josefkubes / Shutterstock.com
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Ich spreche täglich über Autismus, sei es mit Ärzten, Forschern, Journalisten oder direkt mit Autisten. Das liegt in der Natur der Sache, denn ich bin Verlegerin eines Magazins, das sich explizit an Autisten richtet. N#MMER heißt es, und sowohl ich, als auch sämtliche meiner Autoren sind Autisten.

Fragt man nach bekannten Autisten – ein Spaß, den ich mir insbesondere mit Journalisten gern erlaube –, nennen die allermeisten Menschen immer dieselben Namen: Dr. Dr. Sheldon Cooper, Temple Grandin und Rain Man. Letzteres ist nicht einmal ein Name; an Raymond Babbitt erinnern sich die wenigsten.
Sheldon ist eine fiktive Figur, deren Schöpfer nicht müde werden zu betonen, dass er kein Autist sei. Raymond „Rain Man“ Babbitt ist ebenfalls ein fiktiver Charakter, angelehnt an den realen Kim Peek, der überhaupt kein Autist war. Temple Grandin, der einzige echte Mensch und die einzige aus dem Trio mit echtem Doktortitel, ist wirklich Autistin und genau dafür ist sie auch berühmt.

Besonders belesene Zeitgenossen betonen dann gern noch, dass Einstein, Mozart, Newton und auch sonst eine ganze Schar an weltgeschichtlich bedeutenden Künstlern, Wissenschaftlern oder Erfindern von irgendwelchen Menschen posthum diagnostiziert wurde. Das kann man machen, ist aber Quatsch.

Selten, ganz selten, kommt es zu einem Ereignis, das für die autistische Community von unschätzbarem Wert ist: zum Coming Aut, dem Öffentlichmachen des eigenen Autismus. Alle Jubeljahre wieder traut sich ein mutiger Prominenter, offen über seinen oder ihren Autismus zu sprechen.

Tim Burton
Tim Burton

Die Regisseure Tim Burton und Steven Spielberg sind zwei von ihnen, auch der Schauspieler Dan Aykroyd, seine Kollegin Daryl Hannah und Dan Harmon, Erfinder der Erfolgssitcom Community, outeten sich im Laufe ihrer beeindruckenden Karrieren. Doch meist interessiert sich einfach niemand dafür. Bemerkenswert, immerhin wird bei toten Prominenten das Label „Autismus“ gebetsmühlenartig wiederholt. Eine Unterhaltung über Einstein, ohne dass jemand einwirft, er sei Autist gewesen, ist wohl nur noch in Physikerkreisen möglich.

Berühmt und autistisch, das scheint ein Oxymoron zu sein. Man hat dafür Bekanntheit zu erlangen, dass man Autist ist. War man schon vor dem Outing im Scheinwerferlicht, wird die Diagnose unter den roten Teppich gekehrt. Als der Komiker und Schauspieler Jerry Seinfeld es im November 2014 wagte, sich als Autist zu definieren, war das Geschrei groß. Eine ganze Armada von wütenden autism moms, Müttern, deren Kinder Autisten sind, stürzte sich auf den Komiker. Es sei unverantwortlich, solche Behauptungen in den Raum zu werfen, weil dann niemand das Leiden ihrer armen Kinder und nicht zuletzt ihr eigenes schweres Leben ernst nehme. Seinfeld entschuldigte sich öffentlich und nahm sein Coming Aut zurück. Es war bizarr.

Nun outete sich BBC-Fernsehpersönlichkeit Chris Packham. Seit den 80ern steht der Naturforscher vor der Kamera und erklärt Kindern und erwachsenen Laien spannende Dinge über die wundersame Tierwelt. Dafür ist er in Großbritannien und über dessen Grenzen hinaus bekannt, darüber wollen Journalisten mit ihm sprechen. In seiner kürzlich erschienenen Biografie spricht Packham das erste Mal über seinen Autismus und, Überraschung, es interessiert kaum jemanden. Bei jedem Amokläufer müssen wir tagelang ertragen, dass alle Publikation unter der Sonne den Täter aus der Ferne als Autisten diagnostizieren, aber sobald jemand tatsächlich eine Diagnose hat und „trotzdem“ aus Funk und Fernsehen bekannt ist, hüllt sich die Medienlandschaft in den Mantel des Schweigens.

Dabei kann uns als Gemeinschaft kaum etwas Besseres als ein prominentes Outing passieren. Das mag ein kontroverser Gedanke sein, aber es gibt eine ganz simple Begründung. Am Wort „Autist“ klebt noch immer ein gigantisches Stigma. Autisten sind asoziale, geniale Roboter. Autisten sind Einzelgänger, aber nicht einsam, weil sie Menschen hassen. Autisten haben keine Gefühle, deswegen zeigen sie auch keine. Autisten sind weiße männliche Teenager, die den ganzen Tag im Keller sitzen und Shooter zocken. Autisten werden niemals heiraten, arbeiten, eine Familie gründen.

In der Tat finden viele Autisten keine Arbeit, keinen Partner und sind mit ihrer Gesamtsituation recht unglücklich. Das kann man nicht wegreden, das ist Fakt. Aber Einsamkeit und Arbeitslosigkeit sind nicht zwingend Symptome von Autismus. Oft sind es Resultate des Ausgeschlossenwerdens aus der Gesellschaft, die dann wirklich zu Schrulligkeit und Eremitentum führen. Es ist ein Teufelskreis, eine selbsterfüllende Prophezeiung der Gesellschaft.

Steven Spielberg
Steven Spielberg

Liefert man Gesellschaft und Arbeitsmarkt positive Beispiele, sprich erfolgreiche, lebensfähige und lebendige Autisten, die Dinge tun, die sogar bewundert werden, könnte sich das Stigma eventuell lösen und ad acta gelegt werden. Solange jedoch „Rain Man“ als Schutzheiliger der Autisten über der Community schwebt, werden Menschen ängstlich wegzucken, wenn wir offen über unsere Diagnosen sprechen. Niemand will, dass das Klima ins genaue Gegenteil umschlägt. Dass mit einem Mal jemand davon ausgeht, dass Autismus ein Parkspaziergang sei, der mit Oscars und BAFTAs gesäumt wird. Diese 180-Grad-Drehung ist allerdings äußerst unwahrscheinlich.

Momentan verharrt der Begriff „Autist“ im Assoziationsbingo irgendwo zwischen Amoklauf und World of Warcraft. Wenn wir autistische Prominente beachten, uns ihre Geschichten anhören, wird das Wort „Autist“ im Bingo nicht automatisch zwischen Glamour und Sexsymbol rutschen. Aber vielleicht verschiebt sich die Assoziation dann in die Nähe der Begriffe „Mensch“ und „Individuum“. Das wäre wünschenswert, das wäre schön!

Danke, Chris Packham! Mögen viele Andere deinem Beispiel folgen.

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