Es dauerte keine zehn Minuten, da tauchte der erste Post auf, sogar auf Englisch: “Just heard about the terrorist attacks in Munich. So shocked.“ Weitere besorgte Posts und Tweets folgen. Ein paar Tage später wissen wir: Hinter den grausamen Morden von München am Abend des 22. Juli steckte ein Individuum, ganz ohne islamistischen Hintergrund und dessen sorgfältig geplanter Amoklauf. Bis wir das Schwarz auf Weiß hatten, mussten wir eine teils sehr blamable Performance vieler Medien und Akteure in digitalen Netzwerken beobachten, die uns zeigt, welch gravierende Schieflage die Informationsfunktion unserer Nachrichten aktuell erfährt.

Im Windschatten von Nizza, Würzburg und all dem furchtbaren Leid, das uns 2016 schon präsentiert hat, sprangen allzu viele direkt auf den „Terror-Zug“ und versuchten, die undurchsichtige Lage dort zu verorten, wo es am einfachsten ist: auf der heftig grassierenden Hysterie-Welle. Der Live-Blog von SPIEGEL ONLINE entfernte kurzerhand auch wieder einen Eintrag, als man irgendeine ominöse Quelle mit „akutem Terrorverdacht“ zitieren wollte. Und bei ARD und ZDF wurden direkt mal die Terrorexperten hinzugeschaltet.  Dass der sogenannte Islamische Staat (IS) sich am Ende sogar zum Amoklauf von München bekannte, obwohl der Täter nichts mit dem IS zu tun hatte, dürfte dem Zynismus die Krone aufsetzen. In der deutschen Medienlandschaft treffen aktuell Unfähigkeit auf Panik und ökonomische Interessen auf die eigene Ratlosigkeit. Dass sich selbst seriöse Medien wie die Öffentlich-Rechtlichen darauf einlassen, ist allerdings eine eigene Schreckensmeldung.

Terror wird Trumpf

Bei der Yellow Press ist eh schon Hopfen und Malz verloren. Ein paar Tage „vor München“ und „nach Würzburg“ betrachtete ich an einer Supermarktkasse kopfschüttelnd die nebeneinander aufgereihten Titelseiten von Bild, B.Z. und Co. Sie alle zeigten das Bild des 22-jährigen Würzburg-Täters, grimmig schauend und mit der reißerischen Headline „Das ist der irre Axt-Mörder des IS“ daneben. Es ist eine voyeuristisch anmutende Glorifizierung des Grausamen. Eigentlich hätte diese Täteranalyse auf Seite 2 oder 3 im Blatt  gereicht, aber das analoge Clickbaiting haben diese „Zeitungen“ für sich perfektioniert. So machen sie eine arme Socke wie den Axt-Trottel noch größer als es seine feige Tat verdient. Der IS freut sich über die Werbung. Am Ende zählt überall nur dass, was Angst macht. Dies gilt sowohl für Medien, wie für Terroristen. Großartig, wie man sich gegenseitig unterstützt!

Dass wir schon seit längerem in einer Epoche der Angst leben, dürfte bekannt sein. Hinzu kommt nun eine Hysterie, die von allen Seiten geschürt wird und aus einer Unwissenheit und Unfähigkeit resultiert, mit dem veränderten Status quo umzugehen. Die traditionellen Medien sind unfähig, dem Aufstieg der sozialen Medien etwas entgegenzusetzen. Als vor einigen Wochen in der Türkei geputscht wurde, habe ich die Nachrichtenlage via Twitter verfolgt. Wie auch sonst? Im ZDF lief eine Filmwiederholung und der hauseigene Politikkanal Phoenix vertröstete die Fans auf Twitter mit „Morgen früh informieren wir sie dann über die Ereignisse in der Türkei.“


Dabei müssen ARD, ZDF und Co. gar nicht unbedingt mit der Kurzlebigkeit der sozialen Medien Schritt halten, am Ende sind sie ja ökonomisch abgesichert. Sie sollten lieber fundiert recherchieren und aufklären, und sich nicht an Spekulationen beteiligen. Denn so schnell Social Media ist, so sehr fördern die Kanäle auch die Hysterie. Immer komplexere und brutalere Algorithmen fordern Tweets mit klarer Aussage und Facebook-Posts mit Schlagworten und Share-Potential. Wir alle haben das leider irgendwie adaptiert, was dazu führt, dass wir immer sensationshungriger und fremdgesteuerter genau das konsumieren, was wir konsumieren sollen. Irgendwann im Chaos des Abends in München hieß es auf einmal, es wäre ein rechter Amokläufer, der „Scheißausländer“ gebrüllt hat. Irgendwie hatte man sich da schon klammheimlich gefreut, dass auch mal das AfD-Camp nun in die Täterrolle rückt, was ein ebenfalls sehr zynischer Gedankengang ist. Jene Partei hatte eh schon wieder zwischenzeitlich versucht, das Ganze viral für sich auszuschlachten. Es herrscht eine gewisse Geilheit auf Blut, Angst und Sensation, in einem immer schneller werdenden medialen System. Nicht alles an der Digitalisierung ist gut. Schon gar nicht die Tatsache, dass wir vernunftbasierte menschliche Verhaltensweisen opfern, um im Social Media Algorithmus wahrgenommen zu werden.

Einmal politische Aufklärung statt Panikmache, bitte!

Am Ende bewahrte nur der vielerorts gefeierte Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins einen kühlen Kopf und überging schlicht die furchtbaren Suggestivfragen einiger Journalisten, indem er sich nicht an Spekulationen beteiligte. Die Münchner Polizei forderte die Bevölkerung sogar auf, Videos und Hinweise lieber auf den polizeiinternen Server hochzuladen, als über die Socials zu teilen oder gar den Medien zuzuspielen. Nur so konnte die Polizei ihre Arbeit machen und für einen verrückten kurzen Moment tappten wir alle wieder im Ungewissen. Eine Horrorvorstellung für unsere Informationsgesellschaft. Aber eventuell wurde genau dadurch Schlimmeres verhindert, vor allem die Glorifizierung der Tat. Inzwischen ist das Bild des 18-jährigen Täters von München aufgetaucht und mit dem Bomben-Suizid von Ansbach hat uns die Tagesaktualität leider direkt den nächsten Fall beschert. Diesmal sogar mit vermutlich islamistischem Hintergrund. Auf bizarre Art und Weise wirkt das ja fast beruhigend.

Je Suis Sick Of This Shit
Illustration: Tommy Kempert

Zynische Lakonik macht sich angesichts dieser Entwicklung breit. Natürlich kann ich die Medien aus ökonomischer Sicht verstehen. Sie haben bei aktuellen Entwicklungen wie Amokläufen oder politischen Umstürzen das Informationsmonopol verloren, leider auch in viel zu vielen anderen Bereichen. Der Journalismus spürt den Machtverlust, denn einem Großteil der Gesellschaft reichen ihre „Nachrichtenquellen“ bei Facebook und Co, um in der immer komplexer werdenden Welt einfache Antworten zu finden. Wenn ich mich nur häufig genug mit Leuten umgebe, die meine Meinung teilen, wird die schon stimmen. Darauf können sich Pegida-Marschierer, Trump-Wähler und Erdogan-Sympathisanten einigen. Doch, dass dies keine konstruktive Lösung ist, scheinen einige Menschen inzwischen zu merken. Gerade die Fürsprache für das ausgezeichnete Social-Media-Verhalten der Münchner Polizei  zeigt, dass es eine große Anzahl an Usern im Netz gibt, die weiß, wann Clickbaiting wenig Sinn ergibt. Wem nützt die aufgestachelte Atmosphäre am Ende mehr? Wohl eher denen mit der Marktschreier-Mentalität eines Björn Höcke oder Donald Trump.

Bizarrerweise hat noch etwas anderes abgenommen: Niemand hat sein Facebook-Profilfoto mit den weißblauen bayrischen Farben verziert. Nach dem Angriff des IS auf eine Siedlung in Afghanistan einen Tag später eh nicht. Auch diese öffentliche Mitleidsbekundung zur Beruhigung der eigenen Seele bringt nichts. Langsam scheinen das alle zu merken. Sicher werden auch die Medien merken, dass sie nur mehr Öl ins Feuer gießen, wenn sie mangelnde Plausibilität mit stundenlangen Sondersendungen und ARD-Brennpunkten zu kaschieren versuchen. Das ist nicht euer Job! Nicht in dieser veränderten medialen Umwelt und mit dieser neuen Form des Terrors. Informiert, recherchiert und klärt auf, wenn es etwas aufzuklären gibt. Und wenn nichts da ist, ist da auch nichts. Akzeptiert es und schweigt. Das gilt auch für viele Privatleute in den sozialen Medien. Empathie sollte Selbstverständlichkeit sein und kein Fischen nach Likes. Solange wir die Wurzeln des Terrors nicht bekämpfen, müssen wir uns daran gewöhnen, dass er nach Jahren nun auch bei uns vor der Haustür stattfindet. Erst wenn dieser Erkenntnisgewinn akzeptiert wird, können wir zum Lernprozess voranschreiten. Sowohl politisch als auch medial und gesellschaftlich. Pack ma’s!

Gesehen bei Twitterperlen.
Gesehen bei Twitterperlen.