„Wie reiche ich bei den großen Printmedien meine Themenidee ein?“ Eine Frage, die mir in der Blogfabrik immer wieder gestellt wird. Als eine der wenigen DailyBreadMag-Autorinnen, die auch ab und zu in gedruckten Magazinen veröffentlicht, sollte ich das schließlich wissen. Zumindest aus freier Journalistensicht!

Um darüber hinaus aber auch die redaktionelle Perspektive abzudecken, habe ich mit jemanden gesprochen, der beide Seiten kennt: Stephan Seiler. Der 35-Jährige war jahrelang erfolgreich als freier Journalist tätig und verkaufte seine Porträts und Reportagen an Kunden wie die Süddeutsche ZeitungNEONDIE WELTGQPlayboy und brandeins. Seit Anfang 2014 ist Stephan Seiler Chefredakteur von DB mobil. Das Magazin der Deutschen Bahn ist mit über 1,3 Millionen Lesern eines der reichweitenstärksten Hefte im deutschen Blätterwald.

Worauf Stephan Seiler früher bei Themenvorschlägen geachtet hat und was er Freelancern heute rät – here we go:

Hallo Stephan, das Wichtigste zuerst: Was macht eine Geschichte zu einer guten Geschichte?

Eine gute Geschichte ist entweder überraschend oder relevant, im besten Falle beides.

Klingt irgendwie pauschal.

Stimmt trotzdem. Eine Story sollte dem Leser nahegehen. Sie sollte ihn emotional oder intellektuell packen. Das geht am besten durch relevante Themen. Wenn der Autor es schafft, diesen einen überraschenden, ungeahnten Dreh zu verleihen, kann daraus Großes werden, nämlich ein Stück, das den Leser nicht mehr loslässt. Abgesehen davon sprechen mich vor allem Geschichten an, deren Charaktere Brüche aufweisen und mit sich oder mit anderen kämpfen.

In wieweit darf deiner Meinung nach die persönliche Sichtweise des Autors in den Vorschlag und in die fertige Geschichte mit einfließen?

Jede gute Geschichte lebt von den einzigartigen Beobachtungen des Autors. Manche Geschichten werden besser, wenn sie aus der Ich-Perspektive erzählt werden. Besonders wenn der Autor im Laufe seiner Story etwas Einzigartiges lernt oder erkennt.

Als Chefredakteur: Wie sollte ein Themenvorschlag an dich aufbereitet sein? Was erwartest du, wenn dir ein Freelancer zum ersten Mal schreibt? 

In jedem Fall erwarte ich mehr als zwei Sätze. Eine E-Mail mit dem Inhalt „Ich fahre mit meiner Freundin in die Toskana und kann eine Reportage mitbringen“ ist leider kein ernst zu nehmender Vorschlag. Die größten Chancen haben Exposés, welche die Geschichte beim Lesen bereits zum Leben erwecken: mit Arbeitszeile, Subhead und einer groben Inhaltsangabe. Wer sich zum ersten Mal in einer Redaktion vorstellt, sollte es ihr einfach machen. Die Umsetzung, die Recherche und das Bildmaterial sollten nicht zu teuer sein. Eine Reportage, die in der Vorstadt spielt, oder ein kleines Porträt haben beim ersten Versuch oft größere Chancen als ein aufwendiges achtwöchiges Abenteuer am Polarkreis.

Am Bildmaterial haben sich bei uns an der Akademie für Publizistik früher die Geister geschieden. Wenn man keins hat: Fotokonzept mit einreichen? Oder besser nicht?

Ich habe es meist so gehalten und die Erfahrung gemacht, dass es geschätzt wird, wenn Reporter optisch denken.

Und an wen schickt man den ganzen Vorschlag dann am besten?

An die Chefredaktion oder an den Leiter des Ressorts, in dem sie am ehesten erscheinen könnte.

Für viele eher ein schweres Thema: Wie und wann frage ich am galantesten nach Geld?

Das würde ich tun, sobald die Redaktion ernsthaftes Interesse anmeldet. Spätestens aber, wenn der Auftrag erfolgt.

(Wer sich nicht sicher ist, welches Honorar er verlangen kann, findet übrigens hier eine hilfreiche Liste.)

Ein weiterer Unsicherheitsmoment: Wenn die Mail mit dem Exposé abgeschickt ist, aber keine Antwort kommt, sollte man nachhaken?

Wenn man sofort eine Antwort bekommt, ist das Thema entweder so schlecht, dass es auf keinen Fall infrage kommt, oder so gut, dass die Redaktion es sofort bestellt. Wenn es mit der Antwort länger dauert, sollte das einen nicht verunsichern. Das kann daran liegen, dass der Vorschlag weder gut noch schlecht genug für eine sofortige Rückmeldung ist. Oder dass die Redaktion sich noch nicht entscheiden kann oder will. Manchmal passt eine Geschichte zwar zum Titel, aber aktuell nicht in die Mischung. Das Timing ist ebenso wichtig wie der Vorschlag an sich.

Wenn man ein bis zwei Wochen keine Reaktion erhält, kann man durchaus nachfragen. Am besten dort, wo man seine Mail hingeschickt hat. Und am besten nicht Montagfrüh.

Vor alledem steht natürlich erst mal die Recherche. Vor DB mobil warst du selbst gut gebuchter freier Journalist. Wo hast du deine Themen gefunden?

Überall. Ein gutes Rechercheinstrument sind immer noch die Zeitung und Onlinenews-Portale. Und man sollte in der Kneipe, im Zug oder in U-Bahnen zuhören, worüber die Menschen sprechen, jedes Gespräch mit Freunden nutzen. Was schauen sie auf Netflix? Warum kaufen sie plötzlich Avocados? Manchmal sind solch triviale Fragen der Beginn für einen spannenden Report.

Im Volontariat habe ich damals diese Regel gelernt: Was am Stammtisch funktioniert, das funktioniert auch als Themenvorschlag. Stimmt das deines Erachtens noch?

Das kommt ganz auf den Stammtisch, seine Akteure und die Art der Getränke an, die dort konsumiert werden. (lacht) Aber eine Kneipe oder eine Party sind tatsächlich gute Barometer für die Qualität von Geschichten. Wer er schafft, die anderen Gäste mit wenigen Sätzen von einer Geschichte zu begeistern, hat wahrscheinlich einen Nerv getroffen.

Welche Veröffentlichung war dein persönlich größter Erfolg? Und hatte das eher mit der Geschichte zu tun – oder mit dem Heft, in dem sie erschienen war?

Ich hatte mich immer gefreut, wenn ein namhaftes Medium meine Geschichten druckte. Denn dort kann man Geschichten oft auch opulenter erzählen. Wichtiger als die Auflage des Mediums ist aber noch etwas anderes: Es gibt Herzblutgeschichten, die einen packen und kaum loslassen, sodass man nachts von ihnen träumt, an die man wochenlang denkt. Wenn diese erschienen sind, war meine Freude am größten.

Welche Geschichten waren das für dich?

Eine Reportage über Priester, die sich im einzigen katholischen Therapiezentrum für Seelsorger behandeln ließen, zum Beispiel. Die Geistlichen mussten dort hin, weil sie sich in eine Frau oder einen Mann verliebt oder den Glauben an Gott verloren hatten. Die Vorbereitung hat Monate gedauert. Es waren viele Gespräche nötig, bevor die Geistlichen den Mut fanden, sich offen zu zeigen und zu sprechen. Die Reportage ist in der WELT am SONNTAG erschienen.

Zwei andere Lieblingsgeschichten sind Reportagen für NEON über Homosexualität und Welten, die diese eigentlich nicht dulden: eine über schwule orthodoxe Juden und eine über Homosexuelle in Russland. Geschichten über Minderheiten finde ich spannend, auch weil es sehr viel über Mehrheitsgesellschaften aussagt, wie Minderheiten behandelt werden.

Das stimmt. Und wie bist du speziell auf diese Themen gekommen?

Bei den Priestern hatte ich eine Meldung in der Süddeutschen gesehen, dass immer mehr Priester psychologisch behandelt werden müssen.

Wurde dir als freier Journalist schon mal ein Thema geklaut?

Ich kann im Nachhinein kaum unterstellen, dass ganze Geschichten geklaut wurden. Aber es ist schon seltsam, wenn man eine Geschichte vorschlägt und sie ein paar Monate später genau dort erscheint, wo man sie vorgeschlagen hat, mit genau der Headline, die ich als Arbeitszeile benutzt hatte.

Andererseits kenne ich mittlerweile auch die Perspektive des Chefredakteurs. Und ich erhalte bisweilen fast gleichzeitig ähnlich formulierte Themenvorschläge. Einmal boten innerhalb weniger Wochen drei freie Reporter eine fast baugleiche Story an, über das Leben auf den deutschen Halligen.

Kann man sich als Autor denn gegen Themenklau schützen? Oder muss man einfach lernen zu vertrauen?

Ohne Vertrauen kann keine Zusammenarbeit funktionieren. Hilfreich ist es, immer wieder mit den gleichen Menschen und Redaktionen zusammenzuarbeiten.

Apropos Zusammenarbeiten: Welche Art von Autoren interessieren dich für DB mobil?

Mich interessiert weniger der Autor als der Themenvorschlag. Ich will von der Geschichte, der Originalität und der Sprache begeistert werden.

Gibt es für dich einen Unterschied zwischen Vorschlägen für Print und solchen für Onlinegeschichten?

Eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte, egal wo und wie sie erzählt wird. Ich persönlich differenziere da generell nicht mehr so sehr. Ich bin kein Angestellter der Holz verarbeitenden Industrie, sondern Journalist. Ich möchte Geschichten erzählen. Egal ob die auf dem iPad oder gedruckt konsumiert werden, egal ob man sie aufgeschrieben oder mit 360-Grad-Kameras via Pericscope erzählt.

Was sollte man beim Arbeiten für Corporate Titel und unabhängige Magazine und Formate unterscheiden?

Jeder Titel hat thematische Leitplanken. Dennoch gilt auch hier, wie ich finde: Eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte, egal wo und wie sie erzählt wird.

Interessiert dich dabei, ob der Autor, der sie erzählt, auch ein Influencer ist? Schaust du auf Reichweite, mit der potenzielle Autoren dein Heft auch über ihre eigenen Kanäle pushen?

Autoren sollten auf sozialen Kanälen aktiv sein und für sich und ihre Arbeit werben. Das dürfte mittlerweile eher der Normalfall sein. Wenn ich aber jemanden beauftrage, interessieren mich keine Followerzahlen, nicht mal, ob der Autor einen Computer hat. Ich will einfach nur die Story haben.

Und wenn er doch einen Computer hat? Sollte er die DB mobil-Geschichte online bewerben?

Darüber würden wir uns jedenfalls nicht beschweren. Als Teaser sind Facebook, Twitter und Instagram sehr gut – auch wenn die Geschichte erst später im Printprodukt erscheint. Es sollte nur nichts im Post versprochen werden, was das Heft nicht halten kann.

Sollte man die Posts zu einer verkauften Geschichte mit dem Auftraggeber absprechen?

Ich würde es tun, aber das heißt nicht, dass es eine Pflicht ist.

 

Alles klar, lieber Stephan. Vielen Dank für das Gespräch, deine Zeit und Expertise.

 

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