In jedem Handbuch über digitales Marketing gelten Blogger als Meinungsführer unserer Zeit, Stichwort „Super Influencers“. Es besteht der Volksglaube, dass Blogger automatisch mit allem, was neu, funky und Social-Media-lastig ist, vertraut sind. Ich selbst bin jedoch der lebende Beweis dafür, dass dies ein Mythos ist. Ein Besuch bei mir Zuhause ist wie ein Sprung durch die Zeit: Man stolpert dort über einen wilden Kuriositätenhaufen aus Möbeln aus den Sechzigern, Pop-up-Kinderbüchern aus den Neunzigern und Lampen vom Anfang des letzten Jahrhunderts, die nur nach mehrmaligem Anstupsen angehen. Das neuste Smartphone, Tablets, Flachbildschirme oder Wearables sucht man bei mir hingegen vergebens. Genauso wenig haben sich bisher die neusten Social-Media-Apps auf mein Handy verirrt.

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Mein Leben ist ein Kaleidoskop an bunten Kuriositäten

Von meiner Erziehung kommt diese Innovationsscheu nicht. Meine Großeltern waren immer die Ersten bei allem, was neu und „cool“ war. Handys, Laptops, Tablets werden in ihrem Ü80-Haushalt jedes Jahr auf den neusten Stand gebracht. Ich weiß noch, als ich vierzehn war und mich meine italienische Oma in einen Laden zerrte, um mir ein Handy zu kaufen, damit sie mich in Deutschland jederzeit erreichen konnte. Voller Panik in den Augen schaute ich das damals noch gigantische Gerät an und überlegte krampfhaft, wie ich aus dem Schlamassel wieder rauskomme.

Wovor ich mich damals fürchtete, weiß ich bis heute nicht. Denn es ist ja nicht so, dass ich technologische Neuheiten nicht spannend finde, im Gegenteil: Ich beschäftige mich sehr intensiv mit ihnen. Aber diese Auseinandersetzung geschieht auf einer rein analytischen Ebene. Vor der privaten Anwendung renne ich dagegen weg wie ein Reh, das von einem SUV durch den Wald gejagt wird. Und ich vermute, ich bin nicht das einzige „Reh“. Höchstwahrscheinlich gibt es mehr von ihnen, als ich denke. Das Paradoxe in meinem Fall ist jedoch, dass ich mich beruflich in einem Kontext bewege, der von mir genau das Gegenteil verlangt, nämlich Innovationsaffinität. Daraus resultiert auch mein digitales Dilemma: Wie kann ich als Blogger beim letzten technologischen Schrei dabei sein, anstatt vor jedem kleinen Krach schreiend davonzulaufen? 

Eine ganze Weile dachte ich, diese Eigenschaft vor Kunden und Kollegen verstecken zu müssen. Doch heute bin ich zu hundert Prozent davon überzeugt, dass meine berufliche Kompetenz vor allem von meiner Kreativität, meinem Empathievermögen, meinem Fachwissen und meiner Analysefähigkeit herrührt, und weniger von der Anzahl neuster Apps auf meinem Handy. Social Trends lassen sich auch hautnah nachvollziehen, ohne die eigenen Müslizutaten auf Snapchat zu dokumentieren. Genau wie ich als Mann Modeprojekte für Frauen konzipiert habe, kann ich auch mit den digitalen Überhelden in der Blogfabrik, einem Kompetenzzentrum für digitale Inhalte, arbeiten und kreativ sein, ohne mein Privatleben komplett dafür umzumodeln. Dabei hilft mir meine Neugier, die mich immer dazu motiviert, mit den verschiedensten Persönlichkeiten und Experten über Trends zu diskutieren.

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Mein erstes und auch letztes Selfie

Ich glaube, dass viele Menschen Innovationen aus Langeweile ausprobieren. Und langweilig ist mir tatsächlich nie. In meinem Kopf läuft Kino in 4D, meist 24/7. Meine Tag- und Nachtträume machen jeder Virtual-Reality-Zukunftsmusik Konkurrenz. Dagegen sieht ein Smartphone nun mal ziemlich altbacken aus. Mein erstes Smartphone habe ich übrigens vor vier Jahren geschenkt bekommen. Und ich habe etwa drei Jahre und zehn Monate gebraucht, um es mal anzuschalten. Der absurde Grund, es letztlich doch zu tun: Vor kurzem wurde mir ein neueres Smartphone geschenkt und ich kann daher nun – nach meiner inneren Logik – das alte in Betrieb nehmen. Damit lerne ich nun Schritt für Schritt und probiere neue Dinge aus, die mir vor wenigen Monaten noch  Angst bereitet hatten. WhatsApp, Instagram, Twitter und sogar Snapchat erforsche ich mit skeptischer Neugier, wie Wissenschaften aus einer fernen Galaxie. Vielleicht schaffe ich es irgendwann, Musik auf meinem Smartphone zu hören. Ich sehe öfters Menschen mit Kopfhörern und Musik in der U-Bahn oder beim Joggen, und ich glaube, das könnte mir auch Spaß machen.

Wenn mich jedoch etwas überzeugt hat, dann bin auch richtig Feuer und Flamme für. Letzten Sommer hab ich das Fahrrad entdeckt. Finde ich eine ziemlich klasse Innovation!

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Fahrräder sind eine richtig praktische Innovation.

Headerfoto & Pop-up-Buch – Foto: Alicia Kassebohm