Große Dichter und Denker haben Tagebücher geführt; Goethe, Kafka, Frisch. Letzterer nannte das Tagebuchschreiben „Notwehr“: „Mit dem Leben fertig werden, weil man Dinge benennt, die man gegenüber anderen nicht sagen kann. Wobei alle Gefahren und Genüsse da sind, die der Selbstgerechtigkeit, der Rechenschaft oder der Selbstkontrolle dienen“. Dandy Oscar Wilde sagte zum Aufzeichnen seines Lebens: „Ich reise nie ohne mein Tagebuch. Schließlich möchte ich etwas Spannendes zu lesen dabei haben“.

Mit Facebook-Posts über Konzerte, Gedanken und Urlaube, Tweets zum Zeitgeist oder Instagram-Bildunterschriften haben die meisten von uns längst mehrere Bücher vollgeschrieben. Diese Worte schwirren lose durchs Internet, werden gelesen, kommentiert und dann von den nie endenden Wellen von Meldungen und Nachrichten im Content-Ozean überspült und verschlungen. Oder weißt du noch, was du vor 42 Tagen und 16 Stunden auf Facebook gepostet hast?

Seit Jahren schreibe ich jeden Tag in ein Buch, das wohl niemand je zu Gesicht bekommen wird. Es ist das Gegenteil der allherrschenden Selbstdarstellungssucht. Das weiße Buch mit goldenem Rand hat genau dreihundertfünfundsechzig Seiten. Eine für jeden Tag. Was ich täglich schreibe, fragen meine Freunde. Ich finde, es passiert jeden Tag Aufregendes. Man muss nur die Augen offen halten. Tagebuchschreiben ist für mich das ehrlichste Bekenntnis zu meinem Handeln. Als Schreibender werde ich gleichzeitig mit der Rolle des Akteurs und Beobachters konfrontiert. Ich konserviere meine Erinnerungen, dokumentiere aber auch Zeitgeschichte. Authentizität kann in wohl keinem anderen Medium so gut stattfinden wie in einem Tagebuch. Weil ein Tagebuch aber geheim ist, hat Freund und Künstler Andy Kassier die Schrift angepasst. 

IMG_9173

Schließlich ist niemand so doof, seine unpopulären Gedanken und dunkelsten Gefühle auf Social Media zu teilen. Meinem Tagebuch kann ich alles anvertrauen. Es liest außer mir niemand. Ein Tagebuch dient aber nicht nur der Darstellung des eigenen Lebens, sondern ist auch Entschleunigung und Auswahl der wichtigsten Momente. In Zeiten, wo wir den ganzen Tag auf einer Tastatur rumhacken und in digitalen Sphären rumklicken, ist es entspannend, mal wieder mit der Hand zu schreiben. Das machen viele nämlich auch nur noch beim Erstellen eines Einkaufszettels. Ein Tagebuch ist etwas, dass du selbst mit deinen Händen und deinen Gedanken erschaffst.

Es ist ein Werk zum Anfassen, im Vergleich zu meinen Comments, Posts und Likes. Vor lauer Netzwerken sehen wir den Wald nicht mehr. In meinem Tagebuch gibt es hingegen nur eine Seite pro Tag. Da zählt nur Wichtiges.

Mein Tagebuch darf auch chaotisch sein, denn nur ich musst es verstehen. Im Zeitalter der Profilierung durch Social Media oder Blogs ist das Tagebuchschreiben ein Gegenentwurf, weil dieser Kanal nur für mich selbst stattfindet. Es ist für mich alleine, obwohl ich nicht alleine bin mit dieser Tätigkeit. Zwei Drittel aller jungen Frauen zwischen 15 und 24 Jahren schreiben in Deutschland Tagebücher, bei den Männern sind es immerhin ein Fünftel. Weil es keine Veröffentlichung gibt, fällt aber der Druck weg und bringt Muße für wahre Gefühle und Gedanken. Tagebuchschreiben dient nicht der Profilierung, sondern funktioniert wie ein Bremshügel, der uns dabei unterstützt, über das Leben zu reflektieren und uns unser Selbst (wieder) bewusst zu machen. Der Zweck meines Tagebuches ist die tägliche Auseinandersetzung mit mir selbst und meinem Handeln, Plänen, Ängsten oder Sorgen. Welches Verhalten zeichnet mich aus? Was ist typisch für mich? Was passt nicht zu mir? Was sind meine Tabus?

Die „Keine Zeit“-Ausrede lasse ich nicht gelten. Denn wie viel Zeit verbringe ich täglich in sozialen Netzwerken? Wenn es um die Reflektieren meines eigenen Lebens geht, sollte ich doch eine Viertelstunde aufwenden können, um eine Seite pro Tag zu schreiben. Eine Studie der Universität Mainz belegt, dass sogenannte Diaristen kreativer, einfallsreicher und selbstbewusster sind als andere Menschen. Im rasanten Informationstornado, der uns mittlerweile heimsucht, wird die Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich rar. Beim Tagebuchschreiben gehört man aber nur sich selbst. Beim Schreiben wird der Kopf frei, das Leben erhält einen roten Faden und nach ein paar Jahren begegnet man staunend dem einstigen Ich.

IMG_9332 Kopie

In der Konversation mit dem eigenen Kopf schreibe ich immer wieder Gedanken auf, die ich doch teilen will; mit Freunden oder Familie und ausnahmsweise mal mit der Community. Daher ein passender Mini-Auszug aus dem vergangenen Februar.

Nach sechs Monaten Indien und sechs Monaten Südostasien werde ich in die westliche Wirklichkeit zurückkatapultiert. Sie hat vor allem ein Problem: Die unlösbare Aufgabe, mit all den Reizen klarzukommen. Wir tanzen und toben im Bunker der Rastlosen, kleben im unverbindlichen Network fest, zappeln und rudern uns durch Jobs, ludern durch Beziehungen und Freundschaften. Wir werden süchtig nach Reizen, weil wir uns ohne sie fühlen wie eine schlappe Attrappe. Eine Attrappe, die tickt, weil sie konsumiert, arbeitet, flirtet und lernt, aber die nie richtig knallen wird.

(Auszug, Tagebuch David Torcasso 29.2.16)