Als ich mich vor drei Wochen nach Tokio aufmachte, war es unter anderem mein Ziel, das Social-Media-Verhalten der Japaner unter die Lupe zu nehmen. Welche Gemeinsamkeiten, welche Neuheiten, welche Unterschiede gibt es hier im Vergleich zu Deutschland? Zurückgekehrt bin ich leicht ernüchtert, da ich mir mehr Innovationen und unbekannte Apps erhofft hatte.

Vreni Frost

Zunächst aber zum Grundsätzlichen: In Japan ist die Nutzung eines Pocket-Wifi Standard und sehr hilfreich, egal ob es um Google Maps oder den Upload von Bildern auf die unterschiedlichsten Kanäle geht – gerade für mich als Touristin war es eine enorme Erleichterung. Wie auch bei uns beschäftigen sich die Japaner in öffentlichen Verkehrsmitteln fast ausschließlich mit ihren Smartphones. Dazu sind sie noch etwas schmerzfreier, wenn es um Selfies in der Öffentlichkeit geht; das Ablichten des eigenen Antlitzes ist dort eine beliebte Beschäftigung in der U-Bahn. Außerdem spielen zahlreiche Japaner eine Art Puzzle-Spiel mit bunten Katzenköpfen, das ich aber auch nach halbstündiger Recherche nicht ausmachen konnte.

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Im japanischen Netz

Nach Katzen und Selfies geht es aber nun ans Eingemachte. Damit meine ich nicht die allseits sehr beliebten Pickles im japanischen Restaurant, sondern die größten Social-Media-Netzwerke in Japan.

Unsere allseits bekannten und genutzten sozialen Netzwerke sind auch in Japan stark vertreten. Während allerdings Twitter bei uns ziemlich stiefmütterlich behandelt wird, ist Japan der einzige Markt, auf dem der Mikroblogging-Dienst erfolgreicher ist als Facebook. Die Japaner twittern wie wild, egal ob es um die Lieblings-TV-Serie oder ein Rockkonzert geht. Mit 140 Zeichen kann man auf Japanisch übrigens fast doppelt so viel ausdrücken wie beispielsweise auf Deutsch.

Facebook hingegen wird in Japan vor allem für Geschäftsbeziehungen genutzt, ähnlich wie bei uns LinkedIn. Spannend: Als Japan 2011 von einem schweren Erdbeben heimgesucht wurde, funktionierten zwar die Handys nicht mehr, das Internet jedoch blieb stabil. Über Facebook konnten die Liebsten kontaktiert werden. Daraufhin erlebte die Plattform einen unglaublichen Boom. Instagram steckt in Japan noch in den Kinderschuhen, wächst aber rasant. Besonders die jungen Leute schießen eifrig Selfies und lieben bunte Apps zum Bearbeiten ihrer Fotos.

From the App Store …

Was aber sind die Neuheiten, die ich entdeckt habe? Da wäre zunächst einmal LINE, die mobile Messaging-App in Japan. Rund fünfzig Millionen aktiver User (das sind um die vierzig Prozent der japanischen Bevölkerung) senden über die App private Nachrichten, teilen Bilder, Filme, Musik, spielen Spiele oder nutzen die kostenlose Audio- und Video-Call-Funktion. Hierzu gehören auch Gruppenanrufe mit bis zu zweihundert Personen – wem auch immer das gefällt. Darüber hinaus besitzt LINE ein Timeline-Feature, wie auch andere soziale Netzwerke.

Im hippen Tokioter Stadtteil Harajuku findet man zudem einen Laden, in dem Produkte mit den Charakteren der LINE-Sticker verkauft werden. Hier gibt es Kuscheltiere, Aufkleber, Luftballons und vieles mehr. Crazy!

linestore tokyo screenshot
credit: line store harajuku

Dann gibt es da das soziale Netzwerk Mixi. Mixi hatte lange Zeit eine Monopolstellung in Japan. Als jedoch Facebook und Co den Markt eroberten, hatte die Plattform plötzlich das Nachsehen. Heute ist Mixi wieder an der Spitze, jedoch in einem komplett anderen Bereich: Das Unternehmen produziert Spiele-Apps und das megaerfolgreich!

Eine andere beliebte App in Japan ist SNOW. Mit SNOW kann man sich das Gesicht mit lustigen Filtern und Stickern verzieren, GIFs sowie Videos erstellen und das Ganze an Freunde senden. Ich hatte in der Metro regelmäßig Menschen gesehen, die sich mit der App ihre Zeit vertrieben.

Es bleibt spannend, welche etablierten Netzwerke sich sowohl bei uns als auch international halten und welche neuen Plattformen und Apps aus dem Boden schießen werden. Global gesehen sind wir alle nicht so weit auseinander mit unseren digitalen Bedürfnissen, das Netz hält eben alles und alle zusammen.

Quelle: Freshtrax
Bilder: Vreni Frost
Headerbild: Geishas via Shutterstock