Illustration: Sophia Halamoda
Illustration: Sophia Halamoda

Ich bin in einer durch und durch analogen Welt groß geworden. Meinen ersten Computer bekam ich mit 18, das war 1998. Das erste Handy kurz darauf. Internet gab es zwar schon, aber es spielte in meinem Leben keine große Rolle. Ich kannte ein paar Nerds, die von Chatrooms und Kuriositäten-Seiten wie rotten.com schwärmten. Irgendwann richtete mir ein Freund ein E-Mail-Konto ein. Er meinte, das bräuchte man jetzt. Warum, verstand ich anfangs nicht, schrieb mir doch eh niemand.

Doch das änderte sich schon bald: Nach der Jahrtausendwende schaffte ich es gerade noch, auf den Digital-Native-Zug aufzuspringen und mir die Social-Media-Welt sowohl privat als auch beruflich zunutze zu machen. MacBook und Smartphone wurden zu meinem verlängerten Arm. Oder, wie ich erst in letzter Zeit immer stärker realisiere, zu meinem zweiten Gehirn. Ich möchte mich weder in Fortschrittspessimismus suhlen noch einer verklärten Vergangenheitsromantik hinterhertrauern. Trotzdem finde ich es schade, vieles, das ich einst konnte, verlernt zu haben. Ich möchte ohne all die vermeintlichen Helfer wie Handy und Co auskommen und meine alten Fähigkeiten wieder zurück! Am augenscheinlichsten erscheinen mir die folgenden drei:

Die Handschrift

schreibschrift
Illustration: Sophia Halamoda

Als vor zwei Jahren mein erstes Kochbuch erschien, fing ich an, Bücher zu signieren. Dabei merkte ich schnell, dass meine Handschrift unter aller Kanone war. Ich stockte, konnte Wörter nicht in einem Zug schreiben, vertauschte Buchstaben und machte Fehler wie ein aufgeregter Zweitklässler beim Diktat. Und das alles direkt in die Bücher, die ich gerade verkaufte. Wie peinlich! Außerdem tat mir schon nach ein paar Sätzen die Hand weh. Ich war einfach vollkommen aus der Übung.

Jahrelang hatte ich höchstens mal einen Einkaufszettel oder eine Geburtstagskarte geschrieben. Sowohl die Fähigkeit des Schreibens an sich als auch meine Rechtschreibkenntnisse waren futsch. Dabei hatte ich einst im Deutsch-LK handschriftlich zwölfseitige Textanalysen verfasst. Klar passierten da auch mal Schreibfehler, die man fein säuberlich mit Lineal und Bleistift durchstrich, aber die Formulierung und die Struktur des gesamten Textes überlegte man sich vorher gründlich und brachte sie erst dann zu Papier. Heute kann man jederzeit Textteile verschieben, löschen und einfügen, ohne sich groß Gedanken zu machen. Sicherlich ist das auf den ersten Blick eine Erleichterung, doch unsere geistige Flexibilität und unser Vorstellungsvermögen werden dadurch meiner Meinung nach weit weniger gefordert.

Mittlerweile versuche ich wieder gezielt, mir erstmal intensiv Gedanken über die Struktur eines Textes zu machen, bevor ich beginne, ihn aufzuschreiben. Denn diese Gehirngymnastik tut gut. Und was die Handschrift anbelangt, so habe ich mir vor Kurzem einen hübschen Füllfederhalter gekauft und versuche wieder regelmäßig, Dinge handschriftlich zu notieren, damit ich mich beim nächsten Buch nicht noch mal blamiere.

Probier es doch auch mal aus! Schreib per Hand einen Brief. Oder eine Widmung. Es muss ja nicht gleich ein Buch sein.

Der Orientierungssinn

Illustration: Sophia Halamoda
Illustration: Sophia Halamoda

Vor der Erfindung von Google Maps verwendeten wir natürlich schon Stadtpläne und Landkarten, um uns in unbekannten Territorien zurechtzufinden. Nur sagte ein Stadtplan dir nicht, wo du gerade stehst. Deshalb musstest du dich an deiner unmittelbaren Umgebung orientieren, und wenn das nicht reichte, mit Passanten in Kontakt treten und sie nach dem Weg fragen. So lernt man zusätzlich nette Menschen kennen und irrt nicht wie ein Zombie durch fremdes Areal!

Meinen ersten Barcelona-Trip meisterte ich alleine mit den Umgebungsplänen der U-Bahn-Stationen, die ich mir einprägte, um mein Ziel zu finden. Dank der Tatsache, dass ich mir ein Stück des Stadtplans für eine begrenzte Zeit merken musste, finde ich mich selbst nach Jahren in einigen Ecken der Stadt noch super zurecht. Wenn ich hingegen mit meinem Handy herumirre, merke ich mir nicht einen Straßennamen.

Bevor es Smartphones gab, hatte ich mal einen Freund, der immer vergaß, wo er sein Auto geparkt hatte. Zum Geburtstag schenkte ich ihm einen folierten Umgebungsplan seiner Hood und einen abwaschbaren Stift – quasi eine analoge Version von Google Maps, auf der er sich den Parkplatz markieren konnte. Damals machten wir uns noch über seine Orientierungslosigkeit lustig. Doch mittlerweile sind wir alle zu Sklaven unseres Netzempfangs geworden und fangen erstmal zu weinen an, bevor wir es wagen, jemanden nach dem Weg zu fragen. Im schlechtesten Fall kennen sich die anderen genauso wenig aus wie wir, weil sie ebenfalls nicht gezwungen sind, sich ihre Umgebung einzuprägen.

Wie wäre es, wenn wir uns wieder von unserem Telefon lösen, es in der Tasche oder gar zu Hause lassen und uns unsere Umgebung wieder anhand von Bäumen, Straßenecken oder Kneipen merken? Ist doch ein tolles Gefühl, nach ein paar Jahren an einen Ort zurückzukehren und die schnuckelige Pizzeria in der Seitengasse nur mit Hilfe unseres eigenen Gedächtnisses wiederzufinden!

Das Zahlengedächtnis

Illustration: Sophia Halamoda
Illustration: Sophia Halamoda

Wie viele Telefonnummern kennst du auswendig? Wie viel ergibt 21,50 plus 38,45? Kannst du diese Rechnung ohne Taschenrechner lösen?

Als Teenager kannte ich alle Telefonnummern meiner Freundinnen samt ihrer Adressen: auswendig. Du hättest mich nachts aufwecken können, und ich hätte sie dir runtergebetet. Ähnlich war es mit Rechenaufgaben. Wir hatten einen Mathelehrer, der uns in der fünfte Klasse zwang, das große Einmaleins auswendig zu lernen. Jede Stunde fragte er uns stichprobenartig ab, und wenn jemand keine Antwort wusste, musste er alle Rechnungen so oft niederschreiben, bis er keine Fehler mehr machte. Zugegebenermaßen grenzte dieses Prozedere hart an pure Tyrannei, doch hatte es zur Folge, dass wir alle verdammt gut kopfrechnen konnten.

Heute kann ich nur noch meine eigene Handynummer und die Festnetznummer meiner Eltern aufsagen, aber auch nur, weil sich seit meiner Kindheit nicht geändert haben. Und wenn ich etwas ausrechnen muss, benutze ich auch zumeist den Taschenrechner. Ist ja auch praktisch, dass es Taschenrechner und Registrierkassen gibt. Doch auch hier empfinde ich so ein Gefühl der Abhängigkeit von einer Maschine, auch wenn ich weiß, dass ich selbst dazu in der Lage bin, mir Dinge zu merken oder im Kopf auszurechnen. Es müssen ja nicht die ersten zwanzig Verse von De Bello Gallico sein (ein lateinischer Kriegsbericht von Gaius Iulius Caesar, den ich in der Schulzeit auswendig lernen musste …), aber ein paar Telefonnummern wären doch ganz praktisch. Und wenn die Bedienung im Restaurant schon zu unbeweglich ist, den Preis für einen Cappuccino und ein Stück Kuchen im Kopf zusammenzurechnen, kann man ihr zumindest charmant zuvorkommen; „5,40 €, stimmt’s? Machen sie 6, bitte.“

Ich plädiere für eine schöne neue digitale Welt, in der wir trotzdem nicht vollkommen vergessen, wozu unser Gehirn in der Lage ist, nämlich zu geistigem Workout. Wir sollten wieder öfter auf die eigenen Fähigkeiten vertrauen und nicht gleich zum erstbesten Hilfsmittel greifen. Wissen ist sexy, können auch – und handgeschriebene Briefe sowieso.

Wie schön wäre es, einen handgeschriebenen Brief mit einer auswendig gelernten Anschrift zu versehen und ihn ganz ohne Google Maps zur nächsten Post zu bringen. Den Rest erledigen schon Maschinen.