Hätte man mir vor zwei Jahren gesagt, dass ich mal Bilder mit nacktem Popo von mir im Internet veröffentlichen würde, hätte ich es ganz sicher nicht geglaubt. Damals war ich kein großer Freund der sozialen Medien. Und im Privatleben bin ich es auch heute noch nicht.

Als ich mein Spiri-Blog-Projekt „Seelenrave“ startete, lautete meine Social-Media-Strategie „radikale Authentizität“. Weil ich finde, dass meine Gedanken nur dann die Herzen erreichen können, wenn sie auch wirklich meinem Herz entspringen. Ja, all dem entspringen, was da drin schlummert an Liebe, aber auch an Angst und an Unfrieden. Ich will mein „nacktes Selbst“ teilen und Menschen dazu ermutigen, ebenfalls den Weg zu ihrer ganz individuellen Wahrheit zu beschreiten. Weil es für mich der Weg in die Liebe und zur Freiheit ist.

Irgendwann fragte mich eine Followerin in einem User-Kommentar, wie denn meine halbnackten Selfies mit Spiritualität vereinbar seien. Und dass jene doch im Grunde nur ein Ego auf der Suche nach Aufmerksamkeit widerspiegeln würden. So sah ich mich mit der Frage konfrontiert, in wie weit ich auf meinem Blog wirklich ich selbst bin oder meine vermeintlich so authentische Social-Media-Strategie tatsächlich Elemente einer egogetriebenen Selbstinszenierungskampagne enthält.

Die Antwort, die in meinem Herzen aufploppte, war klar und deutlich: Es ist völlig gleichgültig, wie viel Ego in unserer Selbstdarstellung steckt und inwiefern wir versuchen, ein Image von uns nach außen zu tragen, von dem wir hoffen, dass es gut ankommt. Was zählt, ist, dass wir nicht unseren Angstimpulsen folgen und uns verstecken, obwohl uns eigentlich danach ist, uns zu zeigen. Dass wir es wagen anzuecken. Dass wir auch unserem Ego in gesundem Maße jenem Raum gewähren, den es für sich beansprucht – egal ob in der digitalen Welt oder im Real Life.

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Wahre Authentizität ist, sich zu zeigen mit allem, was man ist. Das mag polarisieren. Doch gleichzeitig zu einer Selbstdarstellung inspirieren, die wirklich unserem Innersten entspringt. Das kostet manchmal Mut. Doch für mich ist nichts so kostbar wie das Gefühl der Freiheit, das sich einstellt, wenn ich die Fassade ablege.

Früher habe ich Menschen verurteilt, die einen großen Selbtdarstellungsdrang hatten, ja habe sie als egozentrisch und bestätigungsgeil abgestempelt. Heute weiß ich, dass es mein eigener innerer Kritiker war, der mich zu solchen Urteilen verleitete. Weil er es mir selbst nicht eingestand, mich der Welt zu zeigen und das über Bilder und Texte auszudrücken, was mir auf dem Herzen brannte. Weil dieser Kritiker mir selbst nicht eingestand, meine eigene Rampensau zum Leben zu erwecken, die zweifelsohne ein Teil von mir ist.

Heute bewundere ich Menschen, die den Mut für einen authentischen Selbstausdruck aufbringen und gleichzeitig Meister der Selbstinszenierung sind. Wo ich früher narzisstische Persönlichkeiten hinter der Selbstdarstellung vermutete, richte ich nun den Fokus auf ihre Fähigkeit, die Menschen zu bewegen und ihre Individualität in der weiten Welt von Social Media zum Leuchten zu bringen. Schlussendlich ist es eine Frage des Blickwinkels, und dieser sagt viel mehr über uns aus, als über die Menschen, die wir oft abfällig verurteilen.

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Ich bin für mehr „Leben und leben lassen“, auch in der digitalen Welt . Für mehr Toleranz für vermeintlich aufgeblasene  Egos, die sich nichts sehnlicher wünschen, auch endlich mal gesehen zu werden (Tragen wir diesen Anteil nicht alle mehr oder weniger in uns?). Und für eine wirkliche Authentizität, die Raum lässt für menschliche Schwächen. Entliken können wir ja immer noch, oder?

Dein Ludwig