Ich mag es, Rollstuhl zu fahren. Vielleicht wäre ich selbst nicht auf die Idee gekommen, mir einen Rollstuhl zuzulegen, wenn ich ihn gar nicht gebraucht hätte. Aber jetzt, wo mir nichts anderes übrig bleibt, bin ich auf den Geschmack gekommen und behaupte sogar: Rollstuhlfahren macht Spaß. Besonders, wenn es schön bergab geht oder ich über eine ganz bestimmte Art von Pflastersteinen rolle – das kribbelt dann immer so schön.

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Mein Rollstuhl ist wie ein Anzug, er ist maßgeschneidert. Er ist leicht und wendig und sieht sportlich aus. Er schenkt mir Freiheit und kompensiert die Mobilität, die mir mein Körper nicht geben kann. Ohne meinen Rollstuhl wäre ich ziemlich aufgeschmissen, und wenn irgendwelche Teile an ihm streiken (Rad ab, Gabel gebrochen oder Schraube locker), dann ist das in etwa so, als wenn jemand mit einem angeknacksten Knöchel rumhumpeln muss.

Mein Rollstuhl ist wie ein Körperteil von mir, und das ist nach elf Jahren steiler Rollstuhlkarriere auch in meinem Unterbewusstsein angekommen. Denn wenn ich träume, suche ich oft panisch diesen einen, meinen Stuhl, wache schweißgebadet auf und gehe erst wieder in eine regelmäßige Atmung über, wenn ich sehe, dass er seelenruhig und auf mich wartend neben meinem Bett steht. 

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Mit Leoprint und blinkenden Rädern

In den letzten dreißig Jahren hat sich auf dem Rollstuhl-Markt einiges getan. Der Rollstuhl hat sich vom umständlichen Krankenhausklotz zu einem Accessoire entwickelt, das sich nicht nur auf die individuellen Bedürfnisse der Nutzer*innen anpassen lässt, sondern auch dem persönlichen Geschmack entgegenkommt.

Als ich damals meinen ersten Stuhl bekam, hätte ich die Möglichkeit gehabt, zwischen zwanzig verschiedenen Farbkombinationen und diversen Rahmen, Rädern oder Radgabeln wählen zu können. Das war mir jedoch alles zu viel und ich entschied mich für Schwarz. Ein schönes, schlichtes, mattes Schwarz mit Leoprint für die Rückenlehne. Ich war jung und fand das ziemlich gut. 

Heute sitze ich in einem schwarzweißen Modell, ohne Leopardenfell, aber mit kleinen Lenkrädern, die bei jeder Umdrehung hysterisch blinken.

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An den Rollstuhl gefesselt

Aber noch immer muss der Rollstuhl, ein Hilfsmittel, das Menschen wir mir überhaupt erst ein selbstbestimmtes und freies Leben ermöglicht, als gesellschaftliches Symbol des Schreckens herhalten. Er symbolisiert Krankheit, Schmerz und Einschränkung. Alles Dinge, mit denen keiner etwas zu tun haben will. Floskeln, wie „Sie ist an den Rollstuhl gefesselt“ oder „Er leidet unter seiner Behinderung“ begegnen mir fast täglich in den deutschen Medien. Sie nähren in unserer Gesellschaft das defizitäre Bild von Menschen mit Behinderung und verstärken den Eindruck von Schwäche, Passivität und Abhängigkeit. Ein Bild, das längst nicht der Lebensrealität aller behinderten Menschen entspricht und schon gar nicht meiner eigenen. 

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Symbol von Freiheit

Das Gegenteil ist der Fall. Mein Rollstuhl steht für Freiheit und Mobilität. Mein Rollstuhl ermöglicht es mir, mich morgens von meinem Bett weg zu bewegen, arbeiten und einkaufen zu gehen und abends wieder zu meinem Bett zu kommen. Selbständig. Ohne meinen Rollstuhl hätte ich nicht in die Niederlande zum Studieren gehen können, hätte auf Reisen durch Europa oder die USA verzichten müssen und wäre niemals bekifft einen Berg auf einer Lichtung im Wald, runtergefahren; hätte mich niemals mehrfach überschlagen, mir niemals die Nase blutig geschlagen und niemals zusammen mit meiner Freundin den Lachkrampf unseres Lebens gehabt, kurzum: Ohne diesen Stuhl könnte ich nicht das Leben führen, was mich glücklich und zu der Frau macht, die ich heute bin. Er ist mein ständiger, unabdingbarer Begleiter. Ich kann mir mich ohne Rollstuhl heute nicht mehr vorstellen. Er ist ein Körperteil von mir geworden. Mein Rollstuhl ist klein und wendig, er sieht gut aus, macht, was ich will, und er heißt Manfred. 

Text: Laura Gehlhaar
Bilder: Schall & Schnabel