Auf dem kürzlich zu Ende gegangenen DMY-Design-Festival in Berlin konnte man viele einzigartige Design-Konzepte bewundern. Besonders ins Auge fiel die skandinavisch-minimalistische Möbelreihe in our office der Masterstudenten der Lund-Universität. In Zusammenarbeit mit der schwedischen Möbelmarke Hays haben die Studenten ein dynamisches Möbelkonzept speziell für Coworking- Spaces entwickelt. Doch diese sind viel mehr als nur ein bloßer Design-Trend.

Jeden Tag entdecken Menschen auf der ganzen Welt die Vorzüge eines Coworking-Spaces. Einen Raum, in dem sich Selbständige – und damit auch Blogger – auf Zeit einen Arbeitsplatz mieten können. Mittlerweile sind sie längst nicht mehr nur ein Spielplatz für Digital Natives, sondern eine flexible Lösung für Freiberufler und  und vermehrt auch für Unternehmen. In den letzten zwei Jahren hat sich die Anzahl von Coworking-Spaces weltweit verdoppelt. Auf rund acht Tausend mit einer halben Million Mitgliedern, wie aus dem aktuellen Global Coworking Survey 2015 hervor geht.

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Foto: www.mindspace.me

Während die alten Hasen im Geschäft versuchen, mit innovativen Modellen neue Einnahmequellen zu generieren, suchen neue Coworking-Spaces nach Nischen. Auch in Berlin, wo man denken könnte, das Angebot wäre gut genug, eröffnen nach wie vor Spaces mit neuen Ansätzen wie beispielsweise der Low-Budget-Coworking Space Enklave in Neukölln oder der High-end-Space Unicorn mit leckerem Essen und eigener App. Oder auch Mindspace, ein Coworking-Space an bester Adresse in Berlin-Mitte im „The Q“ auf der Friedrichstraße, der mit seinen Glaswänden beinahe wieder an ein herkömmliches Büro erinnert und Kleinunternehmen anspricht. Unser eigener Coworking-Space – die Blogfabrik – stellt Content Creator gegen Text oder Bild einen Arbeitsplatz zur Verfügung.

Foto: unicorn.berlin
Foto: unicorn.berlin

Doch gibt es überhaupt so viele Selbständige und Freelancer für die vielen neuen Quadratmeter Arbeitsfläche, die zurzeit entstehen? Arbeiten einige nicht doch lieber Zuhause? Oder dann doch wieder als Projektmitarbeiter in der Struktur eines Unternehmens? Die Zukunft spielt der Verbreitung von Coworking-Spaces jedenfalls in die Hände: In westlichen Ländern wechseln die sogenannten Millenials laut The Guardian mittlerweile alle 4,4 Jahre den Job. Laut einer Statistik werden im Jahre 2020 mehr als 40 Prozent der Arbeitenden in den USA als Freelancer oder Projektmitarbeiter selbständig tätig sein. Diese Generation von Freischaffenden ist nicht mehr nur mit einem netten Arbeitsplatz zufrieden, sondern wünscht sich den ganzen Lifestyle der Digital Natives, Nomad Workers und Digital Entrepreneurs dazu – neue Begriffe für die Laptop-als-Arbeitsplatz-Generation entstehen mittlerweile ebenso schnell wie neue Coworking-Spaces.

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Foto: Christoph Neumann für blogfabrik.de

Vor einigen Tagen trafen sich in der Blogfabrik rund vierzig Betreiber von Coworking-Spaces, Hackerlabs und Innovation-Hubs zu einem Workshop. Dabei waren aber nicht nur einige Brainstorm-Wütige aus Berlin versammelt, sondern Unternehmer aus Kenia, Ägypten, Irak, Brasilien, dem Sudan oder den Philippinen. Zusammengeführt hat sie die re:publica 2016 in Berlin im Rahmen des Global Innovation Gathering (GIG). Dieses Netzwerk versammelt Innovation Hub-Manager, Hacker und Entrepreneurs zu einer Community.

Foto: globalinnovationgathering.com
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Geballtes Wissen verkaufen

Incubation, Funding, Consulting und Research

Besonders in Entwicklungsländern äußern die Betreiber von Coworking-Spaces den Wunsch, ihr Portfolio über das bloße Anbieten von Arbeitsplätzen hinaus zu erweitern; die Förderung von Start-ups, die Beratung von Entrepreneurs sowie die Verbindung zu Kapitalgebern passt zum Geiste eines Coworking-Spaces. Diese Innovationskraft beflügelt Startups und Unternehmen zugleich. Letztere möchten lernen, wie die Wissensarbeiter ticken und arbeiten. Künftig könnte auch die Suche nach Talenten vermehrt in Coworking-Spaces geschehen. Die Wissensvermittlung in Form von Kollaborationen und Projekten funktioniert aber auch im Bereich von Research, wenn sich Coworking-Spaces auf neue Technologien, Social Media oder Entrepreneurship spezialisieren.

In einem Coworking-Space sammelt sich eine geballte Ladung Knowhow. Anstatt dieses in den vier Wänden zu behalten, kann man es tage- oder stundenweise wie in einem Laden verkaufen, besonders weil Coworking-Spaces morgens und abends nicht voll ausgelastet sind. Dann könnten Workshops für Unternehmen, Institutionen und andere Freelancer stattfinden, die vom Wissen der Coworker lernen: Zahlen und Fakten über Snapchat oder Design Thinking sowie die neuesten Erkenntnisse zum Thema Online-Dating oder Vegan Food sind Themen, die für Unternehmen künftig relevant sein könnten.

Mitarbeiter gestandener Unternehmen tarnen sich als Freelancer

Coworking-Spaces sind inspirierend – und Großunternehmen brauchen dringend Inspiration. Immer mehr Firmen wie etwa Ernst & Young lösen einzelne Mitarbeiter oder ganze Abteilungen aus ihrem Hauptsitz heraus und bringen sie in Coworking-Spaces unter; das coole Arbeitsumfeld soll sie auf neue Ideen bringen. Die Coworking-Spaces wiederum profitieren von angepassten – meist höheren – Preismodellen für Unternehmen.

Foto: www.globalinnovationgathering.com
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Zusatzangebote schaffen

Kaufen statt mieten

Die meisten Coworking-Spaces finanzieren sich mit Mitgliederbeiträgen. Durch steigende Mieten in städtischen Ballungszentren steigen jedoch auch für Coworking-Spaces die Mieten. Ihre Margen werden dadurch kleiner, besonders wenn die Liegenschaft nicht den Anbietern selbst gehört. In Kanada werden Häuser und Stockwerke, in denen Coworking-Spaces untergebracht sind, neuerdings auch über Crowdsourcing finanziert: Viele Interessierte kaufen zusammen eine Liegenschaft und splitten die Summe auf.

Digitale Verbindungsplattformen schaffen

Coworking-Spaces können neben dem physischen Gemeinschaftsraum auch digitale Räume schaffen. Dazu entwickeln die Anbieter mittlerweile sogar Apps für ihre Mitglieder, mit denen sich die Einzelkämpfer zusammenschweißen und voneinander profitieren. Unter dem Stichwort “Anwalt” finden sie beispielsweise bei Rechtsfragen einen Experten aus den eigenen Reihen. Dazu kommen exklusive Tutorials, Webinars und Games für Mitglieder.   

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Foto: agoracollective.org

Add-ons wie Café, Fitnessstudio und Yoga-Lektionen

Coworking-Spaces müssen heute weit mehr als einen Arbeitsplatz, Internet, Drucker und kaltes Bier bieten. Neue Einnahmen schafft ein Café, Restaurant oder eine Bar für externe Gäste. Einige Coworking-Spaces  gehen da noch weiter: Passend zum Lifestyle der Generation Y bieten sie morgens kostenlos Yoga oder Fitness, eine vegan Kochlektion am Mittag und einen Club mit DJ am Abend. Dazu kommt wahlweise ein Inhouse-Wäscheservice und Bioladen. Diese Add-ons führen dazu, dass man bei Regen oder Stau gerne länger im Space verweilt.

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Foto: kohub.org

Nicht nur zusammen arbeiten, zusammen leben

Diese „All-in-one-Location” oder „Workplace-as-a-service”-Ansätze führen bereits zum nächsten Trend: Coliving anstatt nur Coworking. Im Januar hat Coworking-Gigant WeWork beispielsweise mitten im New Yorker Finanzdistrikt 600 möblierte Wohnungen für Leute ausgeschrieben, die das Lebensgefühl von Coworking und Freelancen 24 Stunden am Tag leben möchten. Gemeinschaftsküche und Bier-Zapfhahn sollen die Bewohner „vernetzen“. Die Kritik an diesen Coliving-Modellen sind, dass sie eine Art Hotelzimmer – oft ohne Küche – zu überteuerten Preisen, dafür mit einem tollen Etikett, als Wohnung anbieten und damit Geld mit einem Lebensgefühl, aber nicht mit dem eigentlichen Raum verdienen.  Im GIG-Netzwerk werden solche Modelle für Megametropolen südlicher Ländern diskutiert, wo der Weg zur Arbeit im oft kollabierenden Verkehr zuviel Zeit des Tages beansprucht.

Ein Ableger im Paradies

Ein GIG-Mitglied aus Brasilien präsentierte der Community die Idee eines Innovation-Hubs im Dschungel, der sich für lockere Brainstormings und Austausch eignet. Damit spricht er ein Bedürfnis der Leute an, die im Internet Geld verdienen. Einige wollen dabei nämlich am liebsten in der Nähe von Palmen und Strand arbeiten. Mit dem Knowhow von Zuhause expandieren Coworking-Spaces nach Südostasien oder Südamerika und bauen dort Häuser mit Büro, Bett und Küche. So auch Ahoy Berlin, der letzte Woche im brasilianischen Sao Paulo einen Ableger eröffnet hat. Oder KoHub aus der thailändischen Insel Koh Lanta. Die Nutzer dieses Angebots, so genannte Nomad Workers , arbeiten nicht nur zusammen, sondern surfen, tauchen oder feiern auf Trauminseln auch miteinander.

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Foto: kohub.org

Marke positionieren 

Community, nicht nur Space

Da der Space beliebig austauschbar ist, müssen sich Coworking-Spaces zunehmend auf die Community konzentrieren. Die Mitglieder und deren Stärke sind nämlich einzigartig und können nicht wie in eine Fastfood-Kette multipliziert werden. Deshab wird die Identität und die Positionierung des Spaces wichtiger als der Raum und der Ort selbst. Viele Spaces suchen nach Nischen und spezialisieren sich etwa auf Musik, Design oder New Work. Galten Freelancer früher als Lebenskünstler mit unregelmäßigen Einkommen, sind sie heute zu Unternehmern mit teilweise höherem Einkommen als Angestellte geworden.

Die Vielfalt ist ertragreich

Die kreativen Köpfe hinter Coworking-Spaces entwickeln künftig bestimmt noch mehr Ideen, wie man ertragreiche Angebote schafft. Diese Bestrebungen sollten jedoch nicht dazu führen, dass ein Coworking-Space am Ende wieder einem klassischen Bürokomplex ähnelt, der einfach anders genannt wird. Die Community rund um den Space wird zum Alleinstellungsmerkmal. Es reicht daher nicht, einfach einen netten, lichtdurchfluteten Raum mit fancy Möbeln zu konstruieren, um ein erfolgreiches Konzept zu etablieren. Weil sich in Coworking-Spaces oft auch Einzelkämpfer vereinen, liegt es an den Betreibern, den Austausch zu fördern; Wöchentliche Sitzungen, Wrap-ups und Workshops sind ein Muss, um das Gefühl der Community zu fördern.

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Foto: betahaus.com

Vielleicht wird der Begriff “coworking” in einigen Jahren wieder ganz aus unserem Jargon verschwinden und durch “arbeiten” ersetzt werden. Weil es dann normal ist, unter selbständigen Gleichgesinnten aus verschiedenen Arbeitsfeldern in verschiedenen Räumen zu arbeiten und sich auszutauschen. Ob man diese Arbeitsweise jetzt „Coworking“, „Coliving“ oder sonstwie nennt steht nicht im Vordergrund. Denn nicht das Label, sondern der Austausch, die Atmosphäre und Kollaborationen zwischen den Arbeitenden unter einem Dach machen die wahre Qualität und die damit verbundene Chancen für ein finanziellen Erfolg des Spaces aus.

Headerfoto: Lund University „In our office“  with Hay