Kurz nachdem Kollegin Marlen und ich letzten Sommer von einem Monat USA-Reise, auf der wir große Teile unserer INDIE-US-Roadtrip-Ausgabe produziert hatten, zurückgekehrt waren, wussten wir: 2016 geht es nach Japan. Irgendeinen Sinn muss es immerhin haben, sein eigenes Magazin herauszugeben, nämlich: unter dem Vorwand von Arbeit die Welt bereisen.

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Und obwohl ich beruflich schon einige Ecken der Erde erkunden durfte – Japan war noch nie dabei. Unverständlich, schlummern in mir doch seit jeher Anzeichen einer Seelenverwandtschaft mit dem japanischen Volk. Erstens: meine geradezu obsessive Leidenschaft für Ramen. (Muss auch in Berlin ungefähr zweimal die Woche auf meinem Speiseplan stehen, sonst werde ich unrund.) Zweitens: Meine Liebe zu nobler Blässe, Faktor-50-Sonnencreme und Schatten im Allgemeinen. Drittens: Meine Freude an irren, bunten Cutesy-Produkten, wahlweise in Verpackungen, die mit sprechenden Meerestieren, pornösen Mangafiguren oder psychedelischen Referenzen verziert wurden.

Als wir unsere Japan-Reise nun also ins Auge fassten, Sommer 2015, wusste ich genau, wie alles geplant werden muss: bis ins allerletzte Detail nämlich. Ich wollte mich bis zur Abreise online mit jedem Fotografen, Redakteur, Künstler, Instagrammer etc. in unseren angepeilten Zielen Osaka, Kyoto und Tokyo angefreundet haben. Außerdem wollte ich eine lückenlose Liste aller besuchens-, sehens- und testenswerten Schrägitäten zusammenstellen; vom Eulencafe über Cosplay-Wrestling bis zum Oktopus-Keks.

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Doch plötzlich war es eine Woche vor Abreise und ich hatte die lange Planungsphase mit anderen Aufgaben verbracht, Kooperationen einfädeln beispielsweise. Vor allem aber damit, über die Sprachbarriere hinweg komplexe Shoots mit unterschiedlichsten Kreativteams zu koordinieren. Gar nicht so einfach, da selbst die international arbeitenden Fotografen und Produktionsmanager gewisse Schwierigkeiten mit der Kommunikation auf Englisch haben.

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Der Tag der Abreise nahte, mitten unter der Berlin Fashion Week, keine Zeit, keine Nerven. Vor allem aber keine neuen Online-Freunde, keine Liste, keine Touri-to-dos. Ich war sehr nervös aber es half alles nichts. Ich musste einfach eintauchen und sehen, was passiert.

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Seit einer Woche sind wir nun in Japan, zuerst in Osaka, jetzt Kyoto, und das, was hier passiert, war einigermaßen magisch: Die Menschen in Japan sind uns passiert, diese wunderbaren Menschen. Eine Stylistin, mit der wir bereits gearbeitet hatten (zuvor nie getroffen!), connectete uns mit einem ihrer Freunde in Osaka, der uns sofort zum Essen in seinen Lieblings-Udon-Laden mitnahm. Anschließend ging’s auf eine Party und in eine Bar, wo wir einige seiner Freunde kennenlernten. Einer davon nahm uns gleich am nächsten Tag mit in einen irre tollen Sushi-Laden, bestellte uns die köstlichsten (Grilled Fatty Tuna Nigiri) und verrücktesten (Seestern) Dinge und zeigte uns einen einzigartigen Regenbogen-Neonlichter-Supermarkt sowie eine Rock-‘n’-Roll-Bar.

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Am nächsten Tag holte uns seine Freundin mit dem Auto ab, brachte uns in ihren liebsten Mochi-Laden, führte uns zum Osaka-Schloss, nahm uns in ein unscheinbares aber fantastisches kleines Ramen-Restaurant mit (juhu!), das wir alleine niemals gefunden oder betreten hätten. Sie zeigte uns einen Park mit den schönsten Foto-Kulissen, fuhr uns nach Hause und bot an, uns am nächsten Tag nochmal durch die Stadt zu fahren, auf der Jagd nach den speziellen Häkelnadeln (don’t ask), die wir gerade suchten.

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Die aus meinen hübschen und sicherlich verklärten Anekdoten abzuleitende Moral der Reisplanungsgeschichte, sofern es eine universelle gibt, lautet also: Wichtig ist nur, die vielen Arten einzustudieren, in denen man auf japanisch Danke sagt und Leute nett ansprechen kann. Der erste neue Freund ist schnell gewonnen, und ihm folgen schnell viele weitere. Arigato Gozaimasu, Japan.

Alle Bilder: Indie Magazine und Paperboats.me