten.

Die versteckten Aussagen hinter Posts mit Magazinen reichen von „Ich bin sportlich“, wenn der Green Smoothie neben Chia-Bowl und Shape drapiert wird, über „Ich bin modisch“, wenn aus der neuen Tasche nicht nur der pinke Lippenstift, sondern auch die aktuelle Vogue fällt, bis hin zu „Ich bin abenteuerlustig“, wenn Rucksack neben Wanderschuhen neben der GEO Saison liegt.

Wir versuchen ein Bild zu kommunizieren, eine bessere Version unserer selbst abzubilden. Manchmal dient Gedrucktes in öffentlichen Verkehrsmitteln als Smalltalk-Einstieg, auf Social Media Plattformen kann es das Accessoire mit perfekter Botschaft sein – in ganz seltenen Fällen dient das Magazin auf dem Nachttisch tatsächlich der Lektüre. Weniger Posen, mehr Lesen und Sein.

Text: Nele Tüch
Headerbild: Blogfabrik