Jedes Jahr im Frühling beginnt in Japan die Saison der festlichen Umzüge, der sogenannten Matsuri. Ein shintoistischer Schrein nach dem anderen putzt dann sein Allerheiligstes heraus, überführt es in eine reich verzierte Sänfte und präsentiert es so den Gläubigen.

Einer der auf den ersten Blick absurdesten dieser Umzüge ist wohl der des Kanayama-Schreins in Kawasaki, bei dem riesige Penis-Skulpturen durch die Straßen getragen werden. Einer Legende nach wurde der Schrein im 17. Jahrhundert dem Penis gewidmet, als eine örtliche Frau von einem Dämon heimgesucht wurde, der sich in ihrer Vagina einnistete und mehrere Männer mit seinen scharfen Zähnen kastrierte.

Der Frau konnte erst mithilfe eines eisernen Phallus, an dem sich der Dämon seine Zähne ausgebissen haben soll, geholfen werden. Bis zum heutigen Tage werden daher der Phallus und sein Schöpfer, ein örtlicher Schmied, in dem kleinen Schrein in Kawasaki verehrt und in allen Angelegenheiten zur Fruchtbarkeit und Schwangerschaft um Hilfe angerufen.

Die Legende war lange Zeit kaum außerhalb der Region bekannt, und so fristete auch der Schrein im Osten der Metropole wie die meisten anderen ein eher beschauliches Dasein. Erst Ende der Siebzigerjahre wurde das erste Matsuri abgehalten, bei dem zwei, drei Meter große Phalli, begleitet vom anhaltenden Prozessionsgesang, durch die verschlafenen Straßen des Stadtrandes getragen werden.

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Die Anhänger bringen der Monstranz ihre Verehrung entgegen, und haben auch an dessen Segen Anteil, wenn sie diese ein Stück weit mittragen. Anfangs nahmen am Kanamara Matsuri kaum Gläubige teil. Erst in den vergangenen Jahren entwickelte sich das Fest zu einem Besuchermagneten, der zuletzt etwa siebenhundert Gläubige und Schaulustige anzog.

Das bemerkt man bereits während der sonst so ruhigen Zugfahrt, die an diesem Wochenende durch das laute Geschnatter der unzähligen Touristen gestört wird. Abseits der bekanntesten Sehenswürdigkeiten trifft der Japan-Besucher sonst kaum auf Ausländer, doch das Kanamara Matsuri gehört seit einigen Jahren zu den sogenannten Geheimtipps der Reiseführer und –veranstalter. Daher empfiehlt es sich nicht nur, möglichst früh zu kommen, sondern auch den teilnahmslosen Trott der westlichen Besucher frühzeitig zu verlassen und sich dem wesentlichen Teil des Umzugs an seiner Spitze anzuschließen. Denn dort, mitten im Spektakel, kann man am besten erkennen, worum es den Japanern an diesem Tag geht: ausgelassen, feierlich und durchaus auch mit einem Schmunzeln ihr heiliges Fest zu begehen.

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Alle Bilder: Matthias Planitzer