Manchmal, wenn Praktikumsanwärterinnen für ein Bewerbungsgespräch bei uns vorbeikommen, wird es unangenehm. Nicht, weil wir so harte Einstellungsverhöre durchführen würden oder irgendwas anderes als bezaubernd zu unseren Bewerberinnen wären. Manche, gerne mal Studentinnen für Modejournalismus, bauen mit ihrer Kleiderwahl für ein Kennenlernen aber unüberwindbare Kluften auf. Dann sitzen sie da auf der Besetzungscouch; mit ihren ärmellosen Jacken mit Fellbesatz, ihren benieteten Stiefeletten, die Designerhandtasche neben sich geparkt. Sie gucken mich nervös an, dann gleitet ihr Blick vorbei an meinem Flohmarktpullover und meiner Jogginghose bis zu den ausgelatschten Docs. Irgendetwas ist da schief gelaufen, denken sie wohl, entweder bei mir oder bei sich.

(Mode-)Journalismus bedeutet für sie oft nichts anderes, als Trends zu benennen, It-Pieces zu betexten und Must-haves auszurufen. Sie werden auf Karrieren bei Instyle und Co getrimmt, und ihr redaktioneller Ansatz lautet schlicht: Konsumempfehlungen ausgeben. Irgendwie konsequent in einer Welt, in der wir unsere Feeds mit Menschen vollladen, die nichts anderes sind, als wandelnde Kaufempfehlungen, Testimonials, Influencer oder 3D-Werbebanner.

Daily Bread Modeopfer 2

Dass ich nicht dem Bild entspreche, das manche von der Chefredakteurin zweier Magazine, die sich intensiv mit Mode auseinander setzen haben, merkt man auch auf den diversen Presseveranstaltungen, auf denen man vom PR- und Marketingmenschen skeptisch einmal rauf- und runtergescannt wird. Ich stehe dann zwischen den perfekten Redakteurinnen und Bloggerinnen mit ihren in Locken gelegten, frisch Ombre-gefärbten Haaren, ihren im neuesten Nude-Ton lackierten Nägeln, gehüllt in die angesagtesten selbstausgerufenen Trends. Ich fühle mich schnell wie der Glöckner von Notre Dame auf einer Royal Hochzeit und frage mich, wieviel Zeit diese Frauen wohl täglich in ihren makellosen Selfie-Look investieren.

Daily Bread Modeopfer 3

Dabei kann einem dieses Phänomen sogar abseits der polierten, blondierten und gestrafften Modeschickeria zwischen München und Hamburg begegnen – in der „coolen“ jungen Szene in London, Paris oder Berlin. Denn auch der versiffte Hobo-Look (aka Kanyes Yeezy-Kollektionsmotto) erntet unter den selbsternannten Avantgardisten oft nur Anerkennung, wenn die oversized Bomberjacke von Vetements und das Logoshirt von Gosha Rubchinskiy sind. Wie soll man sich untereinander sonst als Mitglied einer geheimen Elite der Modeinsider erkennen?!

Mir stellen sich angesichts des herrschenden Markenzwangs aber ganz andere Fragen: Woher weiß man, ob die Must-have-Handtasche, auf die man so lange gespart hat, nächsten Monat noch angesagt ist? Was macht man, wenn auf der Party zwei weitere Leute mit dem selben T-Shirt der neuen Underground-Hypemarke auftauchen?

Es ist die unglamouröse Wahrheit, dass ich mein Geld immer, immer, aber auch wirklich immer eher in Essen und Reisen investieren würde, bevor ich mir auch nur ein einziges Designerteil kaufe. Und das, obwohl ich diese wunderschönen Dinge täglich vor meinem Arbeitsauge habe. Vermutlich aus demselben Grund, aus dem ich nie shoppen gehe: Ich verspüre seltsamerweise nicht den Drang, Designermode zu besitzen. Es würde mich nicht glücklich machen, sie in meinem Schrank zu wissen. Sie fühlt sich an mir nicht richtig an. Und doch arbeite ich gerne mit all den fantastischen Stücken, weil sie dazu dienen, Ideen zu visualisieren und Geschichten zu erzählen. Am Ende sind sie aber nichts mehr als bloße Requisiten. Und es zählt, was in allen unseren Arbeiten im Mittelpunkt steht: Der Mensch in der Kleidung.

Es täte den gestressten Mode-Gemütern sowie dem schnellen Trend-Produktionskreislauf also gut, wenn mehr Menschen ihren Selbstwert nicht an gewisse Trendteile und Marken knüpfen würden. Und es täte mir gut, nicht zu viel in jeden scannenden Blick hineinzuinterpretieren. Vielleicht finden die Leute meinen alten Flohmarktpulli einfach nur total super und fürchten, den neuesten Trend verschlafen zu haben.