Ich rege mich ja eigentlich nie öffentlich online über Dinge auf. Meine Zeit und meine Nerven sind mit die wertvollsten und knappsten Ressourcen, über die ich verfüge. Ich schütze sie, indem ich normalerweise nichtmal einen testenden Zeh in die Untiefen der Internet-Rage-Kultur eintauche.
In Internetforen und Kommentar-Threads wohnen auch nachweislich vorwiegend gelangweilte Freizeitpöbler, und es gibt wirklich vieles, dem ich in meinem Leben gerne mehr Zeit widmen würde. Freizeitpöbler gehören nicht dazu.

Aber dann hatte ich in meinem Facebook-Feed die letzten zwei Wochen täglich denselben gesponserten Allianz-Post vor der Nase, der mir vermutlich nichtmal aufgefallen wäre, hätte seine Headline „Wo Mann so hinguckt 😉 …“ und der schnittige Hashtag #damalswieheute nicht meine Aufmerksamkeit erregt. Ein ulkiger jahrzehntealter TV-Spot, den man bei der Allianz-Versicherung wohl stolz aus dem Archiv gekramt hatte, um ihn mithilfe von massivem Budgetaufwand einmal quer durch Social Media zu schicken. Darin zu sehen ist ein Mann am Steuer, der einer Frau in Trägershirt und Rock hinterherguckt und daraufhin einen Unfall mit einem Laster baut. Allianz hilft, alle lachen gemeinsam, ho, ho, kann ja mal passieren – #damalswieheute.

Ich habe mich über den Spot geärgert und weitergescrollt. Das gleiche auch am nächsten Tag. Und nach ein paar Tagen des Ärgerns dachte ich mir:

Wie komme ich eigentlich zu der Ehre, dass mich dieser Schwachsinn jeden Tag in meinem Feed, quasi mitten in meinem digitalen Wohnzimmer, zwangsbeglücken möchte?

Es gibt zu diesem Spot hunderte Kommentare, die den Service und die Arbeit der Allianz grob beflegeln und auseinandernehmen, aber niemandem schien es wichtig zu hinterfragen, warum man dieses Relikt aus einer Zeit, in der Frauen noch problemlos witzelnd als Objekt dargestellt wurden, aus den Untiefen des Archivs geholt hatte.

Ich kommentierte:

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Ich wollte es einfach an dieser Stelle – mitten in meinem digitalen Wohnzimmer – gesagt haben, auf dass in der nächsten Allianz-Social-Media-Feedback-Besprechung vielleicht irgendjemand unter all den Rückmeldungen auch diese berücksichtigen wird.
Ich entdeckte auch, dass man den Spot in einer Variante neu aufgelegt hat, in der eine Frau dem Mann hinterhersieht und in einen Gemüselaster kracht. Das macht es fast noch schlimmer. Irgendjemand in der Allianz-Marketingabteilung hatte wohl schlau geschlussfolgert, dass Minus und Minus Plus ergeben müssen.

Nach einer Woche noch kein Feedback des Unternehmens, aber ich bekam höflicherweise von einem umsichtigen User Antwort:

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Nach einer weiteren Woche meldete sich nun doch auch Allianz Deutschland AG zu Wort:

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Autsch! Social-Media-Öffentlichkeitsarbeit, die weh tut. Und symptomatisch für das Problem ist.

Wenn es sich noch nicht bis zu einem international agierenden und börsennotierten Versicherungs- und Finanzkonzern wie der Allianz durchgesprochen hat, dass #damalswieheute das falsche Signal ist und sexistisch konnotierten Herrenwitzen keine derartige Bühne geboten werden sollte, dann stehen wir mit den Bemühungen, eine gleichberechtigte Gesellschaft zu stärken, leider noch am Anfang.
Ja klar, ich werde fast täglich mit schlimmerem #sexistischenkackscheiß konfrontiert, der uns als Werbung verkauft wird. Und angesichts der unzähligen Alltagsprodukte, die 2016 mit halbnackten Frauen beworben werden, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, mag der Spot vielen wie eine Lappalie erscheinen.

Aber „you have to pick your battles“, und dieser hat mich ausgesucht, ist mir auf der Nase herumgetanzt.

Es war jedenfalls ein befreiendes Gefühl, sich der Nutzt-ja-doch-nichts-Lethargie, die einen angesichts des stets vorhandenen unterschwelligen Alltagssexismus umgibt, nicht hinzugeben und zu sehen, dass der Denkanstoß auch auf der anderen Seite ankommen könnte. Dank der lautstarken Unterstützung meines Netzwerkes, das nach ersten Posts zum Thema sofort mit mir die Stimme erhob. Kleine Schlachten gewinnen, eine nach der anderen, gegen die #damalswieheute-Mentalität in so vielen Köpfen da draußen.