Vor ein paar Wochen an einem Mittelmeerstrand: Ein Pärchen schreitet mit dem Selfie-Stick (diesen unter die Achsel geklemmt wie der Flaneur seinen Spazierstock) die Strandpromenade entlang. Die Posen sind meisterhaft: verträumter Blick aufs Meer, Duckface sowieso, Lächeln in die Kamera und dabei das laszive Halten des Sonnenhuts (und dabei wehte gar kein Wind) – wir sind ja so romantisch. Als die Motive im Kasten sind, verlässt das Paar das „Setting“.

Protect me from what I want

Mal abgesehen von der Skurrilität dieser Szene erinnert sie mich an ein Denkmodell namens Interpassivität, das der österreichische Philosoph Robert Pfaller um die Jahrtausendwende (also der Prä-Smartphone-und-Selfiestick-Ära) geprägt hat. Pfaller versteht darunter die Praxis und Handlungen, die uns Genuss versprechen, zu delegieren und auf Externes zu verschieben. Zum Beispiel auf die Kamera. Sie genießt an unserer Stelle den Blick auf den Strand, das Meer oder die Sehenswürdigkeiten.

Die Situation nicht genießen, warum sollte man das tun? Robert Pfaller begründet es so: Das Individuum will nicht mit dem ultimativen Genuss konfrontiert werden, es schützt sich geradezu vor echter Anteilnahme. Irgendwo zu sein, live und direkt, wo man nicht jeden Tag ist, scheint im Sinne der Interpassivität manchmal schlicht und ergreifend zu viel, zu intensiv für uns zu sein. Wer tiefer einsteigen will: Abgeleitet von der Psychoanalyse, geht Pfallers Modell davon aus, dass zu viel Genuss und eine zu direkte Konfrontation mit den eigenen Gefühlen traumatisch für uns enden könnten. Deswegen braucht es eine Zwischenebene wie zum Beispiel die Kamera. Durch diese Hintertür kommt der Genuss dann quasi wieder herein.

dailybreadmag-filter-interpassivitaet

Das Aktivsein anderer betrachten

Das klingt nach Quatsch? Du lässt die Kamera aus, wenn du am Strand bist? Gut. Nehmen wir ein anderes Beispiel: Denken wir an Fernsehserien wie Two and a Half Men, die primär dem Amüsement dienen: Wären sie witzig ohne das mitgelieferte Gelächter? Ich erinnere mich dunkel an Alf-Folgen, die noch ohne dieses auskamen. Wie verstörend das war! Man schmunzelt erst, wenn das „Dosenlachen“ des Publikums ertönt. Selbst lachen braucht man nicht und fühlt sich trotzdem amüsiert.

Anderes Beispiel: Kochsendungen. Geht es beim Schauen darum, direkt nach der Sendung oder gar parallel dazu total inspiriert an die Töpfe zu springen? Oder doch eher darum, entspannt zugucken zu dürfen, wie andere werkeln oder was Tolles zaubern, und dabei die angelieferte oder aufgetaute Pizza zu mampfen? Als Pfaller sein Buch herausbrachte, gab es noch die Möglichkeit, sich nach Kochsendungen die Rezepte per Fax zu bestellen. Diese Möglichkeit, nutzte ein nur verschwindend geringer Teil der Zuschauer.

Und weil die EM ins Haus steht: Auch Fußballübertragungen sind interpassive Phänomene. Den Spielern Bierchen trinkend zuzuschauen, wie sie dem Ball hinterherjagen, delegiert den Genuss und schafft Genugtuung – im wahrsten Sinne des Wortes. Man hat beim Abpfiff fast das Gefühl, sich sportlich betätigt zu haben.

Interpassivität ist überall

In unserer Digitalwelt ist die Interpassivität heute präsenter denn je: Sind „Let‘s Plays“ wirklich Tutorials oder eher wie Fußballübertragungen für (passive) Zocker? Oder Konzerte: Wer war schon mal auf einem und stand entweder
a) hinter jemandem, der mit seinem Handy das Geschehen aufnahm,
oder
b) hat gar selbst gefilmt?

Von außen betrachtet: irrwitzig! Da zahlt man viel Geld, um die ultimative Experience zu, ja, genießen – und dann darf es in erster Linie das Smartphone mit seiner in solchen Situationen stets überforderten Kamera, vom Mikrofonsignal ganz zu schweigen. Das Resultat: Soundgemüse plus Bildgewackel. YouTube ist voll von solchen Filmchen. Die Rolling Stones haben bei Konzerten Laufwege installiert, auf denen sie an den filmenden „Indirekt-Fans“ aus den vorderen VIP-Reihen vorbei nach hinten zu den echten „Direkt-Fans“ laufen können. Doch kamen sie dort endlich an, was wurde dann oft gezückt?

interpassivitaet-dailybreadmag
Josué Goge via Flickr under CC BY 2.0

Live geht nur live

Hier offenbart sich ein großer Trugschluss, der vielen interpassiven Handlungen innewohnt: Live ist live, und live kann man nicht reproduzieren. Du kannst Daft Punk auf der Bühne aufnehmen, aber dann verpasst du Daft Punk, du kannst es dir nicht live auf einem Bildschirm angucken und später schaust du dir dann einen minderwertigen Clip von einem Moment an, den du verpasst hast.

Du kannst dein Essen noch so zurechtrücken und fotografieren und instagrammen, bevor du es dann endlich isst. Doch wirklich teilen kannst du es mit anderen nur live, am Tisch, nicht in der Timeline.

Ich finde, ein bisschen mehr Genuss zu- und den Bildschirm weglassen ist gar nicht dumm. Sollten wir alle tun. Ganz im Sinne des schönen Plädoyers für mehr Auszeit.

Dass ausgerechnet ich das schreibe, wird sicher so manchen verwundern, der schon mal mit mir essen war. Wehe, da wird was angerührt, bevor das Foto fertig ist! Häufige Begleiter rücken die Teller mittlerweile in vorauseilendem Gehorsam für mein Bild zurecht. Deswegen: Dieser Text ist auch eine Botschaft an mich selbst.

Bilder via Unsplash

Text: Jan-Peter Wulf